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Sonntag, 21. Januar 2018

Porträt der Woche

„John“ am Katzentisch

Von Stephan W. Eder | 19. Oktober 2017 | Ausgabe 42

der Physiker Hans Joachim Schellnhuber. Seine Gründung, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, wird 25.

w - Portrait der Woche Schellnhuber BU
Foto: imago/IPON

Der Klimaforscher und Physiker Hans Joachim Schellnhuber prägt mit seinem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die deutsche Wissenschaft.

Alle Jahre wieder, etwa zwei Monate vor den jährlichen Weltklimakonferenzen, lädt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, kurz PIK, die deutsche Presse ein. Alle kommen, um zu wissen, wie es steht in Sachen Klimaforschung und -politik. Nur einer ist fast nie da: „John“. „John“ fehlt, obwohl es ohne ihn das PIK nicht gäbe und er der Chef ist. Aber es geht auch ohne ihn.

Hans Joachim Schellnhuber

„John“ ist Hans Joachim Schellnhuber, Direktor und Gründervater des PIK, das in der letzten Woche sein 25-jähriges Bestehen feierte. Den Spitznamen nutzt er selbst ganz öffentlich: Wer „www.pik-potsdam.de/members/john“ eingibt, landet auf seiner englischsprachigen PIK-Seite. Die niederbayerische Herkunft kann Schellnhuber aber nicht leugnen, sobald man ihn reden hört.

Wissenschaftlich und gesellschaftlich ist Schellnhuber prägend für die deutsche, ja die internationale Klimaforschung. Er ist Physiker, PIK-Direktor, Kanzlerinnen-Klimaexperte, Teilnehmer und Berater etlicher Weltklimakonferenzen. Hochdekoriert häuft er Preise auf Preise, schreibt Dutzende Bücher, war und ist Mitglied hochrangiger Institute in Großbritannien und den USA.

Wissenschaftlich zu Hause ist der 67-jährige Schellnhuber in der Festkörperphysik, in der er an der Universität Regensburg als theoretischer Physiker über Bandstrukturen von Kristallelektronen in magnetischen Feldern promovierte.

Erst eine Postdocstelle an der University of California in Santa Barbara brachte ihn mit der Theorie nicht linearer Systeme zusammen, als er dort unter anderem Kontakt mit dem IBM-Fellow und Wirtschaftsmathematiker Benoit Mandelbrot bekam, der als Erster die Dynamik der Finanzmärkte und anderer komplexer Systeme als selbstähnlich beschreiben konnte.

Die Zeit ist prägend: Seit 1984 beschäftigte sich Schellnhuber nur noch mit nicht linearen Systemen; sie brachten ihn 1989 als Direktor zum Institut für Chemie und Biologie des Meeres an der Universität Oldenburg. Dort entwickelte er 1991 das Konzept für das PIK.

In die Klimaforschung führte er den Begriff der „Kippelemente“ ein: Änderungen im Klimasystem vollziehen sich danach nicht unbedingt linear und kontinuierlich, sondern auch diskontinuierlich, irreversibel und unter Begleitung extremer Ereignisse.

Der PIK-Direktor kennt dabei die begrenzte Macht der Wissenschaftler, die – wie er – verstehen, wie sich Klimawandel vollzieht. Bei den Klimakonferenzen aber sitzen sie geduldig am Katzentisch der Weltpolitik auf Abruf, bis die Diplomaten sie beim Ringen um Gelder und Verträge brauchen.

Fast genauso geduldig beschäftigt er sich mit den sogenannten Klimaskeptikern. So lud Schellnhuber 2011 Vertreter des Europäischen Instituts für Klima und Energie (Eike) nach Potsdam ein, die ihre Argumente vortrugen. „Allerdings ergaben sich aus dem Vorgetragenen aus Sicht der Forscher des PIK keine wesentlichen neuen Erkenntnisse“, resümierten die Klimaforscher.

„Arroganz“ werfen ihm daher seine Gegner in dieser Debatte mitunter vor. Eins stimmt: Sein Licht stellt er nicht unter den Scheffel. Wozu auch? Selbstbewusst ist er, aber eben auch brennend engagiert für seine Sache. Wenn da nicht alle mitkönnen oder -wollen, ficht ihn das nicht an. „Bei unserem Kampf geht es nicht um Ideologie, es geht um Dringlichkeit und um unser Wohl. Wir haben eine Menge Arbeit vor uns“, sagte er letzte Woche bei der Jubiläumsfeier des PIK.

Apropos Beiträge: Ohne die Medien hätte Schellnhuber sein Wirken nicht entfalten können. Letztes Jahr war „John“ dann mal beim alljährlichen PIK-Pressetreffen. Um sein damals neues Buch „Selbstverbrennung“ vorzustellen. Er ist Medienprofi genug, um zu wissen, dass das goutiert wird. Und er ist klug genug, um zu wissen, dass er es alleine auch nicht richten kann.

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