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Samstag, 16. Februar 2019

Meinung

„Gravierende Nachteile im internationalen Vergleich“

Von Jürgen Hemberger | 6. September 2018 | Ausgabe 36

Laut EuGH-Urteil gelten Organismen, die mit Crispr/Cas erzeugt wurden, als gentechnisch verändert. Das erschwere hierzulande die Forschung, sagt Jürgen Hemberger vom VDI-Fachbereich Biotechnologie.

Foto: Jürgen Hemberger

Jürgen Hemberger fordert die Klärung offener Fragen zu Crispr/Cas, damit die Technologie effizient, zukunftsorientiert und zum Wohle aller gestaltet werden kann.

Heute wird im Krönungssaal des Aachener Rathauses der renommierte Aachener Ingenieurpreis an Emmanuelle Charpentier verliehen. Die französische Mikrobiologin hat gemeinsam mit der amerikanischen Biochemikerin Jennifer Doudna eine Methode entwickelt, die die Biotechnologie revolutionieren wird. Sie gilt als nobelpreiswürdig und wird, so die Meinung vieler Experten, das Leben vieler Menschen verändern. Doch Crispr/Cas (sprich: Krisperkas) ist umstritten. Erst kürzlich befasste sich der Europäische Gerichtshof (EuGH) ausführlich mit diesem bereits heute vielfach genutzten Gentechnikwerkzeug.

Jürgen Hemberger

Von einem Abwehrsystem, das Bakterien gegenüber Bakteriophagen anwenden, abgeleitet, ist Crispr/Cas eine hochpräzise Technik, mit der das Erbgut praktisch aller Organismen verändert werden kann. Im Vergleich zu älteren Mutageneseverfahren ist sie deutlich zielgerichteter, weshalb Fachleute den Begriff Genome Editing geprägt haben: Das Erbgut, egal ob in Pflanzen, Tieren oder Menschen, lässt sich editieren, als würde man mit einem Computerprogramm einen Text bearbeiten. Zudem ist Crispr/Cas einfacher, kostengünstiger und schneller als frühere Genome-Editing-Verfahren.

Die mit der Methode verbundenen Hoffnungen richten sich derzeit vor allem auf die erleichterte Züchtung von Nutzpflanzen für eine Landwirtschaft, die angesichts des Klimawandels und der rasant wachsenden Weltbevölkerung vor riesigen Herausforderungen steht. Es geht aber mittelfristig auch um die Therapie schwerwiegender genetisch bedingter Krankheiten und um optimierte Prozesse in der Chemieindustrie.

Viele erinnern sich noch an die Jahrhundertdürre, die Deutschland im Jahr 2003 erlebt hat, und auch der Sommer dieses Jahres fällt in vielen Regionen sehr trocken aus. Andernorts gab es hingegen Starkregen und Überschwemmungen. Die Landwirtschaft braucht daher hitzetolerante, starkregenbeständige und windfeste Sorten mit hohem Nährstoffgehalt, die im Idealfall auch nur wenig Pestizide benötigen. Crispr/Cas bietet die Chance, solche Sorten schneller und ressourcenschonender zu züchten als es mit herkömmlicher Pflanzenzucht möglich ist, die viel Wasser und Ackerland benötigt und auch Ausschuss produziert.

Anders als mit alten Gentechnikverfahren können mit Crispr/Cas Pflanzengenome verändert werden, ohne Fremdgene einzuführen. Das Erbgut wird so verändert, wie es auch durch natürliche Mutationen vorkommen könnte, nur wesentlich zielgerichteter.

Im Gegensatz dazu erzeugen klassische Mutageneseverfahren mittels erbgutverändernder Chemikalien oder ionisierender Strahlung – mehr als 3000 Pflanzensorten aus dieser Methodik sind auf dem Markt – eine Vielzahl zufälliger Gendefekte. Solch weitreichende Perspektiven werfen natürlich Fragen auf, und neue Technologien müssen hinsichtlich möglicher Risiken und ethischer Bedenken evaluiert werden. Bereits 2017 hat der Fachbeirat Biotechnologie des VDI Chancen und Risiken von Crispr/Cas aus Ingenieurperspektive betrachtet und mögliche gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Folgen diskutiert.

Kürzlich hat nun der EuGH entschieden, dass durch Crispr/Cas erzeugte Pflanzen als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) anzusehen sind, die unter die strengen Auflagen der 17 Jahre alten europäischen Freisetzungsrichtlinie für GVO (GVO-Richtlinie) fallen. Pflanzen, die gezielt mit Crispr/Cas gezüchtet wurden, sind daher genauso streng reguliert wie Saatgut, das fremde Gene enthält. In Wissenschaft und Industrie hat das Urteil für Enttäuschung gesorgt. Und auch der VDI-Fachbeirat Biotechnologie hätte sich eine Ausnahmeregelung gewünscht, wie sie für die oben beschriebenen klassischen Mutageneseverfahren nach wie vor gilt.

Welche Folgen hat das EuGH-Urteil? Forschern und Unternehmen in Europa drohen dadurch gravierende Nachteile im internationalen Vergleich. Die strengen Auflagen des Gentechnikrechts machen innovative Pflanzenzüchtungen deutlich aufwendiger und langwieriger als beispielsweise in den USA. Dort hatte das US-Landwirtschaftsministerium bereits im April anders entschieden: Mit Crispr/Cas editierte Pflanzen fallen dort nicht unter GVO-Regelungen.

Konzerne wie BASF und Bayer haben ihre Forschung hierzu längst in die USA verlagert. Vor allem für kleinere Biotechunternehmen und für die Wissenschaft wird es hierzulande nun aber schwer. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hätte sich ebenfalls ein forschungsfreundlicheres Urteil gewünscht. „Nun wird es darauf ankommen, dass die Anwendung des Gentechnikrechtes künftig nicht dazu führt, die moderne Pflanzenzüchtungsforschung in Deutschland und Europa vollständig zum Erliegen zu bringen“, sagte die Ministerin.

Eine Reihe von Umwelt- und Verbraucherverbänden wie auch einige Mitglieder in Fachgremien des VDI dagegen begrüßen das EuGH-Urteil, welches aus ihrer Sicht eine am Vorsorgeprinzip orientierte Risikoprüfung gewährleistet.

Der Fachbeirat Biotechnologie plädiert für einen interdisziplinären, konsensorientierten und öffentlichen Dialog – unter Einbindung von Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Verwaltung. Ziel muss es sein, mögliche Vor- und Nachteile für Umwelt und Gesellschaft zu diskutieren sowie offene Fragen zu klären, damit der Einsatz von Crispr/Cas effizient, zukunftsorientiert und zum Wohle aller gestaltet werden kann.

Zurück zum Aachener Ingenieurpreis: Mit diesem Preis wird jedes Jahr eine Person geehrt, die besondere ingenieurwissenschaftliche Impulse für Technik, Wirtschaft und Gesellschaft gesetzt hat. Mit Emmanuelle Charpentier wird nun erstmals eine Mikrobiologin ausgezeichnet und vom VDI-Präsidenten Udo Ungeheuer geehrt, deren Arbeit riesige Möglichkeiten für das Ingenieurwesen in der Biotechnologie eröffnet hat.

„Crispr/Cas & Co – Neue Biotech-Werkzeuge“: VDI-Thesen und Handlungsfelder, Düsseldorf 2017

www.vdi.de/crispr