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Sonntag, 24. Februar 2019

Medizintechnik

Digitalisierung als Erfolgsgarant

Von Bettina Reckter | 15. November 2018 | Ausgabe 46

Auch in der Gesundheitswirtschaft wird der Ruf nach Vernetzung lauter. Der gesamten Branche verspricht eine Studie viele neue Arbeitsplätze und Milliardenumsätze.

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Foto: Messe Düsseldorf / Constanze Tillmann

Ultraschall: Die weltweit erste telemedizinische Sonografielösung fürs Smartphone oder Tablet hat Philips entwickelt. Damit können weitere Ärzte zugeschaltet werden und die Ultraschall- bilder live diskutieren.

Bereits in zehn Jahren könnte Deutschland mit digitaler Medizintechnik einen Umsatz von rund 15 Mrd. € pro Jahr erwirtschaften. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag des Industrieverbands Spectaris und der Messe Düsseldorf vergangene Woche vorgelegt hat.

Eine konsequente Umsetzung der Digitalisierung in der Medizintechnikbranche könnte der Studie zufolge wie ein Jobmotor wirken. Rund 10 000 zusätzliche Arbeitsplätze erwartet Spectaris-Geschäftsführer Jörg Mayer. Er weiß aber auch, dass es nicht leicht wird, diese Stellen auch zu besetzen. „Der Mangel an qualifiziertem Personal gilt schon heute als eines der größten Wachstumshemmnisse“, sagte er am Rande der Weltleitmesse Medica, die diese Woche in Düsseldorf stattfand.

Und dennoch: Der Blick in die Zukunft stimmt zuversichtlich. Aktuell liegt der Jahresumsatz deutscher Medizintechnikhersteller mit digitalen Produkten und Dienstleistungen bei gerade einmal 3,3 Mrd. €. Im Jahr 2028 könnte es bereits fünfmal so viel sein. „Das entspricht einem jährlichen Umsatzplus von 16 % in diesem Segment“, so der Verbandschef.

Das klingt nicht schlecht für eine Branche, die mit ihrem Gesamtumsatz in diesem Jahr erstmals die Grenze von 30 Mrd. € durchbrechen wird. „Die Lage der deutschen Medizintechnik ist grundsätzlich gut“, bestätigt Hans-Peter Bursig, Geschäftsführer des Fachverbands Elektromedizinischer Technik im Branchenverband ZVEI. Er erwartet für 2018 ein Umsatzplus von 4 % bis 5 %.

Und auch der Export stimme zuversichtlich, sagt Bursig. Die Quote lag im vergangenen Jahr unverändert bei knapp 64 %. Ungefähr die Hälfte aller Ausfuhren bleibe in der EU, knapp 20 % gingen jeweils nach Nordamerika und nach Asien.

Sorgen bereiten allerdings die politischen Veränderungen in den USA sowie in Großbritannien. Zurzeit wird jedes Jahr Medizintechnik im Wert von rund 1 Mrd. € nach Großbritannien exportiert. Sollte es zu einem harten Brexit kommen, erwartet der ZVEI-Mann eine chaotische Umstellungsphase. „Wenn die Briten ein eigenes Zulassungssystem einführen, wird das für uns problematisch, da dann die CE-Kennzeichnung nichts mehr wert ist.“

Die Branche steht also vor einem Umbruch. Sie müsse nun kräftig in die Digitalisierung investieren, um das Potenzial abzuschöpfen, so Bursig. Doch der digitale Wandel verläuft zu langsam, zu unkoordiniert und ohne ausreichende politische Unterstützung. „Wir brauchen in Deutschland eine E-Health-Strategie“, fordert Bursig. Und Thilo Kaltenbach, einer der Autoren der Studie, ergänzt: „Digitalisierung in den Unternehmen der Medtechbranche muss Chefsache werden.“ Nicht einmal ein Drittel der Unternehmen investiere mehr als 2,5 % des Umsatzes in die Digitalisierung. Nötig sei aber ein klarer Fokus bei der Verteilung der Investitionen, damit sie an den relevanten Stellen ankämen. „Die Investitionen in digitale Healthcare-Projekte werden meist noch nach dem Gießkannenprinzip verteilt“, bemängelt Kaltenbach.

Foto: Messe Düsseldorf / Constanze Tillmann

Moderne Überwachung: Die Pillendose checkt die Arzneientnahme, parallel dazu werden Stoffwechseldaten erfasst.

Nutznießer einer funktionierenden Digitalisierung in der Medizintechnik soll und wird einmal der Patient sein. Auf der Medizintechnikmesse Medica konnten Besucher diese Woche Produkte aus der gesamten Bandbreite der Branche sehen – vom digitalen Heftpflaster über VR-Anwendungen und die Robotik bis hin zum 3-D-Druck.

Foto: Messe Düsseldorf / Constanze Tillmann

Augencheck: Mit dem Kameraaufsatz kann der Patient den Augenhinter-grund und auch die Netzhaut selbst untersuchen und die Daten per App an den Augenarzt schicken.

Zu den Highlights gehörten etwa ein Ophthalmoskop fürs Smartphone der Firma D-Eye aus dem italienischen Padova – bestehend aus einem Kameraaufsatz und einer speziellen App. Damit können Kunden die Netzhaut und den Augenhintergrund selbst untersuchen und die Daten per App an den Augenarzt schicken. Ein digitales Stethoskop wiederum hat das Unternehmen StethoMe aus Posen für besorgte Eltern entwickelt, die bei ihrem Kind einen ersten Check-up der Atemwege durchführen und die Daten ebenfalls direkt dem Kinderarzt zuspielen können.

Foto: Messe Düsseldorf / Constanze Tillmann

Intelligentes Pflaster: Rotes oder blaues LED-Licht in der Wundauflage aktiviert Blutzirkulation und Gewebetemperatur.

Das Schmerzpflaster von CareWare optimiert den Wundheilungsprozess. Das geschieht durch Anregung von blauem und rotem LED-Licht. Die Blutzirkulation und die Gewebetemperatur werden dadurch erhöht. Dieses Verfahren soll eine sichere, einfach anwendbare und nicht-medikamentöse Behandlungsmethode für Schmerzen bei Sportlern sein. Hersteller Sharkdreams wiederum hat ein System aus drei Komponenten zur Arzneimittelüberwachung entwickelt: Eine intelligente Pillendose überwacht die Entnahme des Medikaments, ein Patch misst die Reaktion des Körpers anhand der Vitaldaten und eine App visualisiert die Veränderungen in Echtzeit – für den Patienten oder, falls die Daten weitergeleitet werden, auch für den behandelnden Arzt.