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Donnerstag, 21. März 2019

Maschinenbau

Innovation in Quartieren

Von Stephan W. Eder | 14. März 2019 | Ausgabe 11

Heidelberger Druckmaschinen hat Forschung & Entwicklung entstaubt. Im Erfinderdorf in einer alten Fertigungshalle basteln 1000 schlaue Geister an der Drucktechnik für morgen.

Heidelberger (2)
Foto: Heidelberger Druckmaschinen AG

Tintendruck im Test: Seit Jahren arbeitet Heidelberger auch an Tintenstrahldrucktechniken zusammen mit Partner Fujifilm.

Dahinten, die große gelbe Halle mit den vielen Lüftungsaggregaten, das ist es, das neue Innovationszentrum, kurz IVZ. Rainer Hundsdörfer zeigt mit dem Finger hinunter aufs Werksgelände.

Innovationszentrum (IVZ) der Heidelberger Druckmaschinen

Ein guter Platz hier oben, die Chefetage des Hauptgebäudes, um einen Überblick zu bekommen über die Heidelberger Druckmaschinen AG in Wiesloch. Das riesige Areal liegt verschlafen da in der Mittagszeit; wenn der Firmenchef nichts sagt, ist es hier mucksmäuschenstill.

Bewusst „mittendrin“ hätten sie das IVZ platziert, so CEO Hundsdörfer. Auf der einen Seite des Innovationszentrums die Kundenzentren, auf der anderen Seite die Fabrik. Neue Druckmaschinen sollen dort erdacht werden, ob Tintenstrahler oder Offsetmaschinen, mit neuen Tinten zum Beispiel oder neuen digitalen Workflows, die das Drucken noch einfacher machen. Kunden sollen mit Problemen und Wünschen kommen können, die man möglichst schnell lösen und umsetzen will. „Die können dann direkt in wenigen Minuten ins IVZ rübergehen und die Inhalte ohne größere Reibungsverluste abstimmen – und vielleicht sogar sofort ausprobieren“, sagt der CEO.

Reibungsverluste, ja, die gab es. Lag doch das alte Forschungs- und Entwicklungszentrum (FEZ) noch in Heidelberg, Produktion und Headquarter aber schon länger im 14 km entfernten Wiesloch. Kamen Kunden mit Wünschen, mussten entweder die Entwickler reisen – oder die Kunden. Auf Dauer keine gute Lösung. „Ich bin überzeugt: Persönliche Nähe ist durch nichts zu schlagen“, sagt Hundsdörfer mit Nachdruck. „Wenn man miteinander redet, kommt man am schnellsten ans Ziel.“ Das lebe man hier im IVZ.

Foto: Stephan W. Eder

Frank Kropp: Der Entwicklungsleiter ist stolz darauf, wie gut das neue Innovationszentrum ankommt.

Der ganz leichte Hall von Frank Kropps Stimme lässt den gigantischen Raum erahnen, in dem er steht: Mehr als 11 m hoch ist die alte Gebäudehülle, in der er seine Besucher empfängt. „Akustik ist das größte Thema, wenn man solch eine Forschungsstadt in eine große Produktionshalle bauen will“, weiß der Maschinenbauingenieur, Entwicklungsleiter und zugleich Hausherr im Innovationszentrum.

„Enormen Respekt“ hätte er vor dieser Herausforderung gehabt: „Wir haben 1000 Arbeitsplätze in dem neuen Innovationszentrum, 1000 Leute, die mal still arbeiten, aber im nächsten Moment auch miteinander reden wollen, mal lauter, mal leiser.“

Vor gut drei Jahren fingen er und sein Team an; sie haben gebrütet, wie sie in Zukunft gleichzeitig neue Technologien in Wiesloch erforschen wollten und ganz handfest mit Kunden schnell eine Lösung für deren Bedürfnisse entwickeln könnten. Kommunikation sollte einfach werden: schnell, informell und effizient. Er selbst saß früher im vierten Stock – kaum jemand kam mal eben auf die Schnelle bei ihm vorbei. Das sollte sich ändern: „Wir bekamen die Chance, alles, was wir brauchen, unter einem Dach zusammenzuführen, und diese Chance wollten wir nutzen.“

Kropp steht im Foyer, ein aufgeräumtes, lockeres, modernes Entree; Sitzgruppen, eine große Präsentationsleinwand, meterhohe Grünpflanzen, Hocker inklusive Steckerplätzen und USB-Anschlüssen. Man habe eine transparente Umgebung erreichen wollen, die „uns das Gefühl gibt, von unseren Büros aus nach draußen zu gehen“.

Der Hauherr führt den Besuch weiter hinein ins Forschungsdorf, vorbei an den ersten „Quartieren“; quadratische, baugleiche, lichte Würfel mit viel Glas, konzipiert für 80 Menschen, die dort zusammen arbeiten. 13 an der Zahl. Es ist wirklich so: Man geht langsam in eine Siedlung hinein.

Fast überrascht steht man vor einer Durchgangssperre; Chipkarten müssen her. Es ist Mittag, alles ist ruhig, Kropp meint, sonst sei es etwas lebhafter, wenn die Kolleginnen und Kollegen sich zu Meetings außerhalb der Quartiere zusammensetzen. Entweder in dem riesigen Atrium in der Hallenmitte oder an den Ecken der Quartiere. „Wir haben in jedem Quartier die Ecken als Arbeitsplätze ausgespart und dort Kommunikationszonen eingerichtet“, erklärt Kropp. Da, wo sich die Wege kreuzen, mag eh keiner seinen Arbeitsplatz haben.


Von irgendwoher dröhnt ein Staubsauger, als Kropp mit den Worten „Vorsicht Stufe“ in eines der Quartiere führt. „Doppelboden“, erklärt er, „da sind alle Versorgungsleitungen drin.“ Nebeneffekt: Der Durchgang durch die Quartiere wird kaum mal als Abkürzung genutzt, die Leute können ungestörter arbeiten.

Jedes Quartier hat Kaffee- und Teeküche, in der Mitte einen offenen Raum fürs Team. Hier gibt es zum Beispiel viele Ablagemöglichkeiten, in diesem Fall für Druckbögen und Zeichnungen. Mancher Entwickler nutzt die Fläche auch, um für eine Baugruppenbesprechung einfach mal die Komponente auf den Tisch zu packen. Agiles Arbeiten machen die Druckmaschinenbauer schon seit Jahren.

Einzelbüros? Fehlanzeige: Pro Quartier gibt es nur noch eines – für den Chef, den Bereichsleiter. Das sei auch ein Wunsch der Mitarbeiter gewesen, so Kropp. Die wollten in Ruhe auch mal kurzfristig mit ihren Chefs sprechen können – und nicht erst noch ein Zimmer suchen müssen. Alle anderen Arbeitsplätze unterscheiden sich unabhängig von der Hierarchie nicht voneinander. An den Arbeitsplätzen selbst ist es noch einmal ruhiger. „Die haben wir so gebaut, dass man sich nicht gegenseitig stört.“ Von innen ist der Staubsauger kaum noch hörbar.

Der Weg vom Geistesblitz zum Produkt mag im stillen Kämmerlein anfangen oder in einem turbulenten Gruppenprozess, der weitere Weg ist durchstrukturiert: „Wir entwerfen einen digitalen Zwilling, beginnen zu simulieren und zu berechnen“, erklärt Kropp.

Anschließend wird die Maschine mit den Hardwarekomponenten nachgebildet. In einem der 13 Quartiere gibt es eine separate Abteilung: Dort werden Motoren und alle anderen Komponenten, die angesteuert werden müssen, in Standardserverracks einbaut: „So können wir daran die Software und die Abläufe unter nahezu realen Bedingungen testen.“

Ist die Software qualifiziert, kommen sie und andere vorqualifizierte Komponenten auf die Maschine: „Darauf bilden wir den Praxisbetrieb nach und wir fahren zumindest einen Einschichtbetrieb“, erklärt Kropp. Danach wird der Service hinzugezogen und es geht in die ersten Feldtests.

Bevor es ruhig werden konnte, gab es erst einmal viel Lärm: Denn irgendwo mussten sie ja hin, die 43 Labore, die Versuchsstände, an denen in einem ersten Praxisbetrieb erprobt wird, ob auch wirklich funktioniert, was sich die Ingenieure erdacht haben. All das ist nämlich in einem separaten Teil der Riesenhalle untergebracht. „Der technische Versuchsbereich ist komplett von den Quartieren beziehungsweise der Bürofläche getrennt, damit über die Böden und die Gebäudehülle kein Schall übertragen wird“, weiß Kropp. Dafür kreischten tagelang gewaltige Betonsägen, 30 cm ist der Boden stark, der durchtrennt werden musste, ist er doch für tonnenschwere Offsetmaschinen ausgelegt. „Der Technikbereich ist zudem mit einer entsprechenden Schalldämmwand abgetrennt“, erklärt Kropp. Als die Tür zum Technikbereich schwer ins Schloss fällt, ist es erst einmal – ruhig. Ein kunterbuntes Handlager für Kleinteile döst menschenleer vor sich hin. Ebenso die alten, 100 % analogen, grün gehaltenen Werkbänke, die es vom FEZ bis hierher geschafft haben. Mit Bedacht, wie Kropp erklärt. „Wir brauchen einfach eine Stelle, wo wir selbst Sachen schnell fertigen und bearbeiten können und etwas ausprobieren können.“ Nur probiert hier halt gerade niemand etwas aus.

Um die Ecke rauscht es kräftig, da, wo eine größere Digitaldruckmaschine im Testaufbau steht: Heidelbergs Primefire. Noch aber läuft sie nicht, das Rauschen ist nur die Lüftung; von woanders schallt das typische Piepsen eines Warntons herüber. Zwei Kollegen diskutieren am Leitstand, andere sitzen neben der Maschine an Laptops vor mehreren Bildschirmen: „Da werten wir die Versuche aus, wir sehen die Logfiles und die ganze Sensorik auf einen Blick. Wir schauen, dass wir sie richtig ansteuern, und wir nutzen den Teststand auch, um direkt Fehler herauszuprogrammieren und Dinge auszuprobieren.“

Wo es ganz laut wird, kommt man erst gar nicht hinein, ein Blick durchs Türfenster des Testlabors muss genügen: „Das ist unser neuer Luxus und erleichtert das Arbeiten ungemein“, sagt Kropp. „Hier drin haben wir mindestens 85 dB.“ Gehörschutz ist Pflicht. Einzelkomponenten würden da getestet: Hub- und Schleppsauger von Saugköpfen zum Beispiel.

Tinte ist ein gutes Stichwort für CEO Rainer Hundsdörfer: „Als Neuerung haben wir ein großes Tintenlabor aufgebaut. Wir beschäftigen inzwischen mehr Chemiker als früher. Wir wollen Tinten nicht selbst herstellen, da gibt es genug Spezialisten, die das für uns tun – aber die Formulierung brauchen wir, um zu wissen, wie es funktioniert.“

Wenn die Chemiker in Wiesloch in ihren eher kleinen, beschaulich wirkenden Laboren endlich einen Erfolg versprechenden Tintenkandidaten für den Einsatz in der Praxis entwickelt haben, dann geht es in den Tintenteststand: „Da testen wir, wie wir die Druckköpfe steuern, wie sich das mit verschiedenen Bedruckstoffen und Trocknungsverfahren verhält“, sagt IVZ-Hausherr Frank Kropp. Tintentests sind eine ruhige Sache. Wie angenehm.