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Mittwoch, 20. Februar 2019

Fokus Gesundheit

Der digitale Patient

Von Bettina Reckter, Regine Bönsch | 8. November 2018 | Ausgabe 45

Die Vernetzung im Medizinsektor ist in Bewegung geraten – auch forciert durch Krankenkassen und Politik. Doch die IT-Industrie steht noch vor großen Herausforderungen.

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Foto: Foto [M]: panthermedia.net/design36/sebastien decor/VDIn/gs

Der Chef der Techniker Krankenkasse blickt in die Glaskugel: „Künftig wird der Arzt mit seinem Erfahrungswissen, unterstützt von künstlicher Intelligenz, noch fundiertere Diagnosen treffen können als heute. Dabei kann er auch zusätzliche Daten einbeziehen, etwa von Fitnesstrackern“, prophezeit Jens Baas gegenüber den VDI nachrichten. Doch er weiß auch: Bis all dies Realität ist, wird noch viel Zeit vergehen.

Digitalisierung im Gesundheitswesen hat in Deutschland bislang kaum stattgefunden. So ist die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) eher ein Skandal als der einst geplante Exportschlager. Während in Ländern wie Dänemark, Finnland, Österreich und der Slowakei Patienten und Ärzte vernetzt sind, wartet man hierzulande darauf vergebens.

Die Entwicklung des digitalen Großprojekts Gesundheitskarte hat, seit ihre Einführung 2003 beschlossen wurde, mehr als 1,8 Mrd. € verschlungen. „Die Versicherten profitieren bisher lediglich vom eigenen Porträt auf der Karte und einem Vermerk des Geschlechts auf dem Chip“, kritisiert der Bund der Steuerzahler. Sein Fazit zur eGK: „Zu spät, zu alt, zu teuer.“

Doch es tut sich was. Die eGK ist für die gesetzlich Versicherten mittlerweile flächendeckend vorhanden. Jetzt geht es darum, die Praxen und Kliniken fit für den digitalen Austausch zu machen.

Einen ersten Schritt wagten in den vergangenen Monaten die Krankenkassen. Sowohl die Techniker Krankenkasse (TK) mit TK-Safe als auch die AOK sowie ein Konsortium unter dem Namen Vivy, hinter dem sich Barmer, die DAK u. a. verstecken, haben App-Lösungen eingeführt. Damit können Versicherte via Smartphone ihre Gesundheitsdaten organisieren und direkt mit zum Arzt nehmen.

TK-Chef Baas ist stolz auf die Eigenentwicklung. Ihm ist bewusst, wie wertvoll Gesundheitsdaten sind und wie schnell man die Hoheit darüber verlieren kann. Schließlich sind Apple, Google & Co. längst zu Datensammlern in der Medizinwelt avanciert. „Wenn wir jetzt keine gute Aktenlösung anbieten, um die eigenen Gesundheitsdaten zu managen, tun dies andere“, sagt Baas. Nur würde das völlig unkontrolliert ablaufen. Er weiß aber auch, dass die Apps nur der erste Schritt sind. Wichtig sei deshalb nun eine gemeinsame Infrastruktur, über die die Leistungserbringer kommunizieren. „Vergleichbar mit einer Straße. Die bauen wir zurzeit. Wer und was darauf fährt, muss noch definiert werden.“

Die geplante Infrastruktur besteht aus vielen Einzelteilen: Konnektoren, die zunächst für den einfachen Zugang und die Authentifizierung zuständig sind. Datenkanäle, über die die verschlüsselte Kommunikation läuft. Und zentrale Rechenzentren, in denen die medizinischen Informationen sicher gespeichert sind.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn macht Druck – auf Ärzte wie auf die beteiligte Industrie: „Jetzt kommt es auf den Aufbau der Telematikinfrastruktur an. Hier muss es viel schneller vorangehen und endlich eine flächendeckende Vernetzung erreicht werden“, fordert er gegenüber den VDI nachrichten. Denn erste Anwendungen wie die Nutzung elektronischer Notfalldaten sowie des Medikationsplans sollten schon nächstes Jahr funktionieren. Themen, die nächste Woche ab dem 12. November auch auf der weltgrößten Medizinmesse Medica in Düsseldorf diskutiert werden.

Spahn erhofft sich durch Telemedizin eine verbesserte Versorgung der Patienten, vor allem im ländlichen Raum. Bis Ende des Jahres, so hatte der Minister es vorgeschrieben, sollen sich alle Arztpraxen vernetzt haben. Wer sich nicht anschließt, muss mit Honorarkürzungen rechnen.

Doch der Teufel steckt im Detail. Noch sind Konnektoren nur von zwei Herstellern lieferbar, andere warten auf die Zulassung. Und das ist nur der erste Teil der sicheren Datenverbindung; wie das Netz agiert bzw. die Cloud auszusehen hat, steht noch in den Sternen.

„Es ärgert mich sehr, dass es bei der Installation der Telematikinfrastruktur schon wieder zu Verzögerungen kommt“, wettert indes der forsche Minister, der – glaubt man Insidern – seinen ehrgeizigen Zeitplan erst im kommenden Jahr wird umsetzen können.  Seiten 20 bis 22

INTERVIEW ZUM THEMA

BU Baas

„Wir brauchen schnell eine einheitliche Akte“

Wie Deutschland den Anschluss an die digitale Gesundheitswelt schaffen will, erklärt TK-Chef Jens Baas.