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Samstag, 20. Januar 2018

Überwachung

Der große Bruder im Supermarkt

Von Christiane Schulzki-Haddouti | 24. August 2017 | Ausgabe 34

Alles für die Werbung – Einkaufsmärkte erfassen Gesichter biometrisch und orten ihre Kunden mit Funk- und Tonsignalen.

BU offline-Tracking
Foto: panthermedia.net/tzido

Mit Kameras in Supermärkten lassen sich Persönlichkeitsprofile erstellen. Künftig könnten Werbebotschaften auch an Emotionen angepasst werden.

Ganze 40 Testfilialen waren es, in denen der Einkaufsriese Real an Werbebildschirmen Geräte anbrachte, die Gesichter der Kunden nach einem Blickkontakt biometrisch erfassten. Analysiert wurden die Gesichtsbilder nach Alter und Geschlecht.

Tracking-Methoden

Ein Testballon, der bei den Verbraucherschützern des Bielefelder Vereins Digitalcourage die Alarmglocken schrillen ließ. Sie erstatteten Strafanzeige, denn „wenn wir jetzt nichts dagegen tun“, so sagt Kerstin Demuth, Expertin bei Digitalcourage, „werden wir bald digital durch den ganzen Laden verfolgt. Dann kommen Kundenprofile und Preisdiskriminierung.“ Real stellte kurz darauf den Biometrietest ein. Schon seit einigen Jahren registrieren Händler mit Messungen der Besucherfrequenz einzelne Kunden beim Betreten des Geschäfts. Mit Videosystemen können sie z. B. feststellen, wohin er geht und was er sich näher ansieht.

Neuere Systeme erfassen biometrisch das Gesicht des Kunden. Künftig sollen auch Emotionen bewertet werden. Daniel Strunk, Sprecher der nordrhein-westfälischen Datenschutzbeauftragten, die mit Real befasst war, betont: „Ein Hinweisschild allein macht die Videobeobachtung nicht rechtmäßig.“

Eine Strafanzeige stellte Digitalcourage auch gegen die Deutsche Post, die derzeit noch in einzelnen Filialen Gesichtserkennung an Kunden testet, um die Werbung auf den Displays auf Kundengruppen hin zuzuschneiden. Die für die Post zuständige Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff hat noch nicht über die Rechtmäßigkeit entschieden.

Noch nicht im Visier der Datenschutzaufsicht ist der „Digital Retail Pilot Store“ der Modemarke s.Oliver im Bochumer Ruhrparkzentrum. Dort hat eine Münchner Werbeagentur ein Ladenkonzept entwickelt, das Kunden an digitalen Touchpoints ein wenig Interaktion erlaubt, den Kunden aber auch mit Sensoren und Kameras erfasst, um die Werbeansprache anzupassen. Bei Digitalcourage zeigt man sich wenig erbaut: „Es ist eine Frechheit, dass zahlende Kundinnen und Kunden heimlich zu Objekten von digitaler Analyse degradiert werden – ohne dass sie informiert werden oder sich wehren können“, sagt Datenschützer Friedemann Ebelt.

Die biometrische Gesichtserfassung ist nur die neueste Variante des sogenannten Offline-Tracking, das eben nicht in Onlineshops, sondern in Einkaufszentren, Restaurantketten und im Einzelhandel eingesetzt wird. Viel üblicher ist die Auswertung von Handysignalen, um den Standort eines Nutzers wiederholt zu erfassen. Infrage kommen dafür die Signale, die das Handy aussendet, um mit der nächsten Mobilfunkzelle zu kommunizieren. Die Ortung ist auch mit WLAN- oder Bluetooth-Signalen möglich.

Erst seit zwei Jahren ist die Ortung mittels Tonsignalen bekannt, die vom Handymikrofon erfasst werden. Dabei sendet ein Lautsprecher ein für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbares Ultraschallsignal aus, das vom Smartphone des Kunden erfasst wird. Es gibt über 230 Smartphone-Apps meist für den südasiatischen Raum, die Ultraschallsignale empfangen und auswerten können. Das stellten Wissenschaftler der TU Braunschweig fest. In Läden fanden sie Ultraschallsender und auch passende Apps, die über diese Methode Geschenke und Preisnachlässe anbieten. Die Erfassung erfolgt aber aktiv: „Der Nutzer muss die Anwendung aktiv im Geschäft starten“, betont Konrad Rieck, Leiter des Instituts für Systemsicherheit.

Die Signaldaten können mit Geräteidentifikationsnummern wie der MAC-Adresse verknüpft werden. Das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht schließt nicht aus, dass die MAC-Adressen auch mit EC-Kartendaten verknüpft und dann an Dritte weitergegeben werden. Vermeintlich anonyme Bewegungsprofile können damit einer bestimmten Person zugeordnet werden. Ein Widerspruchsrecht hat der Kunde bislang nicht – dieses gibt es bisher nur für Onlineshops.

Bisher haben die Behörden das Offline-Tracking nicht abschließend bewertet. Sie müssen jeweils ermitteln, ob Kunden oder Passanten überwacht werden. Auch ist zu prüfen, ob die Betroffenen etwa per App eingewilligt haben. Schließlich stellt sich die Frage, wie lange Daten gespeichert, wie sie verarbeitet und ob sie anonymisiert werden.

Die meisten Deutschen seien gegen ein Offline-Tracking, stellte jetzt eine repräsentative Studie des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV) fest: Nur 9 % der Befragten halten das Tracking für grundsätzlich akzeptabel. Ein Drittel verlangt bestimmte Schutzmaßnahmen. Mehr als die Hälfte plädiert für ein allgemeines Verbot.

VZBV-Vorstand Klaus Müller setzt auf die kommende E-Privacy-Verordnung, die im Mai 2018 europaweit in Kraft treten soll. Bisher sieht deren Entwurf jedoch kaum Einschränkungen vor. Läden müssen die Kunden über die Erfassung lediglich informieren. Müller: „Verbraucher, die nicht überwacht werden wollen, hätten nur die Möglichkeit, den Flugmodus anzuschalten. Da macht ein Mobiltelefon kaum noch Sinn.“rb

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