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Mittwoch, 20. Februar 2019

Erneuerbare Energien

Der Wandel in den Köpfen

Von Stephan W. Eder | 13. September 2018 | Ausgabe 37

Massive Kostensenkungen dürften schon bald Energie auf Basis erneuerbarer Quellen preiswerter machen als jene aus allen anderen Quellen. Vorausgesetzt, die Menschen können überzeugt werden und spielen mit.

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Foto: mauritius images/Chromorange/Sandra Finger

Erneuerbare Energien wie die Windkraft müssten sechsmal so schnell wachsen wie derzeit, damit die globalen Klimaziele für 2050 erfüllt werden können.

Letzte Woche Sonntag ging in Bangkok eine UN-Klimakonferenz zu Ende; das Treffen der Diplomaten sollte den nächsten Weltklimagipfel im Dezember im polnischen Katowice planen. Dort sollen endlich Regeln für die Zusammenarbeit der Staaten beim Kampf gegen den Klimawandel vereinbart werden. Teilnehmerinnen wie Nicole Wilke, die die deutsche Delegation leitete, geben sich vorsichtig optimistisch.

Bei António Guterres, dem UNO-Generalsekretär, will sich Zuversicht nicht so recht einstellen. Er sprach nach dem Bangkok-Termin am Montag in New York von einer „Lähmung“ und vermisste „Führung, ein Gefühl der Dringlichkeit und eine wahre Verpflichtung zu entschiedenem gemeinschaftlichen Handeln“.

Ein viel optimistischeres Bild für den Klimaschutz ergab sich letzte Woche bei einem Treffen von 450 Expertinnen und Experten für erneuerbare Energien in Bonn. So ist sich Xiangzhang Lei sicher: „Heute liegt der weltweit niedrigste Preis bei Photovoltaikkraftwerken bei 1,72 Cent/kWh. Und dieser Preis wird weiter nach unten gehen.“ Lei ist Experte der Global Energy Interconnection Development and Cooperation Organization (GEIDCO), die sich für ein globales Stromübertragungsnetz einsetzt. Er schätzt, dass in den nächsten fünf Jahren die Grenze von 1 Cent/kWh erreicht sein wird.

Das Bild, das Lei auf der Innovation Week der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (Irena) in Bonn zeichnete, fand dort breite Zustimmung. Allein über den Preis werde der Ökostrom schon bald die fossilen Energieträger verdrängen.

Treiber dafür, verdeutlichte Irena-Generaldirektor Adnan Z. Amin, seien zwei Faktoren. Der technologische Fortschritt senke die Kosten. Amin nannte als Beispiel neue Schnittverfahren für Wafer aus Siliziumblöcken, die China derzeit kommerzialisiere.

Auch wenn Uno-Chef Guterres warnt, das weltweite Bewusstsein für die Folgen eines Klimawandels wachse, ist sich Amin sicher. Als ein Beispiel nennt er die Mobilität. Zwar könne sich das heute wohl kaum jemand vorstellen, aber Amin ist sich sicher, dass aufbauend auf den heute weltweit 4 Mio. Elektrofahrzeugen in weniger als zehn Jahren Elektromobilität die „Hauptform der Mobilität“ sein werde. Wichtige Voraussetzung dafür, so Dolf Gielen, Direktor des in Bonn ansässigen Innovations- und Technologiezentrums der Irena, sei das sogenannte „Smart Charging“: „Darauf müssen wir mehr Aufmerksamkeit lenken.“

Technologie ist das geringere Problem – bei welchem Aspekt auch immer. Das wurde auf dem Expertenforum deutlich. Es mangele an gesetzlichen Rahmenbedingungen – und am „Mut“, wie zum Beispiel Bader Al Lamki betonte, Executive Director beim Anlagenprojektierer Masdar Clean Energy. Dabei verwies er zum einen darauf, dass sein Unternehmen in eine Technologie auf einem vermeintlichen Abstellgleis – wie die der solarthermischen Kraftwerke – investiert habe. Zum anderen habe sein Heimatland Abu Dhabi mit dem Projekt der Ökovorzeigestadt Masdar City Mut bewiesen.

In eine ganz andere Richtung wies in Bonn Bertrand Piccard, Unternehmer und Rekord-Weltumsegler mit seinem Solarflugzeug „Solar Impulse“. „Das Problem ist heute weniger die Energiewende, das Problem ist vielmehr das Change Management, es ist ein psychologischer Prozess des Wandels, an dem wir zu arbeiten haben.“ Piccard berichtete von Staatslenkern, die beim Treffen mit ihm über die „Trägheit der Gewohnheit“ klagten, die sehr schwierig zu überwinden sei, wenn es um die Energiewende gehe.

Digitalisierung und die Energiewende: An anderer Stelle warnten Experten davor, Bürgerinnen und Bürger schlicht zu überfordern, zum Beispiel bei der Digitalisierung der Energiewirtschaft, die oft im Zusammenhang mit der Energiewende genannt werde. „Es ist eine ganz falsche Vorstellung, dass jeder Verbraucher ein Stromhändler werden soll“, mahnte Adel El Gammal, erster Sekretär der European Energy Research Alliance (EERA), mit Blick auf den Begriff des Prosumers, einem Verbraucher und Erzeuger zugleich.

Längst nicht jeder Stromverbraucher, der zum Beispiel eine Solaranlage und einen Stromspeicher kaufen wolle, wolle danach an der Strombörse mit Strom und Leistung handeln, machte El Gammal deutlich. Vielmehr müsse Digitalisierung die Dienste bereitstellen, so dass der Prosumer möglichst einfach zum Profit seines Engagements komme. Auch Maher Chebbo, Chief Business Innovation Officer for Global Digital Energy bei GE Power, mahnte: „Wir brauchen aktuell keinen smarten Nutzer, weil wir smarte Technologien haben. Falls wir smarte Nutzer brauchen sollten, dann bedeutet das, dass unsere Technologie noch nicht einsatzfähig ist.“

Lösungen für die Energiewende sind da: Vor allem aber, so Piccard, gebe es heute schon mehr als genug Technologien, um die Energiewende umzusetzen. Mit seiner Solar Impulse Foundation sucht er derzeit 1000 verfügbare Technologien weltweit, die eine globale Energiewende möglich machen. Er will sie evaluieren, bekannt machen und mit einem eigenen Efficient Solution Label der Stiftung zertifizieren. „Wir garantieren die Profitabilität der Lösung“, betont er. Man müsse die Sprache des Geldes sprechen können, dann erreiche man eine größere Akzeptanz.

Ein Beispiel für solch eine einfache Lösung stellte Torben Funder-Kristensen vom dänischen Wärme- und Kältetechnikspezialisten Danfoss vor. „Kompressoren verbrauchen weltweit bis zu 17 % des Stroms und das nimmt zu.“ Dabei werde nur eine Seite des Kompressors genutzt – bei einem Kühlaggregat entweiche die Wärme oft ungenutzt. „Ein großer Verlust, aber auch eine große Chance, wenn man beide Seiten nutzen kann.“

Danfoss sieht vor allem einfach zu hebende Potenziale in Supermärkten. „Supermärkte in Ländern wie Deutschland verbrauchen 2 % der Elektrizität. Und 95 % aller Supermärkte weltweit nutzen die auf der Warmseite des Kompressors nicht“, sagt Funder-Kristensen.

In einem dänischen Supermarkt hat Danfoss ausprobiert, was eine kleine schwarze Box bewirken kann, die Danfoss anbietet. Damit lassen sich vorhandene Kühlaggregate als regelbare Lasten seitens der Energieversorger steuern. Keine „Rocket Science“, wie Funder-Kristensen sagt. Und auch nicht unbekannt. Projekte dazu gab es auch schon in Deutschland. Aber durchgesetzt hat sich das nicht.