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Donnerstag, 21. Februar 2019

Japan

Die Suche nach einem Wunder

Von Wolfgang Heumer | 22. November 2018 | Ausgabe 47

100 Jahre nach der Gründung erfindet sich der Technologiekonzern Panasonic neu und will technische Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen geben.

BU8 Japan
Foto: W. Heumer

Zukunftsmusik: Roboter „Tomati“ ist fürs Pflücken von Tomaten gedacht. Noch läuft das nicht so glatt. Er muss den Einsatz noch kräftig proben.

Er hört auf den Namen „Tomati“ und sieht aus wie ein Elektrostapler, an dessen Hubsäule ein weiß verkleideter Elektromotor montiert ist. Aus ihm ragt ein Greifarm hervor, der dank einer Vielzahl von Gelenken in alle Richtungen beweglich ist. Mit einem halben Dutzend Kameras und Sensoren beobachtet Tomati seine Umgebung. Eigentlich sollte dies ein Gewächshaus sein, tatsächlich aber ist es ein Showroom voller unterschiedlicher Roboter.

Ryo Toshima hat eine Rispe halb- und vollreifer Tomaten an ein Traggestell gehängt. Tomati fährt darauf zu. Behutsam nähert sich sein Greifer einer knallroten Frucht, die die Sensoren als erntereif identifiziert haben. Vorsichtig durchtrennt der Greifer mit einem scharfen Werkzeug den grünen Stängel der Tomate. Platsch. Statt in den Fangbeutel fällt die rote Kugel auf den Boden, gesellt sich zu einer Reihe anderer abgestürzter Tomaten. Toshima nimmt es mit Humor: „Irgendwann klappt es bestimmt“, sagt der Ingenieur.

Ort des Geschehens: Das Robotics Promotion Center des japanischen Technologiekonzerns Panasonic in Osaka. Der Ingenieur Toshima leitet dort die Entwicklung künftiger Robotikkonzepte. Mit „Hospi“ hat er bereits ein Erfolgsmodell auf den Markt gebracht. In 40 japanischen Krankenhäusern transportiert der agile Roboter in angedeuteter Menschengestalt Medikamente zu den Patienten, völlig autonom und von künstlicher Intelligenz gesteuert. Im Panasonic-Hauptquartier führt Hospi Gruppen durch das Besucherzentrum. Wird die autonome Tomatenpflückmaschine ein ähnliches Erfolgsmodell? „Wir üben noch“, meint Toshima und lacht wieder.

Der Elektronik- und Maschinenbaukonzern Panasonic ist gerade 100 Jahre alt geworden – und sucht nach den zentralen Themen für seine Zukunft. In der Anfangszeit produzierte das 1918 von Konosuke Matsushita gegründete Unternehmen Lampenfassungen. Im Laufe der Jahrzehnte wuchs daraus ein gigantischer internationaler Elektronikkonzern heran. Radios, Fernseher, Kühlschränke, das VHS-Videoband, papierdünne Batterien und die Blu-ray-Technologie sind direkt mit dem Konzern und seinen zeitweise mehr als 250 000 Beschäftigten verbunden.

Kameras, Bildschirme und Bildverarbeitungssysteme gehören zu den Kernkompetenzen des Konzerns, seit den 1960er-Jahren experimentiert eine Abteilung mit der Entwicklung von Robotern und der Automatisierung von Arbeitsabläufen. Ohne Lithium-Ionen-Akkus aus der Entwicklung und Produktion von Panasonic wären die Elektroautos von Tesla nicht ins Rollen gekommen. Doch mit der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 rutschte der Mischkonzern in eine existenzbedrohende Krise. Hinzu kamen vor sechs Jahren Milliarden Yen, die das Unternehmen in die langfristig nicht markttaugliche Plasmatechnologie für Flachbildfernseher versenkte. Als der Konzern beinahe an die Wand gefahren war, wurde im Konzern die Devise ausgeben: „Wir brauchen ein Wunder.“

Tomati ist es definitiv nicht, in Japan werden Tomaten nicht in wirtschaftlich nennenswertem Umfang angebaut. Dennoch steht der Tomatenpflückroboter beispielhaft für einen bunten Strauß an Ideen und Konzepten, die die Japaner jetzt in den Laboren in Osaka präsentierten. Ein Konzern erfindet sich neu, und manchmal scheint es, als suche in Japan eine ganze Nation einen sicheren Weg in die Zukunft.

Das „Cross Value Innovation Forum 2018“ in Tokios futuristisch-bombastischem Kongresszentrum ist eine Art überdimensionale Hausmesse für die neuen Produkte, die in den kommenden zwei bis drei Jahren in Serie gehen sollen. Selbstfahrende Elektromobile als rollende Konferenzzentren; autonome elektrische Rollstühle, die – scheinbar einer einstudierten Choreografie folgend – Pirouetten durch den Raum drehen; hochsensible Roboterarme, die vollautomatisch druckempfindliche Sushi-Stücke verpacken; Kamerasysteme, die Geschlecht und Alter der beobachteten Person erkennen und zugleich berührungslos aus der Distanz den Pulsschlag wahrnehmen. Manche der präsentierten Innovationen wirken so, als habe man sie erst einmal entwickelt und suche jetzt nach einer Verwendung.

Bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio will Panasonic vieles bis zur Serienreife bringen und dort einsetzen. Rund 50 000 Prototypen zeigt der Konzern auf einer Konferenz seinen Geschäftspartnern. Konzernchef Kazuhiro Tsuga schlägt nachdenkliche Töne an. Er habe lange über die Zukunft des Unternehmens nachgedacht, verrät er: „Als ich aus dem langen Gedankentunnel herausgekommen bin, war mir klar: Wir müssen verstehen, wie wir der Gemeinschaft dienen können.“

Foto: W. Heumer

Vollbeschäftigung: Die morgendliche Rushhour in Tokio ist Symbol der geringen Arbeitslosigkeit in Japan. Doch wie in keinem anderen Land der Welt altert die Gesellschaft. Schon 2020 wird jeder dritte Japaner älter als 65 Jahre sein.

Der Hintergrund sind grundlegende gesellschaftliche Veränderungen in Japan. Die Menschen dort werden immer weniger konsumorientiert. Zudem fürchtet die Industrie im Land der aufgehenden Sonne, den technologischen Wettlauf mit den Nachbarn China und Korea nicht automatisch gewinnen zu können, und sucht eine neue eigene Identität.

Der heutige Panasonic-Chef verändert daher auch die Philosophie des in Japan legendären Gründers Matsushita, der mit Produkten wie Radios und Waschmaschinen den Lebensstandard erhöhen wollte. Tsugas Kunden sollen gut leben und am technischen Fortschritt teilhaben; doch ihm geht es um das Erhalten und nicht mehr um das Erhöhen. Ein „Update“ der Lebensumstände ist künftig das Konzernziel, nicht mehr das von Matsushita favorisierte „Upgrade“.

Der Gesellschaft zu dienen – dazu gehören für Tsuga beispielsweise neue Technologien für die Versorgung der wachsenden Zahl alter Menschen in Japan. Oder Systeme, um die Versorgung mit Nahrung sicherzustellen. In Singapur hat Panasonic gerade mit dem Bau von Hightechgewächshäusern begonnen, die der Konzern selbst betreibt.

Roboter wie Tomati spielen in der Zukunftsstrategie eine wichtige, wenn nicht sogar entscheidende Rolle. Stolz berichtet Tsuga den 5000 Zuhörern im Auditorium, dass sich Panasonic gerade an der chinesischen Gastronomiekette Hai Di Lao beteiligt hat, die in der Volksrepublik 300 Restaurants betreibt und 50 000 Beschäftigte zählt. Beide Unternehmen wollen in diesen Tagen in Peking das gemeinsam entwickelte, weltweit erste vollautomatische Restaurant eröffnen, in dessen Küche und Service nur Roboter werkeln. Es gehe ihm aber nicht darum, Arbeitsplätze für Menschen zu vernichten, versichert Tsuga.

Foto: W. Heumer

Feinfühlig: Industrieroboter sollen künftig in den Küchen einer chinesischen Restaurantkette arbeiten. Dafür hat sich Panasonic gerade an dem chinesischen Systemgastronomen Hai Di Lao beteiligt, der in der Volksrepublik 300 Lokale betreibt.

„In Japan haben wir das Problem, dass wir nicht genügend Arbeitskräfte haben.“ Vielmehr stecke eine gesellschaftliche Veränderung als treibende Kraft hinter dem Vorhaben: „Die Menschen wollen nicht mehr fertige Sachen vorgesetzt bekommen, sondern individuell für sich gestalten“, ist Tsuga überzeugt. Den Kunden soll das Roboterrestaurant mehr Gestaltungsvielfalt geben: Statt nach Karte zu bestellen, können sie den kochenden Maschinen individuell Rezepte an die Hand, Pardon, den Gelenkarm geben.

Zur Jubiläumsfeier hat der Konzern die wirtschaftliche Elite des Landes geladen und lässt sich von ihr auch die Leviten lesen. „Ich erwarte von Panasonic, dass es endlich aus dem Schatten kommt und selbstbewusst etwas Sensationelles wie das iPhone präsentiert“, forderte beispielsweise Tadashi Yanai. Der zweitreichste Japaner ist gewissermaßen der Steve Jobs der Textilindustrie. Mit seiner Marke Uniqlo und einer Kollektion hochwertiger, aber preisgünstiger Funktionsbekleidung hat er in nur 20 Jahren den drittgrößten Textilkonzern der Welt geschaffen. Derzeit arbeitet er an personallosen Geschäften, in denen die Kunden rund um die Uhr Kleidung aus dem Automaten kaufen können. Die Automaten könnten von Panasonic kommen.

Ob Yanais Forderung erfüllt wird, scheint fraglich. Tsuga stellt das Know-how in den Mittelpunkt, nicht aber die Produkte selbst. Zunehmend will Panasonic die Erfahrungen aus den eigenen Produktionsabläufen und aus der eigenen Logistik vermarkten. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Kompetenz des Konzerns in Kameratechnologien und Bildverarbeitungssystemen.

Szenenwechsel in den Produktionsstandort Fukuoka hoch im Norden Japans. Panasonic fertigt hier in Kleinserien elektronische Geräte wie Kartenlesegeräte und Preisscanner. Die in langen Reihen aufgestellten Halbautomaten, die Chips auf Platinen kleben, sind erkennbar nicht die neuesten Modelle. Dennoch gilt die „Saga Factory“ für Panasonic als Musterbeispiel einer „Smart Production“ der Industrie 4.0. Tatsächlich fallen bei näherem Hinsehen grundlegende Veränderungen auf.

Foto: W. Heumer

Sprachgewandt: Bei technischen Störungen holt die Maschine den Monteur per Sprachbefehl und unterhält sich mit ihm über die Reparaturmöglichkeiten.

Die Maschinen machen bei Störungen nicht mehr durch optische Signale auf sich aufmerksam – sie rufen den Servicetechniker direkt. Der bekommt über Kopfhörer den Hinweis auf Ort und Art der Störung. Das Tablet, das er am Gürtel trägt, enthält das Service-Manual und gibt – per Sprachbefehl – Anweisungen für die richtige Reparatur. In schwierigen Fällen entwickeln Mensch und Maschine ein Frage-und-Antwort-Spiel oder schalten per Videokonferenz einen externen Experten bis zur richtigen Lösung hinzu.

Überwacht wird der gesamte Maschinensaal durch einige Dutzend Kameras unter der Decke, die die Bewegung jedes einzelnen Mitarbeiters aufzeichnen, neuralgische Punkte in den Abläufen definieren und sogar die Qualitätskontrolle und -sicherung übernehmen. Die so gewonnenen Daten und Informationen laufen in der Steuerungszentrale der Produktion zusammen, sind aber auf großen Bildschirmen auch in der Halle selbst zu erkennen. „Sie dienen nicht der Überwachung unserer Mitarbeiter“, betont Werkleiter Toshiya Takahasi, nach seinen Angaben werden die erkennbaren Personen sogar anonymisiert: „Wir wollen und müssen unsere Arbeitsabläufe optimieren, auch weil wir in Japan einen Mangel an Arbeitskräften haben.“

Japan hat Vollbeschäftigung. Selbst alte Menschen arbeiten noch, viele sind zur Aufbesserung ihrer kargen Rente darauf angewiesen. Neben dem Innovations- und Kostendruck aus den Elektronikkonzernen in den Nachbarländern China und Korea gehört der Arbeitskräftemangel zu den größten Herausforderungen für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Die Bevölkerungszahl – derzeit rund 127 Mio. Einwohner – schrumpft seit 2005 kontinuierlich. Gleichzeitig altert die Gesellschaft, 2020 wird jeder dritte Japaner älter als 65 Jahre sein. Entsprechend wird die Zahl der pflege- und hilfsbedürftigen Menschen rasant anwachsen.

Panasonic fordert seine eigenen Beschäftigten auf, sich Gedanken über diese wachsende Herausforderung für Japan zu machen. Ein gutes Dutzend neuer Produkte ist dabei herausgekommen, die auf der Hausmesse präsentiert werden. Darunter ein zu einer Art Tisch umfunktionierter interaktiver Bildschirm, der mit künstlicher Intelligenz ausgestattet ist und mit den Menschen kommunizieren kann, die an ihm sitzen. „Er kann demente Menschen trainieren und mit ihnen zum Beispiel Memory spielen“, erläutert einer der Entwickler. Das technische Prinzip des Tisches steht stellvertretend für die Innovationsstrategie bei Panasonic: Der Konzern nutzt bereits entwickelte und erfolgreiche Komponenten wie Bildschirme und Kameras, um daraus neue Anwendungen zu entwickeln.

Der bereits spürbare Mangel an Arbeitskräften veranlasst Panasonic, Automatisierungslösungen für alle Lebensbereiche zu entwickeln. Beispielsweise wurde das Kamerasystem, das die Fertigung in der Saga Factory überwacht, gerade in einer adaptierten Version in einem Supermarkt in Fukuoka installiert. 700 Kameras beobachten dort die Regale, registrieren den Bestand, werden in der nächsten Ausbaustufe selbstständig Ware nachbestellen – und liefern gleichzeitig detailliert Informationen, wonach die Kunden am liebsten greifen und wie man durch personalisierte Werbefilme auf den allgegenwärtigen Bildschirmen im Geschäft den Verkauf ankurbeln kann.

Foto: W. Heumer

Im Blick: Mit Kameras günstiger Smartphones lässt sich der Bestand in den Regalen kontrollieren. Künftig soll auch Nachschub automatisch bestellt werden.

Längst nicht alles, was im Supermarkt und in der eigenen Fabrik installiert ist, stammt auch von Panasonic. Bei den meisten Kameras handelt es sich sogar um Billig-Smartphones eines chinesischen Elektronikherstellers, die der Einfachheit halber komplett unter die Decke gehängt wurden. Panasonic hat das System entwickelt – und sieht in den Erfahrungen aus der eigenen, internen Ablaufoptimierung einen wertvollen Schatz, den der Konzern nun zu Geld machen will. In Kürze soll das System auch bei einem großen deutschen Discounter erprobt werden. Auch für die kameragesteuerte und weitgehend automatisierte Logistik im zentralen Ersatzteillager in Osaka soll es bereits Interessenten geben.

Angesichts der dramatischen demografischen Entwicklung im Land der aufgehenden Sonne konzentriert sich Panasonic auf Produkte, die zur Lösung aktueller Herausforderungen beitragen. Ganz weit vorne im Showroom steht dabei ein Exponat direkt neben Tomati. Es könnte die Antwort auf den auch in Japan allgegenwärtigen Pflegenotstand geben: ein mit künstlicher Intelligenz ausgestattetes Pflegebett, das sich bei Bedarf autonom in einen Rollstuhl verwandeln und bettlägerige Patienten wohin auch immer fahren kann. Tomati darf derweil noch ein paar Jahre das Tomatenpflücken üben. Er hat keine Priorität. Der Roboter gehört zu den Technologien mit Langfristzielen ab 2030.