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Montag, 21. Januar 2019

Konjunktur

Die Aussichten für 2019 sind bescheiden

Von Notker Blechner | 10. Januar 2019 | Ausgabe 01

Die Dynamik der Chemiebranche wurde schon 2018 stark gebremst. Nun beunruhigt der Brexit die deutschen Unternehmen.

BU Anlage Chemie
Foto: panthermedia.net/TTstudio

Seinen Einstand beim mächtigen Chemie-Verband VCI hatte sich Hans Van Bylen wohl anders vorgestellt. Beim ersten öffentlichen Auftritt als neuer VCI-Präsident im Dezember zeigte sich der Henkel-Chef ziemlich ernüchtert. „Die Stimmung in der Chemie- und Pharmabranche hat sich zur Jahresmitte 2018 abgekühlt“, gab er zu.

Nur dank des guten ersten Halbjahres verzeichnete die drittgrößte deutsche Industriebranche 2018 ein Umsatzplus von 4,5 %. Die Produktion legte um 2,5 % zu – aufgrund der starken Pharmaindustrie. Sie stellte sogar 11 % mehr her.

Ohne Pharma aber ging die Produktion in der Chemieindustrie sogar zurück. Bei Polymeren und Petrochemie schrumpfte sie um 2 %. Die Basischemie verzeichnete nach hohem Vorjahresniveau gar ein Minus von 2,5 %. Ebenso produzierten die Hersteller von Wasch- und Reinigungsmitteln sowie Kosmetika 3 % weniger – trotz anhaltend guter Konsumlaune der Deutschen. Einzige positive Ausnahme war das Geschäft mit Fein- und Spezialchemikalien. Hier stieg die Produktion um 1,5 %.

Der Rekordsommer mit seiner extremen Trockenheit machte allen Chemiekonzernen schwer zu schaffen. Wegen des niedrigen Wassers im Rhein musste bei vielen die Produktion gedrosselt werden. Auch der wichtigste Kunde, die Autoindustrie, hatte Probleme. Wegen der Umstellung auf verschärfte Abgasvorschriften schwächte sich kurze Zeit die Nachfrage ab.

Die Lage dürfte sich 2019 wieder normalisieren. Die Rheinpegel sind bereits gestiegen. Dennoch werde die Belebung nur verhalten ausfallen und von kurzer Dauer sein, warnt VCI-Präsident Van Bylen. Er verweist auf die gedämpfte weltwirtschaftliche Entwicklung, den wachsenden Protektionismus und wirtschaftliche Sanktionen. Für die Branche rechnet er 2019 mit einem „bescheidenen Wachstum“. Der Verband geht von einem Umsatzplus von 2,5 % aus. Die Produktion dürfte voraussichtlich nur um 1,5 % anziehen.

Besonders beunruhigt ist Van Bylen über den drohenden harten Brexit. Durch den ungeordneten Austritt der Briten aus der EU seien ganze Wertschöpfungsketten bedroht. „Zollzahlungen und zeitaufwendige Zollprozeduren könnten zahlreiche Lieferketten zum Erliegen bringen.“ Es könne gar zu Lieferengpässen kommen, warnt der Verbandschef. Er hofft deshalb auch nach dem Brexit auf eine Einbindung Großbritanniens in die EU-Chemikalienbehörde Echa.

Impulse soll die Digitalisierung bringen. Rund 1 Mrd. € wollen Unternehmen in den nächsten drei bis fünf Jahren in „Chemie 4.0“ stecken. So könnten etwa Apps bei der Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft helfen. Insgesamt sollen mehrere Milliarden in die Entwicklung ressourcenschonender Innovationen fließen.

Der Chemieverband plädiert für eine stärkere steuerliche Forschungsförderung. Als Vorbild nennt VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann Österreich, wo deutsche Unternehmen derzeit rege investieren. Zudem fordert der VCI eine WTO-Reform. Gerade China müsse sich mehr öffnen und die internationalen Handelsregeln einhalten, verlangt Van Bylen. Der Marktzugang werde durch Zölle und durch die Verpflichtung zu Joint Ventures beschränkt. Erfolge konnte die deutsche Chemieindustrie in China nur deshalb erzielen, weil sie sich den dortigen Spielregeln anpasste. Nun nimmt der Wettbewerb zu. Mit der Strategie „made in China 2025“ will das Reich der Mitte auch seine Chemieindustrie stärken.

Mit Henkel-Chef Van Bylen ist seit langem wieder ein Vertreter aus der konsumnahen Chemie an der Spitze des Industrieverbands. Er sieht das als Vorteil: „Dass wir Produkte für Endverbraucher herstellen, hilft, die konkreten Anwendungen der Chemie im Alltag zu veranschaulichen.“ Die Chemie sei Teil der Lösung vieler Probleme und bleibe deshalb eine Zukunftsindustrie. Ohne Materialien für den Leichtbau und ohne Batteriechemikalien werde es keine Elektromobilität geben, ergänzt er. Und: Kein Smartphone funktioniere ohne Produkte der chemischen Industrie.

Mit Blick auf den Umweltschutz werde die Branche allerdings zu Unrecht an den Pranger gestellt, meint der Belgier. Schließlich habe die Chemie ihre Treibhausgasemissionen seit den 1990er-Jahren trotz deutlicher Produktionssteigerung halbiert. Der weltweit zunehmende Plastikmüll aber müsse global angegangen werden.