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Samstag, 20. Januar 2018

Arbeitszeit

Flexibel bis der Arzt kommt

Von Wolfgang Schmitz | 23. November 2017 | Ausgabe 47

Ökonom Heinz-Josef Bontrup schießt gegen Forderungen des Sachverständigenrates.

Foto: Ulrich Zillmann

Heinz-Josef Bontrup: „Generell ist die Technik ein Segen. Sie wird aber zum Fluch, wenn der Benefit nur bei wenigen Menschen ankommt.“

Die Arbeitgeber setzen klare Signale: Erst wenn Unternehmen die notwendige Flexibilität bei der Arbeitszeit erhielten, könne über die individuellen Wünsche von Mitarbeitern nach reduzierter Arbeitszeit gesprochen werden. „Wir werden nur Arbeitszeitregelungen vereinbaren, die den betrieblichen Bedarf und die Anforderungen der Kunden berücksichtigen“, sagte vor wenigen Tagen NRW-Metallarbeitgeberpräsident Arndt G. Kirchhoff. Wenn überhaupt, dann gehe es künftig nicht um weniger Arbeit, wie es die IG Metall verlangt, sondern um ein höheres Arbeitsvolumen.

Das sieht der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung genauso. Er fordert die Politik auf, das Arbeitszeitgesetz zu lockern, um über größere Flexibilität die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen zu erhalten. Nur dann glaubt Christoph Schmidt, der Vorsitzende des Gremiums, die Firmen in der Lage, in der digitalisierten Welt bestehen zu können. Wer nicht schnell seine Teams zusammenrufen und prompt auf aktuelle Entwicklungen reagieren könne, verliere an Boden. Die Zeiten, in den man morgens im Büro den Arbeitstag beginne und am Ende in den Feierabend übergehe, seien unwiederbringlich vorbei.

„Ich habe den Eindruck, Herr Schmidt leidet hochgradig unter Realitätsverlust“, kontert Heinz-Josef Bontrup. Es gehe nicht an, dass sich der Sachverständigenrat ideologisch von Unternehmerverbänden befeuern lasse und das auch noch als Wissenschaft verkaufe. Der Arbeitsökonom an der Westfälischen Hochschule und ehemalige Personalvorstand eines Stahlunternehmens sieht die aktuelle Gesetzeslage als völlig ausreichend an. „Wir haben in Deutschland bereits eine enorme Flexibilität der Arbeitszeit, ich möchte sogar von einer entgrenzten Arbeitszeit reden.“ Abhängig Beschäftigte leisteten Überstunden ohne Ende. Leiharbeit, Arbeitszeitkonten, Teilzeit, befristete Arbeitsverträge bis zu Arbeit auf Abruf und nicht zuletzt die in vielen Wirtschaftsbereichen wieder eingeführte Sechstagewoche verdeutlichten den Trend. Selbst der Sonntag werde von Unternehmerverbänden infrage gestellt. „Mehr Flexibilität geht wohl kaum noch.“

Bontrup sieht die Arbeitsmärkte nach 40 Jahren Massenarbeitslosigkeit prekarisiert, Mitarbeiter und Gewerkschaften ausgezehrt und machtlos. „Wir verzeichnen eine Tarifflucht, die die Menschen auf ihre individuellen Handlungsfähigkeiten zurückwirft. Wenn einzelne abhängig Beschäftigte Verträge mit ihrem Unternehmer individuell aushandeln müssen, ist doch klar, was dabei herauskommt.“

Es sei, so der Ökonom, zwangsläufige Folge zunehmender Flexibilisierung und ständiger Verfügbarkeit, wenn Menschen unter der Entwicklung litten und psychisch erkrankten. Handy und Internet hätten dazu wesentlich beigetragen, die Digitalisierung verschärfe den Prozess. Bontrup kann nicht nachvollziehen, wenn Kernbelegschaften, die 40 Stunden und länger arbeiteten, nicht ihre Arbeitszeiten verkürzen wollten, sondern nach mehr individueller Flexibilität riefen. „Das verstehe, wer will.“ Die zeitliche Entgrenzung nutze am Ende doch nur den Kapitaleignern.

Wenn Ingenieure glaubten, das beträfe sie nicht, sondern nur die Mitarbeiter auf den unteren Hierarchieebenen, dann täuschten sie sich. „Sie zählen schließlich zu den Kernbelegschaften, die immer länger arbeiten müssen, vielfach ohne Bezahlung ihrer geleisteten Mehrarbeit.“

Bontrup möchte sich keinesfalls als Technikfeind verstanden wissen. „Generell ist die Technik ein Segen. Sie wird aber zum Fluch, wenn der Benefit nur bei wenigen Menschen ankommt.“ Der Arbeitsökonom würde lieber über eine Digitalisierungsdividende reden. Denn es drehe sich letztlich wieder um eine Verteilungsfrage. „Dabei könnte uns die Technik zu mehr Freiheiten in der Arbeitswelt verhelfen. Wir könnten die Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich verkürzen und damit nicht nur etwas für die Beschäftigten, sondern auch für die Arbeitslosen und Unterbeschäftigten tun.“ Das sei aber bei den vorherrschenden Machtverhältnissen zwischen Kapital und Arbeit leider nur ein frommer Wunsch.

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