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Donnerstag, 21. Februar 2019

Schifffahrt

Gefahren maritimer Infrastrukturen

Von Wolfgang Heumer | 8. November 2018 | Ausgabe 45

Probleme in der maritimen Wirtschaft können sich bis tief ins Binnenland auswirken. Ein neues Institut will das verhindern.

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Foto: panthermedia.net/euregiocontent

Maritime Infrastrukturen gelten als kritisch, weil fast alle Im- und Exporte über sie abgewickelt werden. Ihr Schutz ist wichtig.

Wer an gefährliche Situationen auf dem Meer denkt, hat als erstes Havarien oder ähnliche Katastrophen vor Augen. Tatsächlich sind die wahren Risiken genauso vielfältig wie die maritime Wirtschaft insgesamt, die neben der Schifffahrt zum Beispiel auch Infrastrukturen wie zum Beispiel Häfen und Offshore-Windparks umfasst.

Kommt es dort zu Störungen, können sie sich rasch bis weit ins Binnenland auswirken. Verspätet sich die Abfertigung eines Schiffes in einem Hafen, kann sich das schnell zu einer Kette entwickeln, an deren Ende die just-in-time-Lieferung für die Produktion gefährdet ist. Fällt in einem Nordsee-Windpark eine Trafostation aus, schlagen die Auswirkungen u. U. bis tief ins Stromnetz im Binnenland durch.

Kleine Ursache, große Wirkung – mindestens einmal im Jahr legen Computerpannen in den Häfen von Hamburg und Bremerhaven die dortigen Containerterminals stundenlang lahm und produzieren Staus bis auf die umgebenden Autobahnen. „Dies sind nur Beispiele von vielen dafür, welchen Risiken die maritime Infrastruktur ausgesetzt ist“, sagt Dennis Göge. Er ist am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Programmkoordinator Sicherheitsforschung und Gründungsdirektor des kürzlich in Bremerhaven eröffneten „Instituts für den Schutz maritimer Infrastrukturen“. Obwohl die maritime Industrie für die gesamte deutsche Wirtschaft eine Schlüsselstellung hat, „gibt es praktisch keinen Überblick, welche Risiken insgesamt in diesem Bereich bestehen“, erläutert Göge.

Von Schiffen, Seewegen, Häfen, Strom- und Datenkabeln auf dem Meeresboden sowie den Ressourcen wie Fisch, Öl oder Gas hängt sehr viel ab: „Praktisch jeder Lebensbereich hat einen direkten oder zumindest indirekten Bezug zum Maritimen“, weiß Göge. Bei Gefahren für diese Systeme unterscheiden Fachleute zwischen den englischen Begriffen „safety“ und „security“, die beide mit „Sicherheit“ ins Deutsche übersetzt werden können. „Safety bezieht sich auf die Beeinträchtigungen, die aus dem laufenden Betrieb entstehen können“, erläutert Göge, „Security bezieht sich auf Gefahren, die, wie beispielsweise Terrorangriffe, von außen auf die Infrastruktur einwirken können.“

Beide Sicherheitsbegriffe sind in der maritimen Industrie gängig, doch die meisten Player in den unterschiedlichen Wirtschaftszweigen beschäftigen sich zumeist nur mit den unmittelbaren Risiken des Alltagsgeschäftes. Seit der Havarie des Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“ lässt der Reedereikonzern Carnival Cruises jede Bewegung seiner Schiffe von Hamburg in Echtzeit überwachen. Nach dem Untergang des Holzfrachters „Pallas“ vor Amrum gibt es in Deutschland das Havariekommando, das bei Unfällen auf See die Befehlsgewalt an sich ziehen kann.

Doch solche Maßnahmen sind Reaktionen auf eingetretene Gefahren: „Man muss sich aber der Gefahren und Risiken im Vorfeld bewusst werden, um ihnen begegnen zu können. Man muss Safety und Security gemeinsam betrachten“, ist Göge aus seinen Erfahrungen in der Sicherheitsforschung überzeugt. Eine umfassende Betrachtung war bisher die Ausnahme, denn die maritime Welt ist sehr komplex. Private Unternehmen, staatliche Institutionen und internationale Organisationen summieren sich zu einer fast unbegrenzten Vielfalt an Beteiligten.

Dass sich nun das DLR für die Lage auf dem Wasser interessiert, wirkt überraschender als es tatsächlich ist. Die DLR-Experten kennen sich mit komplexen Situationen und Aufgaben aus und beschäftigen sich in ihrer Forschung und Entwicklung für Flugzeuge und Satelliten mit Themen wie Fernerkundung, Sensorik und Datenübertragung. Zudem forscht das DLR in weiteren Schwerpunkten rund um die Themen Energie und Verkehr und hat dadurch eine enge Verbindung zu maritimen Infrastrukturen. „Dazu gehören nicht nur die Offshore-Windparks sondern auch die großen Seekabelstrecken wie NordLink, die die Stromnetze Norwegens und Deutschlands verbinden“, so Göge.

Zunächst will das Institut Schwerpunkte suchen, für die vorbeugende Maßnahmen sinnvoll und vordringlich sind. Weiter geht es darum, wie welche Lagebilder möglichst in Echtzeit geschaffen werden können und welche Sensorik dafür nötig ist. „Schon ein einzelner Hafen ist ein sehr komplexes System mit vielen Beteiligten und vielen Zuständigkeiten“, erläutert Göge. Das neue Institut will das Sicherheitspotenzial deutlich erhöhen, indem alle Player über die wesentlichen Informationen und ein umfassendes Lagebild erhalten.