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Montag, 22. Januar 2018

Afrika

Ein Nachbar braucht Hilfe

Von Christoph Böckmann | 21. September 2017 | Ausgabe 38

Um Perspektiven auf dem Kontinent zu schaffen, braucht es das Engagement deutscher Unternehmen sowie ein Umdenken in der Politik.

BU_Afrika
Foto: imago/ZUMA Press/Christian Marquardt

Hoffnung auf ein besseres Leben treibt tausende Afrikaner nach Europa.

Die Flüchtlingskrise hat Afrika in den Fokus der Politik gerückt. Fluchtursachen wie Armut und Perspektivlosigkeit müssen bekämpft werden. Da sind sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz einig. Nur so würde der Zustrom über das Mittelmeer abflauen. „Afrika ist unser Nachbar. Uns wird es nicht gut gehen, wenn es Afrika nicht gut geht“, warnt auch Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Die Stiftung richtete vergangene Woche die Konferenz „Start up Africa“ aus, auf der diskutiert wurde, wie aus dem Krisen- ein Chancenkontinent werden kann.

„Wir müssen jetzt wirklich Perspektiven schaffen“, meint Joachim Stamp, NRW-Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. Nur durch „Hilfe zur Selbsthilfe“, die zum „Wohlstand für alle“ führe, ließen sich Fluchtursachen bekämpfen. Stamp warnt eindringlich davor, nach dem Wahlkampf das Thema fallen zu lassen. Es brauche eine kontinuierliche Kooperation mit Afrika sowie eine werteorientierte Entwicklungsarbeit, die auf Qualität statt auf Quantität setze. Auch ist für den FDP-Politiker klar: „Wir werden ein Angebot für legale Möglichkeiten der Arbeitsmigration nach Europa machen müssen.“

Doch nicht nur der Staat ist gefragt. „Ich bin mir sicher, dass deutsche Unternehmen einen Beitrag vor Ort leisten können, den die traditionellen Entwicklungshilfeorganisationen in dieser Form nicht erbringen können“, beteuert Ulrich Grillo, Vizepräsident des BDI und Vorstandsvorsitzender der Grillo-Werke. Deutsche Unternehmen seien in der Vergangenheit kaum bis gar nicht in Projekte der Entwicklungshilfe mit einbezogen worden, bemängelt er. Das sei auch der Grund, warum die gewünschte wirtschaftliche Entwicklung ausgeblieben und der Wohlstand nicht in der Bereite angekommen ist. „Anfang der 60er-Jahre befanden sich Afrika und Asien auf einem vergleichbaren Entwicklungsstand. Industrieländer zahlten an die afrikanischen Länder von 1960 bis 2015 pro Kopf 1285 $ Entwicklungshilfe. Im gleichen Zeitraum wurden in Südostasien nur nur 166 $ pro Kopf gezahlt. Das Bruttoinlandsprodukt ist dort heute allerdings siebenmal so hoch wie in Afrika“, konstatiert Grillo.

Doch es gibt auch Licht. Afrika hat sich seit der Jahrtausendwende zu einem Kontinent der Chancen entwickelt. Mittlerweile befinden sich dort elf der 20 am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Fast alle davon werden dieses Jahr um über 6 % wachsen, schätzt der Internationale Währungsfonds. Afrika gilt somit als eine der letzten Regionen, in der sich große Gewinne erzielen lassen. Das weiß auch Grillo. „Das Wachstum wurde nicht durch Entwicklungshilfezahlungen erreicht sondern durch Rohstoffexporte, Investitionen in den Bausektor, die Infrastruktur sowie Dienstleistungen“, erklärt er. Dass ein großer Teil des Wachstums auf Rohstoffexporte zurückzuführen ist, sieht das ehemalige Präsidiumsmitglied der Wirtschaftsvereinigung Metalle kritisch. Um mehr von der Wertschöpfungskette auf den Kontinent zu bringen und damit Arbeitsplätze zu schaffen, benötige Afrika eine starke Industrie. Hierfür bedarf es Investitionen in die Verarbeitung vor Ort sowie in die Infrastruktur, denn deren Zustand gelte immer noch als eines der Haupthindernisse des Wachstums.

Unternehmen aus der Bundesrepublik sind besonders zurückhaltend was den Aufbau von Produktionsstätten angeht. Von den 400 000 deutschen Firmen, die international tätig sind, machen nur 1000 in Afrika Geschäfte. Damit es mehr werden, wünscht sich der BDI von den afrikanischen Regierungen Nachbesserungen in Sachen Transparenz und Rechtssicherheit. Von der heimischen Politik erwarten die Industrievertreter zusätzliche Garantien und Versicherungsmöglichkeiten für die Firmen, die den Sprung übers Mittelmeer wagen. Der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft setzt am selben Hebel an. Er fordert von der OECD und dem Kreditversicherer Euler Hermes die Risiko- und Marktbewertung Afrikas anzupassen. Viele Länder gelten als hochriskant, was nicht mehr zeitgemäß sei, so der Vorwurf. Gerade dem Mittelstand würde so der Weg in die Märkte des Nachbarkontinents verbaut. Denn durch diese Einstufung wären Exportversicherungen wie die Hermesdeckung nur zu erschwerten Bedingungen zu bekommen.

Auch Prinz Asfa-Wossen Asserate, Mitglied des äthiopischen Kaiserhauses, Unternehmensberater und Buchautor, hält Berlin dazu an, seinen Etat für Hermesbürgschaften großzügig aufzustocken. Aber der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers, der in Tübingen und Cambridge Jura, Volkswirtschaft und Geschichte studierte, richtet noch einen anderen Appell an die westlichen Politiker: „Es ist unbestritten, dass Europa und die USA in den letzten 50 Jahren viel getan haben, um Afrika unter die Arme zu greifen.“ Das größte Geschenk aber, das Europa und die USA Afrika machen könne, wäre, ihre Appeasement-Politik gegenüber afrikanischen Gewaltherrschern zu beenden. „Die Politik der Zugeständnisse, der Zurückhaltung, der Beschwichtigung und des Entgegenkommens gegenüber afrikanischen Diktatoren, die ihre eigenen Völker skrupellos ausbeuten und unterdrücken, darf nicht fortgesetzt werden.“

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