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Samstag, 23. Februar 2019

Logistik

Herrengedeck am Containerterminal

Von Bettina Reckter | 22. Februar 2018 | Ausgabe 08

Der Duisburger Hafen hat sich in den letzten 20 Jahren vom Überbleibsel der Montanindustrie zu einer der führenden zentraleuropäischen Logistikdrehscheiben gewandelt.

BU
Foto: duisport /Hans_Blossey

Zukunftsweisend: Dort, wo die Ruhr in den Rhein fließt, ist in den vergangenen Jahren die führende Logistikdrehscheibe Zentraleuropas entstanden.

Rückblende ins Jahr 1981: In der Ruhrorter Traditionskneipe „Zum Anker“ diskutieren Rheinschiffer über Gott und die Welt. Ihre Schiffermützen lässig in die Stirn gezogen, gestikulierend, rauchend und nach jedem Pils-Korn-Gedeck lauter werdend. Die Rechnung wird noch über den Bierdeckel abgewickelt. In der Ecke hängt ein Geldspielautomat gleich neben dem obligatorischen Sparkästchen. Eine Musikbox, aus der aktuelle Schlager dudeln, steht vor dunkler Holzvertäfelung. Die kargen Holzmöbel wie den abgewetzten Linoleumboden erkennt man kaum im schummrig-diffusen Licht der wenigen Lampen.

Der Duisburger Hafen in Zahlen

Mehrere Schiffsmodelle im Raum erinnern daran, wo sich die Kneipe befindet: in Duisburg-Ruhrort, einen Steinwurf vom Hafen entfernt. An einem der Holztische sitzen Götz George und Eberhard Feik alias Kommissar Schimanski und Kollege Thanner in der ersten Schimanski-Folge der TV-Reihe „Tatort“. Sie vertilgen eine große Portion Muscheln mit Pilsbegleitung und ermitteln gleichzeitig ihre Fälle.

In den kommenden Jahren wird der grobschlächtige „Schimmi“, der das Fluchen im deutschen Fernsehen salonfähig gemacht hat, zum Synonym fürs Ruhrgebiet. Schroff, doch irgendwie herzlich und – vor allem – immer authentisch. Gerne wird er vor rauchenden Schloten und vor markanten Umschlageinrichtungen des Hafens abgelichtet. Er bringt den Spirit des Potts via Bildschirm in die Wohnzimmer der Nation.

Doch auch ganz andere Bilder aus der Region werden zu dieser Zeit übertragen. Etwa von Stahlarbeitern des Rheinhausener Hüttenwerks, die Anfang 1988 im längsten Arbeitskampf der deutschen Nachkriegsgeschichte um ihre Jobs kämpfen. Als legendär gilt das „Auf Ruhr“-Konzert im Walzwerk auf dem Gelände von Krupp, an dem 47 000 Menschen teilnahmen. Doch alle Solidaritätsbekundungen sind vergebens. Krupp schließt das seinerzeit modernste Hüttenwerk Europas. Mit dem endgültigen Aus ist der Untergang der Montanindustrie im Ruhrgebiet eingeläutet.

Foto: Duisburger Hafen AG

Vergangenheit: Vor dem Strukturwandel wurden im Duisburger Hafen vor allem Kohle, Erz und Stahl umgeschlagen. Heute gilt er als multimodale Logistikdrehscheibe und gehört zu den größten Binnenhäfen der Welt.

Zurück in die Gegenwart: Heute ist Schimmis Lieblingskneipe kaum wiederzuerkennen. Hell gestrichene Wände, moderne Bodenfliesen und eine gut gefüllte Kühltheke bestimmen das Ambiente. Von der ehemaligen Spelunke ist eigentlich nur die Außenfassade erhalten – „und die Wandvertäfelung aus dunklem Holz“, ergänzt Rainer Schmitz, der das Traditionshaus „Zum Anker“ jetzt als Kombüse, Kaffeebar und Eisbude betreibt. Auf dem Speiseplan stehen Kabeljaufilet mit Blattspinat und der „Michelango-Burger“.

Alles ist modern, hell und sauber. So, wie die Marketingexperten der Städte im Pott ihre Region inzwischen bewerben. Nicht müde werdend, den erfolgreichen Strukturwandel in den Vordergrund zu rücken. In Duisburg wird dieser 1998 eingeläutet. Auf Schimanskis beigefarbene Feldjacke folgen Anzug und Krawatte als Erich Staake zum neuen mächtigen Mann in der Region wird.

Foto: Rolf Müller-Wondorf

Impulsgeber: Hafenchef Erich Staake hat den Strukturwandel in Duisburg angestoßen.

Der Hafenchef erhält von der NRW-Landesregierung zunächst den Auftrag, auf dem 256 ha großen Gelände des ehemaligen Krupp-Hüttenwerks in Duisburg-Rheinhausen – um dessen Erhalt die Mitarbeiter seinerzeit so hartnäckig rangen – ein modernes Logistikzentrum für hochwertige Stückgüter zu errichten. Unter der Bezeichnung „Logport I“ wird das Areal innerhalb weniger Jahre vermarktet und erhält ein komplett neues Gesicht. Mehr als 130 000 m² groß ist alleine das dort angesiedelte „Duisburg Intermodal Terminal“ (DIT), eines der größten Umschlagzentren für Container in Europa.

Die hier arbeitenden Menschen wirken wie kleine Ameisen, wenn sie in den Gassen zwischen den haushoch getürmten Containern umherlaufen. Insgesamt sind dort stets mehr als 7500 Standardcontainer (TEU – Twenty-foot Equivalent Unit) in mehreren Lagen gestapelt und warten auf ihren kurzfristigen Umschlag. Sie kommen aus China, aus Brasilien und aus zahlreichen europäischen Ländern, wie ein Blick auf deren Aufdruck verrät.

Drei Portalkrane bewegen die Behältnisse fast geräuschlos vom Binnenschiff auf die in Reih und Glied wartenden Lkw, setzen sie am Boden ab und beladen Züge. Die Kranführer bedienen die bis 710 t schweren Giganten aus ihrer Kabine in luftiger Höhe. Von hier aus haben sie eine hervorragende Rundumsicht. Auf das Umschlaggelände, auf den mit sanfter Strömung vorbeifließenden Rhein, die vorbeischwimmenden Lastschiffe und auf große Teile des Ruhrgebiets. In der Ferne sind stillgelegte Schornsteine und Fördertürme zu erkennen. Die gigantischen Krananlagen bedienen sie mit vergleichsweise winzig wirkenden Steuerknüppeln. Dennoch dirigieren sie damit die bis 57 m hohen Krane zentimetergenau und bewegen bis 40 t schwere Container.

Unter den Portalkranen wieseln riesige Reach-Stacker. Im DIT bringen die 73 t schweren „Greifstapler“ die Container erstaunlich flink entweder zur Depotfläche oder in Richtung Bahnabfertigung. Dort befinden sich sechs bis zu 700 m lange Gleise, auf denen komplette Züge Platz finden. Dabei handelt es sich um sogenannte Ganzzüge – also Güterzüge, die vom Start- bis zum Zielbahnhof als Einheit – gegebenenfalls mit organisatorischen oder betrieblichen Zwischenhalten – verkehren. Sie steuern von hier aus Ziele in ganz Europa oder Asien an.

Den großen logistischen Erfolg hat Duisburg in erster Linie seiner Lage zu verdanken. Dort, wo die Ruhr und der Rhein zusammenfließen, besteht mithilfe von sogenannten Küstenmotorschiffen über den Rhein sogar eine direkte Anbindung an die Seewege. Das ist einzigartig für einen Binnenhafen. Hinzu kommt die Trimodalität des Standorts, die den Güterumschlag von und auf drei verschiedene Verkehrsträger erlaubt. Dafür sorgen der Rhein – immerhin eine der wichtigsten europäischen „Wasserstraßen“ –, das im Ruhrgebiet besonders eng geknüpfte Autobahn- und Straßennetz und die Schieneninfrastruktur, die bis heute immer weiter ausgebaut wird.

Parallel dazu wachsen die Umschlageinrichtungen für Container. Ende der 1980er-Jahre existieren lediglich zwei Containerterminals in Duisburg, inzwischen sind es acht. Diese Einrichtungen schlagen jedes Jahr über 4 Mio. TEU um. Mehr als 20 000 Schiffe und 25 000 Züge bewegen alljährlich Güter über den Hafen. Die „öffentlichen“ Häfen der Duisport-Gruppe, der Betreibergesellschaft des Duisburger Hafens, wickeln per anno ein Verkehrsvolumen von 66,8 Mio. t ab – bezogen auf die drei Verkehrsträger Schiff, Bahn und Lkw. Neben dem öffentlichen Teil des Hafens gibt es noch sogenannte Werkshäfen, in denen jedes Jahr zusätzlich rund 66 Mio. t Güter umgeschlagen werden. So kommen beispielsweise die Rohstoffe für Thyssenkrupp, meist Erz und Kohle, im unternehmenseigenen Hafenbecken an. Insgesamt gibt es 21 öffentliche Hafenbecken und acht private Werkshäfen.

Zusätzliche Umschlagmengen will der Duisburger Hafen in den kommenden Jahren durch den Ausbau internationaler Handelsbeziehungen generieren. Im Zuge der Seidenstraßeninitiative „one belt, one road“ beispielsweise, schloss Duisport im Jahr 2016 Kooperationen mit chinesischen Unternehmen. Bereits heute verkehren wöchentlich mehr als 20 Züge zwischen dem Duisburger Hafen und verschiedenen Zielen in China. Die Seidenstraßeninitiative verfolgt das Ziel, China insgesamt besser an die Märkte in Westeuropa anzubinden und gleichzeitig Zentral- und Westchina wirtschaftlich auszubauen. Geplant ist ein erheblicher Zuwachs im Gütertransport von China nach Europa direkt über Duisburg. Hafenchef Erich Staake dazu: „Das wird weiterhin Fahrt aufnehmen und zu steigenden Umschlagzahlen im Duisburger Hafen führen, zumal China jetzt die USA als wichtigsten Handelspartner Deutschlands abgelöst hat.“ Zudem sei China noch vor den USA der weltweit wichtigste E-Commerce-Markt, der nach Aussage des Hafenchefs zukünftig ein großer wirtschaftlicher Treiber in der Transportlogistik sein wird.

Die geplante Volumensteigerung stärkt auch die Funktion Duisports als Jobmotor. Heute sind rund 45 000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Hafen abhängig. Dies entspricht einem Zuwachs von 26 000 Stellen seit dem Jahr 2000. In den öffentlichen Häfen Duisburgs sind mehr als 300 Betriebe ansässig. Im vergangenen Jahr sind durch Unternehmensneuansiedlungen über 1000 direkte Arbeitsplätze zusätzlich entstanden. Arbeitsplätze, die in der ehemaligen Montanregion mehr als dringend gebraucht werden.

Unterdessen geht der Strukturwandel in Duisburg weiter. Auf dem Gelände einer ehemaligen Papierfabrik im Ortsteil Walsum türmen sich momentan hohe Betonhaufen und große Mengen Altmetall. Die Abbruchbirne hat ganze Arbeit geleistet und die ehemalige Fabrik dem Erdboden gleich gemacht. Auf der einen Seite wird das Areal durch den Kühlturm eines Heizkraftwerks begrenzt, an die andere Seite grenzt der Rhein. In wenigen Jahren bereits soll auf dieser Industriebrache unter der Bezeichnung „Logport VI“ ein weiteres Logistikareal mit trimodalen Umschlagmöglichkeiten entstehen.

Foto: Rolf Müller-Wondorf

Kult: Gastronom Rainer Schmitz und Küchenfee Doro Tönges servieren ihren Gästen gerne eine „Schimanski-Currywurst“ und gewähren einen Blick in ihre „Schatztruhe“, in der sich auch die Original-Schimanski-Jacke mit Einschussloch und Filmblut befindet.

Und Schimanski? Der hat den Strukturwandel gut überstanden. Seine Fans pilgern bis heute nach Duisburg, um dort die Drehorte der Serie zu besuchen. Darunter auch die Kombüse „Zum Anker“ von Rainer Schmitz. Der serviert seinen Besuchern dann auch gerne die „Schimanski-Currywurst“, stilecht mit einem frisch gezapften Pils. Als besonderes Highlight präsentiert er seine „Schimanski-Vitrine“. Hier bewahrt er Filmplakate, Bilder, Autogramme und andere Erinnerungen an den Ruhrpottkommissar auf. Besonders stolz ist er auf die original M-65-Feldjacke, die Götz George während der Dreharbeiten seines letzten Schimanski-Films mit dem Titel „Loverboy“ trug.  ber/har