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Samstag, 16. Februar 2019

Energiespeicherung

Gigawatt-Zellfabrik noch fern

Von Hans-Christoph Neidlein | 22. Februar 2018 | Ausgabe 08

Die deutsche Elektronikbranche sieht den Markt und die Zeit noch nicht als reif an, um eine Zellfabrik im Gigawatt-Maßstab aufzubauen.

w - Batterie ZVEI BU
Foto: © Solar Promotion GmbH

Batteriestandort Deutschland: Der Markt wächst, das Know-how ist da.

Die deutsche Elektronikindustrie ist in puncto Aufbau einer eigenen Batteriezellenproduktion – vor allem für Elektroautos – in der Warteschleife. Der Markt, so die Botschaft der Branche letzte Woche in Berlin, sei noch zu klein, die Investitionen zu hoch.

„Es wäre wünschenswert, eine Zellproduktion in Deutschland zu haben“, sagte Otmar Frey, Geschäftsführer des Fachverbands Batterien beim ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie). Doch sieht er das Investitionsrisiko hierfür momentan als zu hoch an und die Nachfrage vor allem für Elektroautos als noch zu gering.

„Es geht um ein Mindestinvestment von 1,5 Mrd. €“, bezifferte Frey die Kosten. „Sie können Zellenproduktion nicht klein anfangen. Man muss von null auf 100 arbeiten.“ Stemmen könnten dies nur größere deutsche Hersteller wie Bosch, Conti, Volkswagen oder Daimler.

Skeptisch äußern sich auch hiesige Batteriehersteller, die im ZVEI organisiert sind. „Man kann das nicht von oben erzwingen. Wenn sich niemand committen will, ist Zellenproduktion kein Business Case“, sagte Rainer Hald, Technikchef bei Varta Microbattery.

„Der Markt wird nicht so schnell kommen, wie die Politik sich das wünscht“, erklärte Christian Riedel, Kommunikationschef bei Johnson Controls Autobatterie. Dies ist nicht nur eine Spitze gegen Berlin, sondern auch gegen Brüssel. Denn nach einer Unterredung mit Vertretern der Industrie und einiger Mitgliedsländer forderte EU-Energiekommissar Maros Sefcovic Anfang vergangener Woche für Europa „mehr als zehn Gigafactories“ für Elektroautobatterien. Bis zum Jahr 2025 sieht er einen Produktionsbedarf von 100 GWh in Europa, um die wachsende Nachfrage für Elektroautos bedienen zu können.

ZVEI-Batterieexperte Frey räumte ein, dass es jetzt schon erste Versorgungsengpässe bei Zellimporten nach Deutschland gebe – weil einige asiatische Hersteller wie Panasonic ankündigten, dass sie weltweit nur noch größere Abnehmer aus dem Bereich der Elektrofahrzeuge belieferten.

Dabei sieht Frey Deutschland grundsätzlich als guten Standort für eine Zellproduktion. Denn aufgrund der hohen Prozessautomatisierung fielen höhere Arbeitskosten im globalen Wettbewerb kaum ins Gewicht. Punkten könne man zudem mit einem starken Maschinenbau und einer starken Chemie vor Ort.

Forderungen nach einer verstärkten Zusammenarbeit der Industrie in Europa beim Aufbau einer Zellproduktion, wie sie jüngst auch Wirtschafts-Staatssekretär Matthias Machnig erhoben hatte, nahmen Batteriehersteller wie Exide Technologies auf der Veranstaltung in Berlin den Wind aus den Segeln. „Wir haben jetzt schon eine starke Kooperation“, sagt Marleen Boucoiran, Marketing Director Europe.

„Wir müssen uns im internationalen Vergleich nicht verstecken, wir sind gut aufgestellt“, unterstrich Frey. Er verweist darauf, dass die Geschäfte für die rund 30 deutschen Batteriehersteller gut laufen. Auch die Ausfuhr von Lithium-Ionen-Batterien nahm zwischen 2011 und 2016 stark zu, von 200 Mio. € auf 500 Mio. €. Und dies, obwohl nur Varta Microbattery in Ellwangen kleinformatige Lithium-Ionen-Zellen, beispielsweise für Bluetooth-Kopfhörer, fertigt.

Normalerweise werden die Lithium-Ionen-Zellen vor allem aus Korea und Japan als „Rohstoff“ zugeliefert. In Deutschland werden sie dann mit den Energiemanagementsystemen, der Leistungselektronik sowie den Gehäusen zu fertigen Batterien konfektioniert.

„Die deutsche Batterieindustrie verfügt über das Know-how, um aus Lithium-Ionen-Zellen gebrauchsfertige Batterien herzustellen, die sich beispielsweise für Hybrid- oder Elektrofahrzeuge, tragbare Werkzeuge oder Heimspeicher für Photovoltaikanlagen eignen“, erklärte Frey die deutschen Stärken.

Der deutsche Batteriemarkt (Produktion minus Export plus Import) wuchs zwischen 2011 und 2016 um über 1 Mrd. € von 1,7 Mrd. € auf 2,8 Mrd. €. Dies entspricht einer Steigerung von fast 64 %. Dabei legte der Markt für Bleibatterien bei einem Umsatz von 1,1 Mrd. € um mehr als 20 % zu. Fast drei Viertel des Wachstums sind aber auf die hohen Importzahlen von Lithium-Ionen-Zellen zurückzuführen. Seit 2011 hat sich deren Einfuhr vervierfacht.

Insgesamt warnt der ZVEI davor, die Diskussion über die Zukunft des Batteriestandorts Deutschland nur auf die Lithium-Ionen-Technologie für Elektroautos zu verengen. Das Know-how der deutschen Industrie sei viel breiter aufgestellt und die Anwendungen vielfältiger. So spielten beispielsweise speziell entwickelte Bleibatterien für Start-Stopp-Systeme von Neuwagen eine große Rolle.

Vorne mit spielen deutsche Hersteller auch im wachsenden Markt für stationäre Batteriespeicher, sei es für zu Hause, das Gewerbe, Quartiere oder als Netzspeicher. Hersteller wie Varta bieten hier entsprechende Lösungen an, ebenso weitere deutsche Unternehmen wie Sonnen, E3/DC, Solarwatt, Tesvolt oder Ads Tech. „Rund 70 % der Wertschöpfung bei der Batterieproduktion kommen über die Elektronik, nur circa 30 % über die Zellen“, stellte ZVEI-Experte Frey zudem klar.