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Samstag, 17. Februar 2018

Porträt der Woche

Ganz aufgeweckte Burschen

Von Bettina Reckter | 5. Oktober 2017 | Ausgabe 40

US-Forscher Jeffrey C. Hall erhält gemeinsam mit Michael Rosbash und Michael W. Young den Nobelpreis für Medizin 2017.

S2 Portrait (2)
Foto: The Chinese University of Hong Kong

Jeffrey C. Hall von der Brandeis University in Boston, Massachusetts, ist Chronobiologe der ersten Stunde.

Fernab vom Wissenschaftstrubel lebt Jeffrey Hall mittlerweile zurückgezogen auf einer Farm in Maine. Dort wird der Anruf des Nobelkomitees aus Stockholm am frühen Dienstagmorgen den 72-Jährigen wohl aus dem Schlaf gerissen und so seine biologische Uhr bestimmt empfindlich gestört haben. Dass seine Nachtruhe so jäh unterbrochen wurde, steckt er möglicherweise besser weg als so mancher Fluggast nach einem Langstreckenflug seinen Jetlag. Denn Hall ist Experte auf dem Gebiet der Chronobiologie.

Für die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die er sowie die beiden US-Forscher Michael Rosbash und Michael W. Young zur inneren Uhr erarbeitet haben, erhalten sie gemeinsam den diesjährigen Nobelpreis für Medizin.

Geboren in Brooklyn, New York, und aufgewachsen in Washington, D.C., interessierte sich Jeff Hall schon früh in seiner wissenschaftlichen Karriere für Genetik. Der Biologe betrieb genetische und neurobiologische Studien an der Fruchtfliege Drosophila melanogaste. Zunächst forschte er am College in Massachusetts und später an der University of Washington in Seattle, dem California Institute of Technology in Pasadena und schließlich an der Brandeis University in Boston, Massachusetts, r.

Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, den Hall gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Rosbash gewann. 1984 fanden sie an der kurzlebigen Laborfliege das sogenannte Clock-Gen. Noch im selben Jahr wurde ihre Arbeit durch Studien von Michael W. Young an der Rockefeller University in New York City bestätigt, der den beiden Forschern eigentlich zuvorkommen wollte. Fruchtfliegen, bei denen dieses Gen verändert wurde, besitzen keinen oder einen anderen Tag-Nacht-Rhythmus als ihre gesunden Artgenossen.

An solchen Mutanten konnten die Biologen nachweisen, dass es eine biologische Uhr gibt, die genetisch geprägt wird – und dass sie sich zum Teil um etliche Stunden verschieben kann. Dann dauert ein Tag nicht 24 Stunden, sondern vielleicht nur 23 oder gar nur 19 Stunden. Pflanzt man den Mutanten aber erneut ein gesundes Gen ein, so synchronisiert sich auch deren Bioryhthmus wieder. Damit war das Clock-Gen zugleich als das erste Verhaltensgen bestätigt, das jemals gefunden wurde – und das zu einer Zeit, in der die Molekularbiologie gerade erst im Entstehen war.

Als hervorragender Biologe gilt Hall – und mehr noch: als Vorbild für einen guten Wissenschaftler. Viele junge Forscher haben dem bescheidenen Mann, der sich als Laborleiter stets ausgesprochen fair verhielt, einiges zu verdanken. Und möglicherweise auch jene Menschen, deren Biorhythmus aufgrund ihres westlichen Lebensstils oder infolge von Schichtarbeit aus dem Takt geraten ist. Denn die Erkenntnisse von Hall, Rosbash und Young haben dazu geführt, dass psychische wie auch körperliche Erkrankungen erstmals mit Störungen der inneren Uhr in Verbindung gebracht wurden. So konnte etwa nachgewiesen werden, dass Krankenschwestern im Schichtbetrieb öfter an Brustkrebs erkrankten als Kolleginnen ohne wechselnde Arbeitszeiten.

Jeff Hall bleibt Teil der Wissenschaftsgemeinde. Immer noch ist er als Gutachter für eingereichte Paper tätig. Und wenn er nicht als Biologe gefragt ist, dann vielleicht als Experte für den amerikanischen Bürgerkrieg, sein Steckenpferd. Da konnte er sogar den Geschichtsprofessoren an der Brandeis University das Wasser reichen, die ihn gelegentlich baten, Vorlesungen über den Konflikt zwischen Nord- und Südstaaten zu halten.

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