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Dienstag, 23. Januar 2018

Medizintechnik

Ein Navi für die OP

Von Bettina Reckter | 19. Oktober 2017 | Ausgabe 42

Mit digitalen Standards lassen sich OPs sicherer für den Patienten und kostengünstiger für die Klinik durchführen. Ein Besuch in der Acqua-Klinik in Leipzig.

Navi im OP BU (1)
Foto: SPI

Die Operation selbst ist Handwerkskunst des Chirurgen. Der Surgical Procedure Manager aber leitet das Team in Wort und Bild durch die gesamte OP.

Ruhig, aber bestimmt tönt die Stimme aus dem Computer: „Start Surgery“. Die Operation kann beginnen. Der OP-Saal ist in ein sanftes Dämmerlicht getaucht. In der Mitte steht der Patiententisch, direkt daneben befindet sich die Einheit mit allem Gerät, das für den heutigen Eingriff wichtig ist: Lichtquelle, Kamera, Pumpe und Sauger. Linker Hand der Vorbereitungsplatz der OP-Schwester, wo anhand einer Checkliste bereits alle benötigten Instrumente und Hilfsmittel zurechtgelegt sind. Daneben befindet sich das Terminal mit der Patientenakte. Rechter Hand das Cockpit für den Anästhesisten.

Die Acqua-Klinik in Leipzig

Riesige Bildschirme hängen an den Wänden. Von jedem Winkel des Raumes aus hat man immer einen Monitor genau im Blick. Neben einer kleinen Digitaleinheit mit Tastatur sind dies die einzigen Anzeichen dafür, dass die Operationen hier mithilfe einer Checklistensoftware, dem Surgical Procedure Manager (SPM), durchgeführt werden soll (s. Kasten). Als eine Art Navigationssystem hilft sie durch die Abläufe.

Der Surgical Procedure Manager

Gerade bereitet der Anästhesist die Intubation vor. Der Eingriff wird unter Vollnarkose durchgeführt. Matthias Domke lässt sich heute an den Nasennebenhöhlen operieren. „Seit drei Jahren wachsen bei mir lästige Polypen zwischen Stirnhöhle und der Nase. Ständig habe ich deswegen Kopfschmerzen – bis hin zur Migräne“, klagt er, bevor er sich auf den OP-Tisch legt.

Nasenpolypen sind eigentlich gutartige Wucherungen der Schleimhaut – vor allem in der Keilbein- und den Siebbeinhöhlen. Doch etwa 4 % der Bevölkerung haben Beschwerden, Männer doppelt so häufig wie Frauen. Werden diese Gewebeveränderungen zu groß, gelangt in der Folge zu wenig Sauerstoff in die Nasennebenhöhlen. Es kommt zu Infekten, Kopfschmerzen und nächtlichem Schnarchen.

Während der Patient unter den wachen Augen der Anästhesieschwester langsam wegdämmert, klickt sich Lars Reuther, Oberarzt im Fachbereich HNO an der Leipziger Acqua-Klinik, per Fußschalter durch das Operationsprogramm. Domkes Basisdaten sind bereits im System gespeichert. Zum Beispiel die Bilder einer vorherigen Computertomographie, die dem Operateur Anhaltspunkte geben, wie er die Instrumente durch den Körper des Patienten leiten soll.

„Diese Nasennebenhöhlen-OP können wir in 45 min bis 60 min durchführen“, schätzt Reuther, während er anhand der Daten abgleicht, ob auch der richtige Patient für den geplanten Eingriff auf dem Tisch liegt. Mit einem Spezialgerät, in dessen Spitze eine Kamera sitzt, tippt er ganz sanft auf einzelne Punkte im Gesicht des Patienten. „Jetzt liest das System die Geometrie des Patienten ein“, erklärt der Oberarzt. „Es lernt, wie die Höhlen im Schädel geformt sind und wie weit die individuellen Abstände sind.“ Erst auf Grundlage dieser Daten wird das Navi zuverlässig.

Foto: Acqua-Klinik

Instrumente und Verbandsmaterial hält Schwester Jacqueline Schlesier, Technical Officer Surgery, stets griffbereit. Außerdem kennt sie sich mit jedem hochtechnischen Gerät, System und auch mit der speziellen Software aus.

Bei einer Operation an den Nasennebenhöhlen arbeiten die Chirurgen unmittelbar an der Schädelbasis. Der Knochen ist hier nicht einmal 1 mm dick. Und ständig droht eine Verletzung der Nervenbahnen, die schlimme Folgen haben könnte. Aber Reuther vertraut dem System – ebenso wie seine 17 Kollegen an der Privatklinik, die in der ehemaligen Villa des Reisebuchverlegers Karl Baedeker ihren Sitz hat.

„In 90 % der rund 3000 Operationen im Jahr setzen wir den SPM ein“, sagt Gero Strauss, HNO-Chefarzt an der Acqua-Klinik. Er hatte bereits Erfahrungen mit der Entwicklung von Navigationssystemen für die Medizintechnik gesammelt, bevor er gemeinsam mit dem Gesundheitsmanager Gunter Trojandt das Surgical Process Institute (SPI) gründete, um den digitalen Operationsmanager zu entwerfen.

Die Idee dahinter: medizinische Abläufe so zu standardisieren und digital aufzubereiten, dass sie auf gleichbleibend hohem Niveau durchgeführt werden können. Unabhängig davon, wo, wann und welches Team den Patienten behandelt. „Wir müssen von der Zufallsmedizin zu strukturierten Behandlungsprozessen kommen“, mahnt auch Heinz Lohmann, früher Chef des Hamburger Klinikverbunds LBK. „Nur so können wir den künftigen Herausforderungen steigender Qualitätserwartungen der Patienten und begrenzter Leistungsfähigkeit der Sozialversicherung erfolgreich begegnen.“

Foto: SPI

Gunter Trojandt: Der promovierte Chemiker ist Mitgründer und Geschäftsführer des Surgical Process Institute Deutschland GmbH.

Das bestätigt SPI-Geschäftsführer Trojandt, dessen Firma Ende Oktober vom Implantatehersteller Johnson&Johnson übernommen wurde, und umschreibt es so: „Glück hatte früher, wer beim Chef unters Messer kam. Pech hatte der, der nur den Assistenzarzt abbekam. Manchmal war es auch umgekehrt. Ein Markenversprechen – sprich eine reproduzierbare Qualität – hat es in der Medizin nie gegeben.“ Wenn eine gute Qualität bei der Operation erreicht werden soll, brauche es einen standardisierten Prozess – der den Arzt mit weniger Erfahrung unterstützt. Denn in Deutschland gebe es trotz eines hohen Leistungsniveaus durchaus Unterschiede von Arzt zu Arzt und von Klinik zu Klinik.

Grundlage des digitalen Konzepts sind die Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften, angereichert mit dem Know-how von erfahrenen Operateuren und den technischen Daten, die die Medizintechnikfirmen direkt liefern – angefangen beim Endoskopspezialisten Karl Storz bis hin zu den großen Implantateherstellern wie etwa Johnson&Johnson. So ist für jede der 67 verschiedenen Prozeduren, die in der Leipziger Klinik durchgeführt werden, ein genauer Plan entstanden, dem die Ärzte Schritt für Schritt folgen.

Neben Polypen werden hier Rachenmandeln entfernt, Nasenkorrekturen durchgeführt, abstehende Ohren wieder angelegt und Cochlea-Implantate im Innenohr eingesetzt. Die Technik warnt vor Problemen und kann helfen, die Zahl der chirurgischen Fehler zu reduzieren sowie den Eingriff schneller vorzunehmen. Denn nichts ist teurer als verschwendete OP-Zeit.

Trotzdem kann der Operateur jederzeit vom digital vorgeschlagenen Pfad abweichen. „Ansonsten aber fordern wir aus Sicherheitsgründen ein akkurates Abarbeiten unserer gemeinsamen Standards“, sagt Chefchirurg Strauss. In Leipzig sei so die ursprünglich kalkulierte OP-Zeit um rund 25 % zurückgegangen. Auch die Zahl der für den Patienten kritischen Zwischenfälle sei von 19 % im Jahr vor ersten Anwendung des SPM auf heute 1,9 % bzw. 73 Prozeduren im Jahr gesunken. Und es würden weniger sterile Instrumente gebraucht. Auch ein erheblicher Kostenfaktor.

„Jetzt kann ich auf dem Monitor sehen, dass ich mich im Siebbeinkompartiment befinde“, sagt Oberarzt Reuther, nachdem er langsam ein Instrument durch die Nase des Patienten dorthin geschoben hat, wo die größten Polypen sitzen. Das Navi weist ihm den Weg in diesem schwer überschaubaren Labyrinth aus Knöchelchen, Schleimhaut, Sekret und Polypen.

Im Hintergrund melden die Geräte der Narkoseüberwachung mit monotonem Piepen, dass es Matthias Domke gut geht. Atmung und Puls sind stabil. Derweil gibt die Computerstimme Infos für den nächsten Schritt: „Landmarke Schädelbasis, Foto“. Per Fußpedal macht Reuter das gewünschte Bild, bevor er mit einem leisen Knirschen die Wucherung von der Schleimhaut knipst.

Foto: SPI

Der Entwicklungsprozess für die Digitalisierung im OP-Saal beginnt mit einer individuellen Besprechung im Fachärzteteam.

Die Operation wird komplett aufgezeichnet. Alle Daten der Geräte, des Navis, aber auch die Gespräche am OP-Tisch sind Bestandteil des chirurgischen Rekorders. So kann jederzeit nachvollzogen werden, welche Schritte zu welchem Zeitpunkt und aus welchem Grund abgelaufen sind. „In erster Linie setzen wir die Daten zur Verbesserung unserer Leitlinien und des praktischen Könnens ein“, so Strauss. In seltenen Fällen können sie aber auch wertvolle Informationen bei einem vermeintlichen Behandlungsfehler liefern.

Wie weit aber ist die Digitalisierung eigentlich bereits im deutschen Gesundheitswesen gediehen? Anlässlich des Digitalgipfels der Bundesregierung versprachen Bundesforschungsministerin Johanna Wanka und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe im Sommer, sich weiter für E-Health und Medizininformatik zu engagieren und entsprechende Projekte zu fördern.

Nach einer Studie von Roland Berger haben zwar 90 % der deutschen Krankenhäuser bereits eine eigene Digitalstrategie, die helfen soll, die Prozesse schneller, effizienter und kostengünstiger zu machen. Faktisch kommt die Digitalisierung der Einrichtungen aber nur schleppend voran – auch weil die finanziellen Mittel fehlen.

Das könnte mit dem Leipziger System vielleicht anders werden. „Eine Fachklinik mit 200 Betten und vier OP-Sälen könnte durch die strukturierte digitale Medizin, so wie wir sie entwickelt haben, bis zu 500 000 € pro Jahr einsparen“, rechnet Trojandt vor.

Die erste Kooperation wurde mit der Uniklinik Düsseldorf abgeschlossen. Heute setzen bereits zehn große deutsche Kliniken auf den digitalen Operationsmanager (SPM) – drei weitere Zentren seien aktuell in der Pipeline, darunter zwei weitere Universitätskliniken sowie ein Herzzentrum. Sie erhoffen sich eine erhebliche Kosteneinsparung durch die standardisierten Abläufe.

„Von der Aufnahme bis zur Entlassung werden etwa 150 Arbeitsschritte pro Patient durchlaufen. Bei einem 200-Betten-Haus mit 5000 OP-Patienten im Jahr sind das rund 750 000 Arbeitsschritte“, umreißt Geschäftsführer Trojandt den Aufwand. Bei ca. 2000 Kliniken in Deutschland mit etwa 100 000 Operationssälen steckt da ein erhebliches Potenzial auch für das Leipziger Institut drin, das je nach Aufwand derzeit zwischen 50 000 € und 100 000€ für den Kunden berechnet.

Bei aller Digitalisierung steht der Chirurg aber weiterhin an seiner Werkbank und erfüllt den Arbeitsplan mit seiner Kunstfähigkeit. Wenn Strauss seine Patienten vor der OP auf die digitale Unterstützung anspricht, seien viele von ihnen erstaunt: „Die meisten gehen davon aus, dass solche Technik bereits eingesetzt wird“, sagt der Leipziger Chefarzt.

Foto: SPI

Über Smartphones bleibt das Klinikpersonal lückenlos informiert. So kann der nächste Patient parallel für die OP vorbereitet werden.

Derweil zieht sich Lars Reuther den Terminal mit der Patientenakte heran, um den OP-Bericht zu schreiben. Die Basisdaten sind bereits gespeichert, nun muss er nur noch die Fotos vom OP-Ablauf zuschalten und Häkchen an die Textbausteine setzen, die ihm das System je nach Patient anbietet. Mit einem Tritt auf das Fußpedal schickt er den fertigen Arztbrief an den Drucker, damit dieser zur Unterschrift bereitliegt, noch bevor der Arzt seine sterile OP-Kleidung abgelegt hat.

Und wie geht es Matthias Domke? „Schon direkt nach der OP spüre ich eine deutliche Verbesserung. Ich kann frei atmen, die Stirnhöhle ist frei“, freut er sich. Wenn keine Komplikationen auftreten, ist die Operation in etwa einer Woche vergessen.

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