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Dienstag, 23. Januar 2018

Porträt der Woche

Im ständigen Kampf gegen sich selbst

Von Peter Steinmüller | 21. September 2017 | Ausgabe 38

Der angehende Ingenieur Nawid Eskandarpour steht vor dem internationalen Durchbruch als Bodybuilder.

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Foto: Foto PEN Fotografie

Nawid Eskandarpour glänzt nicht nur auf der Bühne, sondern auch mit Kentnissen zu Training und Ernährung.

Sechs junge Männer stehen nur mit Badeshorts bekleidet auf einer Bühne. Mit synchronen Posen präsentieren sie ihre prallen Muskeln, beeindruckenden Sixpacks und schmalen Taillen. Mitten unter ihnen: Nawid Eskandarpour, Maschinenbaustudent an der Hochschule Düsseldorf.

Nawid Eskandarpour

Was unbedarften Zuschauern wie ein Schönheitswettbewerb unter Twens vorkommt, ist in der Tat harter Sport: Der 23-Jährige ist amtierender deutscher Meister in der Physique-Klasse des Bodybuildings. Laut Wettkampfregeln entscheiden dort „Symmetrie, Proportion“ und „sportlich-athletische Erscheinung“ über Sieg oder Niederlage. Damit setzt sich die Physique-Klasse, die in der kurzen Zeit ihres Bestehens enormen Aufschwung erfuhr, deutlich ab von den Anforderungen des klassischen Bodybuildings, das mittlerweile von Muskelmonstern dominiert wird, die an Pirelli-Männchen erinnern.

Und die oft genug mit Anabolika nachhelfen, um auf das Siegertreppchen zu gelangen, bevor sie in jungen Jahren an Organversagen, Krebs oder Herzinfarkt sterben. „Fachärzte schätzen den Anteil der leistungsorientierten Bodybuilder, die illegale Mittel benutzen, auf 100 %: Nur durch Training sei der angestrebte Muskelaufbau nicht zu erreichen“, beschreibt die Süddeutsche Zeitung die aktuelle Situation der Randsportart.

Dass er weder Testosteron spritzen noch andere Steroide schlucken muss, um in der Physique-Klasse Siege erringen zu können, ist für Eskandarpour ein wichtiges Motiv, in dieser Liga anzutreten. Denn dort sind extreme Muskelmassen laut Statuten ausdrücklich unerwünscht. Doch was bringt den angehenden Ingenieur dazu, in Shorts auf eine zugige Bühne zu treten und seinen ölglänzenden Körper dem Urteil einer Jury zu unterwerfen? „Mich reizt der Kampf gegen mich selbst. Es geht nicht darum, besser zu sein als andere“, versichert er.

Dieser Kampf verlangt ihm einiges ab: Sieben Monaten Muskelaufbau folgen vier Monate Diät. Von 86 kg will er 12 kg abhungern, um mit seinem Körper international bestehen zu können. Entsprechend reichen die Wäschegrößen im Kleiderschrank von M bis XL. Während der Diät trainiert Eskandarpour noch täglich eineinhalb bis zwei Stunden. Und schreibt acht Klausuren in drei Wochen, während er „intermittent fasting“ betreibt: Vormittags Klausur schreiben, nachmittags in acht Stunden 2400 Kalorien hineinpressen, am nächsten Morgen auf nüchternen Magen die nächste Klausur schreiben … „Es geht an die Substanz“, gibt Eskandarpour zu.

Auch der Blick aufs Essen verändere sich: „Andere sehen Kartoffeln, Hühnchen und Spinat, ich sehe Eiweiß, Kohlenhydrate und Ballaststoffe.“ Bei dem extrem durchgeplanten Leben kommt ihm zugute, dass seine Freundin ebenfalls Wettkampf-Bodybuilding betreibt. Abends auf der Couch schaut das Paar nicht Fernsehen, sondern liest Bücher über Biochemie oder Krafttraining.

An diesem Wochenende entscheidet sich, ob die monatelange Quälerei belohnt wird. Dann steht Eskandarpour bei den Arnold Classics in Barcelona auf der Bühne, einer Art Europameisterschaft im Bodybuilding. Er rechnet sich gute Chancen auf einen Spitzenplatz aus. Mit seinen breiten Schultern und seiner schmalen Taille sei er genetisch im Vorteil, meint er.

Wenn alles klappt, wird ihm der Übervater aller Bodybuilder persönlich gratulieren. Eskandarpour weiß schon, was er in diesem Moment zu Arnold Schwarzenegger sagen wird: „Ich hoffe, das ist nicht das letzte Mal, dass wir uns begegnen.“ Denn mit einem Sieg stünde dem zielstrebigen Studenten die Welt des Profi-Bodybuildings offen.

Dafür würde er die Ingenieurkarriere um ein paar Jahre verschieben. Und das, obwohl er zuversichtlich ist, bei einem Laborausstatter im nächsten Jahr als Ingenieur anfangen zu können. Ob Büro oder Bühne – Eskandarpour ist für alles offen: „Ich bin jemand, der das Leben auf sich zukommen lässt.“

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