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Donnerstag, 21. Februar 2019

Porträt der Woche

Ein unbequemer Erzähler der Wahrheit

Von Stephan W. Eder | 14. September 2017 | Ausgabe 37

Der US-Politiker Al Gore treibt als „Elder Statesman“ unermüdlich die Klimaschutzpolitik weltweit voran.

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Foto: dpa picturealliance/Jörg Carstensen

Streiter für das Klima: Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore stellte in Berlin seinen neuen Film vor.

Wie man ihn eigentlich anrede? In Filmen, TV-Sendungen und Zeitungsartikeln würde er immer „Mr. Vice President“ genannt, fragt eine Kollegin. „Oh“, sagt seine Mitarbeiterin, „das ist schon in Ordnung“; aber „Mr. Gore“ oder einfach „Al“ wäre auch okay.

Albert Arnold („Al“) Gore

Albert Arnold („Al“) Gore Jr. stellt in Berlin in einem Round-Table-Marathon der Presse seinen neuen Film vor. Dreimal 20 min mit jeweils neun bis zehn Pressevertretern an erstaunlich kleinem runden Tisch absolviert der Stellvertreter des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Ein freundlicher „Elder Statesman“, der höflich um den Tisch geht und alle einzeln begrüßt. So nahe wäre man ihm als Vizepräsident nie gekommen.

Eines wird schnell klar: Es geht nicht nur um den neuen Film „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ über die Lage der globalen Klimapolitik – es geht um ihn. Im Film ist er Hauptperson und Thema zugleich, denn der Einsatz für den Klimaschutz erzählt Al Gores ganz persönliche Geschichte.

Das beginnt im Studium: In einer Erstsemestervorlesung erlebt der Sohn einer wohlhabenden Politikerfamilie aus Tennessee an der Harvard University den Ozeanografen Roger Revelle. Gore studiert keine Naturwissenschaften, er macht später seinen Bachelor of Arts. Aber Revelle beeindruckt den jungen Mann so stark, dass Gore ihn in seinem ersten, 1992 erscheinenden Buch erstmals als Mentor für seine Umweltaktivitäten nennt. Denn Revelle hatte etwas zu erzählen: Er maß schon früh den CO2-Gehalt in der Atmosphäre und kam Mitte der 50er-Jahre zum Schluss, dass die Freisetzung von Kohlenstoffdioxid durch den Menschen in etwa 50 Jahren tiefgreifende Effekte auf das Klima haben werde.

Das ließ Gore nicht los – und entfachte eine Passion, die ihn bis heute antreibt. „Wege zum Gleichgewicht: Ein Marshallplan für die Erde“, heißt Gores erstes Buch. Darin forderte er, wie er heute selbst sagt, wohl aus damaliger Sicht „hanebüchen radikal“ anmutende Dinge wie einen „phase out“ des Verbrennungsmotors binnen 25 Jahren. Das war schon mutig: 1992 saß der Nachwuchspolitiker aus renommiertem Elternhaus noch für Tennessee im US-Senat.

Gore ist alles andere als technologiefeindlich. 1991 war er maßgeblich verantwortlich für den „High Performance Computing and Communication Act“, auch „Gore Bill“ genannt – das Gesetzespaket gilt heute in den USA als Grundstein für den „Information Superhighway“, jene Datenautobahnen, aus denen das heutige Internet geworden ist. Privat fährt Gore Tesla, kompensiert seine persönlichen CO2-Emissionen, wo immer er kann, ernährt sich vegan, nennt fast 250 Solarmodule auf seinem Haus und seiner Farm sein eigen und pflanzt dort Tausende neuer Bäume.

Seine Filme und Bücher erzählen nicht nur von Roger Revelle, Gores eigener Familie und der Familienfarm – sondern auch von seiner wohl einschneidendsten Erfahrung. Die brachte ihn endgültig auf den Pfad zum Umweltaktivisten und zum Friedensnobelpreisträger: Jene Entscheidung des US-Supreme Courts, die Ende 2000 Georg W. Bush bei der Präsidentschaftswahl den Staat Florida zusprach – und damit die Präsidentschaft der USA. Seitdem fokussiert sich Gore ganz auf den Klimaschutz. Unermüdlich. Bis heute.

Film „Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft“, Start in Deutschland: 7. September, 98 min, Verleih: Paramount Pictures