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Mittwoch, 20. Februar 2019

Freizeit

Gas geben auf der Achterbahn

Von Susanne Donner | 7. Februar 2019 | Ausgabe 06

Selbst beschleunigen oder bremsen – mit dieser Idee zieht ein Achterbahnbauer in die Vergnügungsparks ein.

BU Achterbahn
Foto: Maurer Rides

Das Fahrgeschäft, das derzeit im italienischen Mirabilandia entsteht, ist vorerst nur als Modell zu sehen. Sie erstreckt sich über eine Fläche von 35 000 m².

Ohrringe und Halsketten habe ich für diese Testfahrt aus Sicherheitsgründen zuhause gelassen. Ich steige auf das Gefährt, das an eine Mischung aus Schlitten und Motorrad mit zwei Sitzen erinnert. Nicht an eine Harley, sondern eher an eine Rennmaschine. Um den Lenker zu fassen, muss ich mich richtig nach vorne legen.

Technische Daten

Musik ertönt aus dem Lautsprecher. Eine Ampel schaltet um – von Rot auf Grün. Ich sause los. „Rechts Gas geben und links noch mal einen Extraschub rausholen“, hat mir Thomas Frommelt, 23, bei der Einweisung für das Gefährt erklärt. Mit fast 50 km/h presche ich auf eine Steigung zu.

Foto: Maurer Rides

Rennmaschine: Das Superbike „Pangiale V4“ von Ducati bringen die Ingenieure von Maurer Rides auf die Spuren einer Achterbahn.

Nein, ich fahre kein futuristisches Motorrad, sondern die erste interaktive Achterbahn der Welt, ein Produkt der deutschen Firmen Maurer Rides GmbH in München und Beutler Transport Systeme GmbH in Kirchheim. Dieses Fahrgeschäft namens „Sky Dragster“ steht im Skyline Park in Bad Wörishofen bei München. Man kann selbst bremsen, auf bis zu 60 km/h beschleunigen und so eine Rekordzeit aufstellen. Über Kopf geht es auf diesem Prototypen allerdings noch nicht, auch wenn Loopings technisch kein Problem seien. „Wir tasten uns erst langsam an diesen neuen Typus von Achterbahnen heran“, sagt Ingenieur Torsten Schmidt vom Hersteller Maurer in München. Dafür aber sei er für Kinder ab 1,10 m Körpergröße geeignet.

Eine Achterbahn ist ein großes Geschäft. Jedes Exemplar ist ein Unikat und kostet ein paar Millionen Euro. Ein Vielfaches davon aber bringt es innerhalb kurzer Zeit auch wieder ein. Denn eine halbe Million Besucher kommt jedes Jahr in den Vergnügungspark nach Bad Wörishofen. Eine vierköpfige Familie gibt dabei durchschnittlich 150 € bis 250 € aus.

„Wir haben uns von der Spieleindustrie inspirieren lassen“, sagt Schmidt. „Die Menschen wollen individuelle Fahrerlebnisse. Sie wollen nicht mehr in einem großen Zug sitzen, der allen dasselbe Vergnügen bietet.“ Im Vergnügungspark Mirabilandia bei Ravenna, einem der größten in Italien, errichtet Maurer derzeit die zweite interaktive Achterbahn. Drei weitere Exemplare in Europa und Asien sind geplant.

Foto: Maurer Rides

Zwei Strecken (schwarz und rot) mit einer Gesamtlänge von jeweils 525 m und jeder Menge Kurven ziehen sich parallel über den Kurs. So können sich die Fahrgäste auch packende Rennen liefern.

Ab diesem Jahr können sich die Fahrgäste in Italien auf zwei parallelen Strecken von etwas mehr als 500 m Länge ein Rennen liefern. Die Fahrzeuge werden an das Sportmotorrad Panigale V4 von Ducati erinnern. Zum Teil werden sogar Originalteile wie Blinker eingebaut. „Wir nehmen auch die echten Fahrgeräusche auf und spielen den Sound beim Beschleunigen ein.“ Insgesamt zwölf Motorräder werden dann auf der Doppelstrecke unterwegs sein, stellt Schmidt in Aussicht.

Dem gingen einige Lektionen in Bad Wörishofen voraus. Denn dort nutzte Maurer zum ersten Mal ganz neue Technik. Gewöhnlich haben Achterbahnen einen Katapultstart oder ein Liftsystem, das das Fahrzeug zu Beginn der Strecke in große Höhe befördert. Dann saust es antriebslos durch Loopings und Spiralen.

Foto: Maurer Rides

Besucherandrang: Die interaktive Achterbahn gehört zu den Top-Attraktionen im Skyline Park von Bad Wörishofen im Allgäu.

Ohne Motor kann aber kein Fahrgast individuell Gas geben. Zum ersten Mal legte Maurer deshalb die gesamte Strecke als Zahnradsystem aus, auf dem man mithilfe eines Elektromotors im Gefährt jederzeit beschleunigen kann. Dafür müssen die Materialien aber ausgesprochen robust sein, damit sie nicht verschleißen.

„Die andere Herausforderung war die Software zur Steuerung. Kein Fahrzeug darf auf ein anderes auffahren – auch nicht, wenn der Vordermann stehen bleibt. Es geht um Leib und Leben“, sagt Schmidt. Dafür ist jedes Fahrzeug mit Sensoren ausgestattet, die Geschwindigkeit und Position auf der Strecke ständig ans Kontrollsystem übermitteln. Es muss permanent Unfälle verhindern: In Kurven dürfen die Fahrzeuge nicht schneller als 30 km/h werden, weil sonst die Fliehkräfte auf die Fahrgäste zu groß würden. Auf geraden Strecken erlaubt es dann aber bis zu 60 km/h.

Ganz stehen bleiben kann ich nicht, selbst wenn ich bremse. Auch das ist eine Order vom Kontrollsystem. Alle Fahrzeuge fahren mit einer Mindestgeschwindigkeit und müssen einen Sicherheitsabstand zueinander einhalten.

Foto: Maurer Rides

Der Elektromotor mit mehr als 70 kW sorgt für ein Drehmoment von über 1000 Nm.

Ich fahre steil abwärts in einen vertikalen Kreisel, ähnlich einer Autobahnabfahrt, dann jage ich auch schon die Anhöhe zu zwei Kamelhöckern hinauf. Der Tacho zeigt 40 km/h. Ich drehe das Gas richtig auf und nehme noch den Boost dazu. Die Haare fliegen und der Nieselregen peitscht mir ins Gesicht. Ein Kameraauge über dem Tacho ist auf mich gerichtet. Es schneidet meine Fahrt als Film mit, den ich hinterher über eine App herunterladen kann.

Schon rast die Maschine eine steile Abfahrt hinab und wieder durch eine Spirale, bei der ich deutlich abgebremst werde, obwohl ich den Bremshebel nicht ziehe. Offenbar schreitet das Kontrollsystem wieder ein. Dann ist die Runde von 270 m Länge auch schon vorbei. „35 Sekunden“, sagt der Parkmitarbeiter Frommelt und grinst. Ich war wohl nicht die Schnellste. Der Rekord liegt bei 29 Sekunden. Aber es kostet Überwindung, mit jeweils beiden Händen immer Vollgas zu geben, während man von links nach rechts geschleudert wird oder eine steile Abfahrt hinunter rast.

Ursprünglich hatte der Hersteller die Strecke in Bereiche unterteilt, die auf dem Monitor des Fahrzeugs angezeigt wurden. In grünen Abschnitten sollten die Fahrer Gas geben, in orangenen Abschnitten abbremsen. Doch auf den Tacho zu stieren, während man in Kreiseln hängt und steile Talfahrten hinunterdonnert, erfordert enorm viel Konzentration, sodass sich das nicht bewährt hat. Deshalb können die Gäste jetzt dauernd Gas geben und werden nur vom Kontrollsystem begrenzt.

Maurer ist bisher der einzige Achterbahnbauer, der derart interaktive Bahnen anbietet. „Wir haben uns das Zahnradprinzip weltweit mit einem Patent schützen lassen. Nur damit sind große Beschleunigungen möglich. Räder würden durchdrehen“, sagt Ingenieur Schmidt.

Dennoch sind auch die Konkurrenten an interaktiven Systemen interessiert. Der deutsche Hersteller Mack Rides eröffnete in Japan eine Achterbahn, bei der die Gäste über gestengesteuerte Kommunikation Einfluss auf die Geschichte nehmen können, die ihnen während der Fahrt erzählt wird. Längere Fahrgeschäfte erzählen dem Fahrgast während der Tour immer eine Geschichte: oft einen Krimi oder ein Abenteuer, mit einer animierten Kulisse, die in Hallen und Tunneln zu sehen ist. Mit einer Handbewegung können die Fahrgäste beispielsweise den Ausgang der Geschichte beeinflussen. Wird der Held gerettet oder soll er untergeht?

Foto: Maurer Rides

Der italienische Hersteller Technical Park warb im September 2018 mit einem neuen Konzept. Mittels Flügeln am Sitz sollten die Fahrgäste während einer Achterbahnfahrt künftig ihren Sessel individuell steuern können, etwa um damit Überschläge zu machen. Noch existieren diese Pläne aber nur auf Papier.

Maurer versucht unterdessen, seinen Vorsprung auszubauen. Schmidt deutet Ideen an. „Man könnte auch rückwärtsfahren. Oder über Weichen entscheiden, ob man einen Looping nimmt oder nicht“, wagt er einen Blick in die Zukunft der Vergnügungsparks.