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Samstag, 17. Februar 2018

Wirtschaft

Dienstleistung im toten Winkel

Von Monika Etspüler | 31. August 2017 | Ausgabe 35

Deutschland muss seine „komfortable Wohlfühlatmosphäre“ verlassen und sich neu aufstellen, meint Philippe Lorenz von der Stiftung Neue Verantwortung.

Interview USA BU
Foto: panthermedia.net/putilich

Bei Big-Data-Technologien ist Deutschland weniger gut aufgestellt, meint Philippe Lorenz. Vorbild könnten die USA sein.

VDI nachrichten: Die deutsche Wirtschaft steht exzellent da. Die Stiftung Neue Verantwortung stellt diese Bilanz infrage. Warum?

Foto: SNV

Philippe Lorenz: „Über neuronale Netze und künstliche Intelligenz haben deutsche Ingenieure lange Zeit nicht nachgedacht.“

Lorenz: In Deutschland wird aus einer komfortablen Wohlfühlatmosphäre heraus diskutiert. Entwicklungen könnten verschlafen werden. Wirtschaftspolitik hierzulande bedeutet vor allem Industriepolitik. Das produzierende Gewerbe ist gewissermaßen die Leitbranche, an der sich die anderen Wirtschaftsbereiche orientieren müssen.

Denkfabrik rund um Internet und Digitalisierung

Was ist daran schlecht?

Die Konzentration auf das produzierende Gewerbe verstellt den Blick auf drastische Veränderungen in anderen Bereichen wie dem Dienstleistungssektor. Darüber vergisst man, dass 2016 gerade mal 24,2 % der Beschäftigten in der Industrie tätig waren, im Dienstleistungssektor waren es 74,4 %. In diesen Bereichen aber finden Digitalisierung und Rationalisierung in großem Maßstab statt. Nur ein Beispiel: Die Commerzbank plant, bis 2020 über 9000 Stellen zu streichen. Die meisten fallen der Automatisierung zum Opfer.

Indem Deutschland seine wirtschaftspolitischen Akzente verschiebt, soll sich das ändern?

Es geht nicht darum, die Wirtschaftsstrukturen in Deutschland umzubauen. Wenn man das Konzept Industrie 4.0 weiterdenkt, führt das zwangsläufig zu einer zunehmenden Vernetzung sämtlicher Produktbereiche. Um konkurrenzfähig zu bleiben, bedarf es konsequenterweise eines effizienten Dienstleistungssektors.

Ein Rezept gegen Arbeitsplatzvernichtung ist das aber nicht.

Dass Berufe durch Softwarelösungen und Robotik ersetzt werden, ist unumstritten. Die Herausforderung ist, in einer datengetriebenen Welt wettbewerbsfähig zu bleiben und gleichzeitig adäquate Berufsbilder zu schaffen. Dafür ist ein fundiertes Wissen über Big-Data-Technologien nötig, ein Gebiet auf dem die Amerikaner exzellent sind.

Nachdem die Stahl- und Automobilindustrie in den USA den Bach hinunter ging, war man gezwungen, seine ursprünglich industriegeprägte Wirtschaft in eine Dienstleistungslandschaft umzuwandeln.

In diesem Dienstleistungssektor erwirtschaften die USA heute immerhin 80 % des Bruttosozialproduktes. Es ist ein Bereich, der sich in Amerika durch die stärkere Verbreitung datengetriebener Geschäftsmodelle schneller als in Deutschland verändert. Die USA sind sozusagen das Studienobjekt, an dem wir lernen können.

Und was sollen wir genau lernen?

Was den technischen Wandel betrifft, sind die USA uns voraus. Die weltweit wertvollsten Unternehmen sind Apple, Alphabet und Microsoft; alles datengetriebene Konzerne mit Sitz in den USA. Seit 2014 arbeitet der Dachverband Industrial Internet Consortium (IIC), in dem Firmen wie General Electric und IBM sitzen, an branchenübergreifenden Standards für Industrie-4.0-Lösungen. Die deutsche Plattform Industrie 4.0 gibt es ein Jahr länger ...

... mit vorzeigbaren Ergebnissen ...,

... aber mit Luft nach oben. Insbesondere die regionalen Kompetenzzentren, die mittelständischen Firmen helfen, ihre Produktion zu digitalisieren und zu vernetzen, sind zu begrüßen. Noch mehr Anstrengungen sind aber im Bereich innovativer IoT-Softwareplattformen nötig. Sie ermöglichen erst die Vernetzung der Produktionsgüter und den Zugang der Unternehmen zur Industrie 4.0. Auch hier stammen die marktführenden Unternehmen – mit Ausnahme von SAP – wie Microsoft, GE oder IBM aus den USA.

Spielen, wenn es um Effektivität und Umsetzung geht, die Mentalitäten eine Rolle?

Die sind sicher vorhanden. Vereinfacht könnte man sagen: Die Amerikaner handeln und stellen dann die Fragen, die Europäer sichern sich erst einmal ab, bevor sie handeln. Ein Beispiel: In der Digitalisierungsdebatte neigt man in Deutschland eher zur Skepsis. Die Amerikaner dagegen fangen jetzt erst so langsam an, sich Gedanken zu machen, was mit ihren Daten passiert.

Warum konnte das Silicon Valley ausgerechnet in den USA entstehen?

Häufig wird hierzulande der Eindruck vermittelt, als hätten ein paar wildgewordene Garagen-Start-ups ihre Genialität ausgespielt und daraus sei das Silicon Valley entstanden. Tatsächlich aber sind solche technologischen Hotspots das Resultat langfristiger, fein austarierter Wirtschaftsprogramme.

Was muss Deutschland tun, um auf dieser Bühne mitspielen zu können?

An erster Stelle steht der Ausbau des Glasfasernetzes, ohne das es in Deutschland keine Industrie 4.0 geben wird. Und den Computerwissenschaften sollte höherer Stellenwert eingeräumt werden. Die Ingenieurkunst in Deutschland liegt schwerpunktmäßig im klassischen materialgetriebenen Maschinenbau.

Ist es nicht gerade diese Ingenieurkunst, die das Label „Made in Germany“ zum Qualitätssiegel macht?

Die deutschen Ingenieure sind hervorragend, wenn es um die Evolution hochwertigerer Produkte geht. Doch die Entwicklung wird heute vorwiegend bestimmt durch neuronale Netze und künstliche Intelligenz. Darüber nachzudenken haben deutsche Ingenieure lange anderen überlassen. Offensichtlich wird das bei der Fahrzeugindustrie. Ein Auto wird bald ein Computer auf vier Rädern sein. Doch hierzulande diskutiert man über synthetische Kraftstoffe für Verbrennungsmotoren, um Zeit für die Entwicklung konkurrenzfähiger Elektromotoren und Batteriespeicher zu gewinnen.

Wenn der technische Wandel in Deutschland gelingt, welche Auswirkungen hat das auf die Arbeitswelt?

Die Debatte in Deutschland geht von der optimistischen Annahme eines Beschäftigungsaufbaus im Dienstleistungssektor aus, der sich rund um das produzierende Gewerbe entwickelt. Doch wenn man das enorme Potenzial für neue Technologieanwendungen und damit für Rationalisierungen gerade im Dienstleistungsbereich berücksichtigt, wird das nicht ausreichen.

Einen goldenen Mittelweg zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplatzsicherung wird es bei dieser Gemengelage wohl nicht geben.

Es wird in der Tat eine große Herausforderung sein, die Menschen trotz des technischen Wandels beschäftigungsfähig zu halten. Das Allgemeinmotto vom lebenslangen Lernen, das bei solchen Debatten immer angeführt wird, greift da nicht. Der erste Schritt muss sein, zu prüfen, wie der Kompetenzbedarf in einzelnen Berufen sich verändert. Dieses Wissen fehlt uns.

Wer soll diese Untersuchungen vornehmen?

Es ist Aufgabe der Politik, sich mit diesen Veränderungen zu befassen. Sie muss sich ein Lagebild verschaffen. Das setzt die Auswertung von Daten aus Stellenprofilen, sozialen Netzwerken wie Xing, von der Agentur für Arbeit und von Unternehmen voraus. Mit diesem Lagebild ist es möglich, zeitgemäße Weiterbildungsstrategien zu entwickeln. Aber auch die Firmen und jeder Einzelne stehen in der Pflicht. ws

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