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Mittwoch, 20. Februar 2019

Umwelt

Glyphosat muss neu bewertet werden

Von Renate Ell | 24. Januar 2019 | Ausgabe 04

Die für die Risikobewertung bei Pestiziden zuständige Behörde hat wohl Passagen aus den Zulassungsanträgen der Industrie für das Pflanzenschutzmittel Glyphosat teilweise kopiert, statt sie eigenständig zu prüfen.

Pestizide BU
Foto: panthermedia.net/fotokostic

Die Landwirtschaft braucht zuverlässige Pflanzenschutzmittel. Nun stellt sich raus, dass Pestizidwirkstoffe nicht ausreichend geprüft wurden.

Das Zulassungsverfahren für Pestizidwirkstoffe in der EU gilt als wissenschaftsbasiert und streng – aber es ist ins Gerede gekommen. „Copy & Paste“ lautet der Vorwurf: Die Behörden der Mitgliedsländer, die für die gesamte EU einen Bewertungsbericht über die Wirkung der jeweiligen Substanz auf Umwelt und Gesundheit verfassen, haben lange Textpassagen aus den Anträgen der Hersteller kopiert – auch Schlussfolgerungen.

Nur Pestizidwirkstoffe, die unbedenklich sind für Gesundheit und Umwelt, dürfen in der EU versprüht werden. Hersteller müssen deshalb für ihren Antrag belegen, dass ihr Produkt z. B. weder haut- oder augenreizend noch krebserregend oder erbgutverändernd wirkt und bei bestimmungsgemäßer Anwendung auch Insekten oder Bodenlebewesen nicht schadet.

Jeweils ein Mitgliedsland ist dafür zuständig, diesen Antrag zu prüfen und in einem Bewertungsbericht darzustellen, ob die Daten die Unbedenklichkeit der Substanz belegen oder nicht. „Der berichterstattende Mitgliedstaat nimmt eine unabhängige, objektive und transparente Bewertung vor dem Hintergrund des neuesten Stands von Wissenschaft und Technik vor“, heißt es dazu in der entsprechenden EU-Verordnung.

Allerdings zeigt ein Gutachten des renommierten Plagiatsforschers Stefan Weber aus Salzburg, dass das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in seinem Bericht zu Glyphosat diese Anforderungen nicht erfüllt. Vor allem in den Abschnitten, in denen die veröffentlichte wissenschaftliche Literatur zu möglichen krebserregenden, erbgutschädigenden oder reproduktionstoxischen Wirkungen bewertet wird. Hier diagnostiziert Weber ein klares Plagiat, also die „Anmaßung der Autorenschaft“ – die das BfR selbst in seinen Regeln zur guten wissenschaftlichen Praxis über wissenschaftliches Fehlverhalten nennt.

Das BfR hat über viele Seiten die Bewertung von veröffentlichten wissenschaftlichen Studien aus dem Antrag weitgehend wörtlich übernommen. Manchmal wurde die Formulierung leicht verändert – etwa der im Antrag genannte Name eines Autors getilgt. Auch die Beschreibung der Vorgehensweise findet sich praktisch wortgleich in Antrag und Bericht – wodurch der Eindruck erweckt wird, es handele sich um die Vorgehensweise des BfR. „Wenn ich erkläre: ‚Das ist mein Ansatz‘, dann ist das ein Plagiat“, erklärt Weber. „Ich hätte ja sonst in der Überschrift schreiben müssen: Rekonstruktion und Beschreibung der Methode des Antragstellers.“

Die Behörde erklärt dazu: „Das BfR hat keinesfalls ungeprüft die Schlussfolgerung der Antragsteller übernommen. Es prüft gemäß seinem gesetzlichen Auftrag alle angegebenen Studien im Original. (…) Alleiniges Kriterium für die Berücksichtigung von Studienergebnissen ist die wissenschaftliche Qualität und Evidenz der Studien.“

Zu denken könnte die Tatsache geben, dass das BfR die Bewertung der Literatur durch die Antragsteller, die Glyphosate Task Force unter der Leitung der Firma Monsanto, übernommen hat. Sie basiert auf dem „Klimisch Score“, der nur für Industriestudien geeignet ist; also für Tierversuche, die eigens für Zulassungsanträge erfolgen. Denn er bewertet die Einhaltung bestimmter Regeln, die für unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen nicht gelten – was keine Aussage über deren Qualität ist. Die Publikationen zu Glyphosat sind in renommierten Fachzeitschriften mit Peer Review erschienen, also von unabhängigen Wissenschaftlern überprüft worden, und sie sind in der Fachwelt weltweit anerkannt. Die weitaus häufigste Klimisch-Bewertung lautete allerdings „not reliable“, also „unzuverlässig“.

Konsequenzen fordert die Europaabgeordnete Maria Noichl (SPD): „Fakt ist, dass Glyphosat nicht aufgrund einer unabhängigen, objektiven und transparenten Bewertung auf dem Markt ist. Deswegen muss meiner Meinung nach Glyphosat neu bewertet werden, und das muss für die Behörde ein Nachspiel haben.“

Dass es auch anders geht, zeigen die entsprechenden Kapitel über mögliche Umweltschäden durch Glyphosat. Sie stammen vom Umweltbundesamt (UBA), das eigens einen „UBA-Score“ zur Bewertung dieser Publikationen entworfen hat.

Im Gegensatz dazu hat das BfR auch in jenen Kapiteln abgeschrieben, in denen es die Industriestudien bewertet. Weber spricht hier allerdings von „gutartigem“ Kopieren, es werde keine Autorschaft vorgetäuscht. In den Kapiteln wird jeweils die Beschreibung des Tierversuchs und dessen Ergebnis übernommen, dann aber durch eine Bewertung des BfR in Kursivschrift ergänzt.

Ersteres machen alle anderen Behörden in ihren Bewertungsberichten auch – das hat im vergangenen Jahr ein Rechercheprojekt des Bayerischen Rundfunks zu Verlängerungsverfahren von 25 Wirkstoffen gezeigt. Aber nur wenige Behörden hatten sich in diesen Berichten die Mühe gemacht, eine eigene, als solche deutlich gekennzeichnete Bewertung zu formulieren.

In vielen Fällen stammen auch die Schlussfolgerungen vom Antragsteller. Die zuständige EU-Behörde Efsa begründet dies damit, dass es sich nicht um wissenschaftliche Texte handele, für die entsprechende Zitatregeln gelten, sondern um Behördenberichte, für die solche Regeln nicht anwendbar seien.

Die Behörden kopieren offenbar so großzügig, weil sie nicht genug Zeit oder Personal haben, um die Originalstudien selbst komplett zu prüfen – dies sagte ein ehemaliger Mitarbeiter einer nationalen Behörde (der anonym bleiben wollte) gegenüber dem BR. Und Katarina Lundberg, in Schweden zuständig für solche Berichte, erklärt, warum das so ist: „Ein Antrag für eine neue Substanz kann 50 000 bis 150 000 Seiten lang sein, bei der Reproduktionstoxikologie oder Kanzerogenität, den aufwendigeren Studien, kann eine allein 1000 Seiten oder länger sein.“

Die Übernahme von Studienbeschreibungen mag verzeihlich sein – v. a. wenn sie erkennbar ist. Nur: Wie objektiv und unabhängig kann eine solche Bewertung sein, wenn die Mitarbeiter beim „Copy & Paste“ tief in die Antragstexte eintauchen?

https://web.br.de/interaktiv/pestizidehttps://plagiatsgutachten.de