Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Samstag, 17. Februar 2018

Porträt

Der Unermüdliche

Von Fabian Kurmann | 15. Dezember 2016 | Ausgabe 50

Der Gotthardbasistunnel wurde im Sommer dieses Jahres eingeweiht, Martin Herrenknecht erinnert sich noch genau daran, als das ca. 8,89 m hohe Schneidrad durch die Wand brach.

BU Portrait Herrenknecht
Foto: Herrenknecht

Durchbruch: Martin Herrenknecht lässt es sich nicht nehmen, bei großen Projekten persönlich vor Ort zu sein – hier im Gotthardbasistunnel.

Die erste Etappe des längsten Eisenbahntunnels der Welt war gebohrt, von den Maschinen, die sein Unternehmen gebaut hat. Wenn 1971 jemand Martin Herrenknecht auf seiner ersten Tunnelbaustelle am Schweizer Seelisberg gesagt hätte, dass seine Maschinen 40 Jahre später am Gotthardtunnel oder bei der Unterquerung des Bosporus in nur 16 Monaten und bis zu 100 m Tiefe beteiligt wären, er hätte ihn für verrückt erklärt.

Auf der Baustelle am Seelisberg war Martin Herrenknecht für die im Jahr 1971 weltgrößte Tunnelbohrmaschine zuständig: für einen schildmontierten Reißzahnbagger mit 3000 t Reißkraft und dem Namen „Big John“. „Dass die Tunnelbohrmaschinen weiterentwickelt werden müssten, war mir schon damals klar“, erinnert sich der studierte Maschinenbauingenieur. Denn Big John steckte immer wieder fest.

Da Martin Herrenknecht keine halben Sachen macht, gründet er 1975 ein Ingenieurbüro in Lahr in Baden-Württemberg und zwei Jahre später dort sein eigenes Unternehmen, die Herrenknecht GmbH. Seine Mutter leiht ihm damals ihre Ersparnisse: 25 000 €. In den ersten 18 Monaten arbeitet er noch nebenbei als Ingenieur, was es ihm erlaubt, sein Netzwerk und an seinen Maschinen zu entwickeln, ohne welche verkaufen zu müssen.

„Am Anfang ist es schon sehr schwierig, so ein Start-up zu beginnen“, sagt der Firmengründer. „Da muss man sich mit Vollblut 24 Stunden am Tag fürs Geschäft interessieren, sonst braucht man gar nicht anzufangen.“ Wenn es nach ihm ginge, sollten Gründer wie er damals mit ihrem Haus oder ihrer Wohnung haften. „Das gibt Druck auf den Kessel und man kreiert keine unrealisierbaren Ideen.“ Der eine Teil seines Erfolgsrezepts ist das bedingungslose Engagement, der andere, einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Bei der Größe der Tunnelbohrmaschinen beispielsweise. Dort sei es wichtig, klein anzufangen und langsam zu wachsen. „Einige Hersteller sind von 11 m auf 17 m Durchmesser hochgesprungen, das ist absolut tödlich“, sagt er.

Nach vielen erfolglos geputzten Klinken verkauft er 1978 endlich seine erste Maschine. „Das Schwierigste war für mich, Leute davon zu überzeugen, quasi Versuchskaninchen für die neu entwickelten Maschinenprototypen zu spielen“, sagt Herrenknecht rückblickend. Auch das Kaufmännische war eine Herausforderung. „Um Kredite zu bekommen, musste man anfangs noch die Goldzähne der Großmutter abliefern“, sagt der Tüftler. Mit Arbeitskollegen sitzt er damals bis spät in die Nacht in der Werkshalle und brütet über den Entwürfen der Tunnelbohrmaschinen.

1980 verlegt er seine Firma in seinen Heimatort Schwanau. Im selben Jahr lernt er auf einer Dienstreise nach Miami seine Frau Paulina kennen, mit der er drei Kinder hat. Ihre kolumbianische Mentalität lehrt den Badener auch mal loszulassen. „Die Südamerikaner können es leichter abhaken, wenn mal was schiefläuft, wir Deutschen bohren dann tagelang nach, bis wir den Grund wissen. Man braucht von beidem etwas.“

Nicht immer läuft alles so rund wie eine Tunnelbohrmaschine beim Funktionstest im Werk. Mit dem Versuch, in die Politik einzusteigen, scheitert Herrenknecht beispielsweise. Gegen den CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Weiß bringt er zwar 44 % der Stimmen zusammen, aber das reicht nicht. Wegen seiner direkten Art haben ihm auch mehrere Stimmen von der Politik abgeraten.

Herrenknecht lernt dazu, auch in finanziellen Angelegenheiten fuchst er sich gezwungenermaßen ein, nachdem 1998 seine GmbH in eine AG umgewandelt wird. Aufsichtsrat und Kontrollgremium interessieren sich mehr für Zahlen als für Konstruktionszeichnungen. „Mich hat die Technik immer mehr fasziniert“, sagt Herrenknecht.

Während er anfangs die Maschinen noch mitkonstruiert hat, überlässt er das heute seinen Ingenieuren. „Ich schaue mir neue Entwicklungen sehr prüfend an, aber im Detail konstruiere ich nicht mehr mit.“

Das Konstruieren vermisst er, aber er hat eingesehen, dass seine heutigen Hauptaufgaben – Verkauf, Marketing und Qualitätssicherung – genauso wichtig sind für sein Unternehmen. Mit seinen 74 Jahren erlaubt er es sich mittlerweile, bei der Arbeit etwas kürzerzutreten. Er kommt morgens zwar noch um 8 Uhr zur Arbeit – natürlich auch am Wochenende – aber er geht um 19 Uhr. „Früher bin ich immer bis um 22 Uhr geblieben“, sagt Herrenknecht.

Am Dienstag wurde ihm für sein Lebenswerk der Werner-von-Siemens-Ring verliehen, eine der wichtigsten Auszeichnungen für Ingenieure.

Herrenknecht hat sein Unternehmen in eine Familienstiftung eingebracht, damit es auch in Zukunft bestehen bleibt und vor Übernahmen und Erbschaftsstreitigkeiten geschützt ist.

stellenangebote

mehr