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Mittwoch, 20. Februar 2019

Umwelt

Das grüne Potenzial von Industrie 4.0

Von Bettina Reckter | 20. Dezember 2018 | Ausgabe 51

Die Digitalisierung industrieller Prozesse kann Ressourcenschonung und Klimaschutz unterstützen. Sie führt aber nicht automatisch zu Umweltentlastungen, so das Fazit einer aktuellen Studie.

Großunternehmer und Mittelständler, Weltmarktführer und kleiner Zulieferer – sie alle verknüpfen mit dem Begriff Industrie 4.0 große Hoffnungen. Sie erwarten, dass die Digitalisierung in der Produktion Effizienz sowie erhebliche Material- und Kostenersparnis bringt. Positive Effekte für die Umwelt ergeben sich in diesem Prozess eher nebenbei.

Warum aber sollte man Aspekte der Nachhaltigkeit nicht gleich berücksichtigen? Das Potenzial dazu hätte Industrie 4.0. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin, die den VDI nachrichten vorliegt. Darin listen die Autoren 23 Innovationsthemen auf, die Green Economy und Industrie 4.0 zusammenführen können. Das Bundesforschungsministerium hat das Vorhaben im Rahmen des Projekts „Evolution2Green“ gefördert.

„Industrie 4.0 kann die Kreislaufwirtschaft unterstützen, indem zum Beispiel automatisierte Demontagefabriken sensorgestützt und selbstgesteuert Wertstoffe aus Altprodukten rückgewinnen“, meint Siegfried Behrendt, Hauptautor der Studie. Sie könne zudem bewirken, dass Fertigungen aus Billiglohnländern zurückgeholt würden. „Kurze Lieferwege zu den Hauptabsatzmärkten und eine verbesserte CO2-Bilanz wären die Folge“, sagt der promovierte Biologe und Politologe.

Diese These stützt die Global e-Sustainability Initiative, eine Kooperation der informationstechnischen Industrie in Brüssel. Sie schätzt, dass sich bis 2030 weltweit 2,7 Gigatonnen Treibhausgase durch Digitalisierung industrieller Prozesse sparen ließen. Für Deutschland beziffert sie mögliche Einsparungen auf rund 10 % der derzeitigen Emissionen.

Die IZT-Forscher wollten wissen, was Industrie 4.0 für die Energie-, Verkehrs- und Rohstoffwende leisten könnte und wer was anders tun müsste als bisher. Dafür nahmen sie den Mittelstand genauer unter die Lupe. Dass selbst bei Großunternehmen die Vernetzung selten zur Ressourceneffizienz eingesetzt wird, hatte bereits das Institut der Deutschen Wirtschaft festgestellt. Da verwundert es kaum, dass das Prinzip erst recht für den Mittelstand schwierig umzusetzen ist.

Dabei bewirken schon kleine Innovationen oft Großes. Der Einsatz einer Druckluft-Leckage-App etwa, könne den Strombedarf um bis zu 35 % verringern, ermittelte das VDI Zentrum Ressourceneffizienz. Für Deutschland ergäbe das ein Minderungspotenzial von bis zu 1,6 Mio. t CO2/Jahr.

Smarte Sensorik und intelligente Steuerungskonzepte helfen auf die ein oder andere Weise jedem Betrieb, den Energie- und Materialverbrauch zu überwachen und zu senken. Allerdings fällen die Autoren um Siegfried Behrendt das ernüchternde Urteil, dass Industrie 4.0 weniger als Revolution als vielmehr wie eine pfadgebundene, beschleunigte Evolution im Rahmen bestehender Unternehmenskonzepte daherkomme. „Kleine und mittelständische Betriebe orientieren sich überwiegend pragmatisch entlang ihrer Alltagsprobleme und der Anforderungen ihrer Kunden“, resümiert Behrendt.

Die eigentlichen Potenziale für eine Green Economy werden so nicht ausgeschöpft. Daher sollte Industrie 4.0, so der Forscher, nicht nur auf Produktion und Fertigung fokussiert, sondern unternehmensnah auch auf neue Geschäftsmodelle, Wertschöpfungsprozesse und damit verbundene Ressourcenschonungspotenziale ausgerichtet werden.