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Donnerstag, 13. Juli 2017, Ausgabe Nr. 28

Donnerstag, 13. Juli 2017, Ausgabe Nr. 28

Interview

„Das hat mit Innovation nichts mehr zu tun“

Von Jürgen Voges | 13. Oktober 2016 | Ausgabe 41

Johannes Kempmann, Präsident des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), hadert mit dem EEG und sorgt sich um die Technologiekompetenz seiner Branche.

w - Kempmann BU
Foto: BDEW

„Ohne Speicher wird es mit der CO2-freien Stromerzeugung nichts“, mahnt Johannes Kempmann, Präsident des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft.

VDI nachrichten: Herr Kempmann, im Entwurf des Klimaschutzplans der Bundesregierung heißt es: „Die Energieerzeugung muss spätestens bis 2050 nahezu vollständig CO2-neutral erfolgen.“ Ist das aus Sicht des BDEW machbar?

Johannes Kempmann: Das ist bereits seit dem Jahr 2007 auch unser Ziel. Allerdings gibt es im BDEW und in seinen Mitgliedsunternehmen eine offene Diskussion darüber, wie lange wir bestimmte Arten der Energieerzeugung noch brauchen. Konsens ist allerdings, dass wir auf konventionelle Kraftwerke als Back-up noch lange angewiesen sein werden.

Johannes Kempmann

Eine 100 %ige Stromversorgung Deutschlands durch Einspeisung aus den heute zumeist genutzten erneuerbaren Energiequellen wird auf absehbare Zeit nicht funktionieren. Dazu ist die Stromerzeugung mit Wind und Sonne zu volatil. Uns fehlen Stromspeichermöglichkeiten.

Es gibt große Defizite bei der Forschung und Entwicklung in diesem Bereich. Bei der Erforschung und Entwicklung von Stromspeichern sind andere Länder deutlich besser, auch Länder, die sich das Thema Energiewende nicht groß auf die Fahnen geschrieben haben. Auch die Frage, wie wir mit der Stromerzeugung aus Braunkohle, aus Steinkohle und aus Gas umgehen wollen, ist viel zu wenig diskutiert.

Der Entwurf des Klimaschutzplans hat also in Ihren Augen große Schwächen?

Der BDEW fordert bereits seit Längerem eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wir das Ziel einer CO2-neutralen Energieerzeugung erreichen können. Bislang ist der Weg dahin nicht klar. So mindert es global gesehen nicht den CO2-Ausstoß, wenn wir in Deutschland wie geschehen Braunkohlekraftwerke stilllegen und dann dafür Kohlekraftwerke in Tschechien und Polen häufiger laufen.

Entscheidungen dieser Art haben oft ungeplante Nebenfolgen. Deswegen ist ein strukturierter Dialog wichtig. Es müssen dabei alle wichtigen Akteure an einen Tisch: die Bundesländer, die Gewerkschaften, die Umweltverbände, die Menschen vor Ort, die Kraftwerksbetreiber, die Energiewirtschaft, Industrie und Klimaschützer. Auch der Mobilitätssektor sollte vertreten sein. So kann man losgelöst von der Tagespolitik über den langfristigen Weg zum gemeinsamen Ziel sprechen.

Glaubt Ihr Verband das Ziel für 2050 ohne die Speicherung von CO2 erreichen zu können?

Es wäre eine Illusion zu glauben, dass wir in Deutschland noch einmal die Speicherung von CO2 in nennenswerter Weise realisieren könnten. Ein Forschungsvorhaben mag noch einmal denkbar sein. Aber eine großtechnische Einrichtung sehe ich nicht. Das genannte Ziel muss ohne CO2-Speicherung erreicht werden. Wir hätten aber in Deutschland auch auf diesem Gebiet mehr forschen und entwickeln können. In China gehen laufend neue Kohlekraftwerke ans Netz. Darf die CO2-Speicherung auch dort keine Option sein?

Nach dem Klimaschutzplan soll die deutsche Energieproduktion bis 2050 CO2-frei werden – bei einem um ein Drittel höheren Stromverbrauch. Dies soll Elektromobilität und Heizen mit Strom ermöglichen.

Wir werden zusätzlichen Stromverbrauch haben. Die Elektromobilität wird sich ungeachtet der Anlaufschwierigkeiten ein Stück weit durchsetzen. Auch „Power to heat“, der Einsatz von Strom in der Wärmeversorgung, wird kommen. Der Stromverbrauch wird sich erhöhen, wir müssen künftig mehr Strom als heute CO2-frei erzeugen.

Dazu müsste Deutschland die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen vervierfachen.

Die Herausforderung ist noch größer. Heute wird rund ein Drittel des Stroms in Deutschland regenerativ erzeugt. Damit wird aber nicht ein Drittel des deutschen Stromverbrauchs regenerativ abgedeckt. Die Erzeugungsspitzen des Stroms aus Wind und Sonne verkaufen wir ins Ausland. Mehr Kapazitäten sorgen für höhere Spitzen, erzeugen aber keinen Strom, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Wenn wir mehr Windkraft- und Solaranlagen bauen, laufen diese nicht statt 2000 h dann 5000 h im Jahr, sondern weiter 2000 h und dies meist zur gleichen Zeit. Ohne Speicher wird es mit der CO2-freien Stromerzeugung nichts werden.

Aber wie wollen Sie für die erforderlichen Speicher sorgen?

Eine wichtige Möglichkeit heißt „Power to gas“, also das zeitweise Überangebot an regenerativem Strom zur Gaserzeugung zu nutzen. Aber es ist unklar, wann wir dort den großtechnischen Durchbruch haben. Denn wir unternehmen auf diesem Gebiet viel zu wenig.

Wir zahlen 23 Mrd. € EEG-Umlage pro Jahr. Das erste Stromeinspeisegesetz trat 1991 in Kraft. Bis heute zahlen wir weiter reine Installationsprämien, sind wahnsinnig stolz, wenn wir mehr chinesische Photovoltaikmodule auf Dächer bringen. Das hat mit Innovation aber nichts mehr zu tun.

Wenn wir einen Bruchteil der Fördersumme in Forschung und Entwicklung von Speichertechnologien investieren würden, würde das weiterhelfen. Wir müssen systemisch denken und den Erfolg der Energiewende nicht mehr an Zubauquoten für Photovoltaik- oder Windkraftanlagen messen. Wenn wir nicht mehr in die Forschung und Entwicklung von Speichern investieren, werden wir nicht erfolgreich sein.

Der Weg zur großtechnischen Anwendung ist also weit?

Daher benötigen wir noch über einen langen Zeitraum fossile Kraftwerke zur Systemstabilisierung. Wir brauchen gesicherte, schnell abrufbare Leistung. Gleichzeitig stehen viele konventionelle Kraftwerke vor der Stilllegung. Sie rechnen sich nicht mehr, wenn die Leistung wegen des Vorrangs der Erneuerbaren statt 5000 h nur noch 2000 h im Jahr abgerufen wird. Auf Dauer wird der Staat die Betreiber dieser Kraftwerke nicht zum Weiterbetrieb verpflichten können. Es muss gelingen, gesicherte Leistung als eigenständiges Gut zu honorieren.

Was wollen Sie denn genau als gesicherte Leistung honoriert sehen? Speicherkapazitäten oder den Weiterbetrieb konventioneller Kraftwerke?

Aus meiner Sicht muss das in einem technikoffenen Verfahren geschehen. Das kann ein Speicher sein oder ein konventionelles Kraftwerk. Es wird regional unterschiedliche Lösungen zur Sicherung der Leistung geben. Wichtig ist der Effekt.

Wir brauchen Kraftwerke, die sehr schnell anspringen und die drehende Turbinen zur Systemstabilisierung haben. Zudem werden wir Speicher der unterschiedlichsten Konfiguration bekommen. Das können kleine Batterien im Keller sein, die uns zwar allein nicht retten. Das können Pumpspeicherkraftwerke sein. Das kann „Power to gas“ sein und es können zu entwickelnde Möglichkeiten sein, an die wir heute noch nicht denken. Alle Möglichkeiten sollen konkurrieren, auch Speicher gegen konventionelle Kraftwerke.

Investiert Ihre Branche in Speichertechnologien oder beklagen Sie nur fehlende Anreize?

Leider investiert die Branche angesichts der Herausforderungen zu wenig in Forschung und Entwicklung. Die deutsche Pharmaindustrie beschäftigt 40 000 Menschen in F- und E-Laboren.

In der Energiewirtschaft gibt es solche Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen nicht. Das liegt nicht daran, dass unsere Branche verstockt ist und Herausforderungen nicht sieht. Sie ist finanziell nicht mehr zu vergleichbaren Forschungsleistungen in der Lage. Wir haben keine Unternehmen mehr, die das können. Jeder weiß doch um die schwierige Lage vieler großer Energieunternehmen. Auch normale Stadtwerke können bahnbrechende Entwicklungen im Speicherbereich nicht voranzutreiben.

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