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Mittwoch, 24. Januar 2018

Datenschutz

Karriereprognosen ab dem Kindergartenalter

Von Claudia Burger | 7. September 2017 | Ausgabe 36

E-Learning-Plattformen sind im Visier der Datenschutzaufsichtsbehörden. Kaum ein Einsatz von Online-Lernplattformen dürfte juristisch einwandfrei sein.

Universitäten, Schulen und andere Bildungseinrichtungen nutzen E-Learning-Plattformen und können den Lernenden in den virtuellen Kursräumen Materialien bereitstellen, Leistungskontrollen durchführen und protokollieren. Handelte es sich dabei vor zehn Jahren noch um gemeinsam nutzbare Dateiordner sowie um gemeinsam nutzbare E-Mail-Funktionen, verfügen die Plattformen heute über mehr Funktionalitäten. Auch können die Lernenden längst nicht mehr freiwillig entscheiden, ob sie eine solche Plattformen wollen, da diese oftmals fest in den Lehrplan eingebunden sind. Die Berlin Group, eine internationale Arbeitsgruppe von Datenschutzaufsichtsbehörden, hat sich mit der neuesten Generation von E-Learning-Plattformen befasst. Dabei wurden eklatante Mängel festgestellt und Handlungsempfehlungen ausgesprochen.

Je intensiver der Unterricht auf virtuellen Klassenräumen basiert, desto umfassender werden auch leistungs- und verhaltensspezifische Daten generiert. Universitäten erheben im Rahmen so genannter „Massive Open Online Courses“ (MOOCs) grenzüberschreitend Teilnehmerdaten. Die Datenschützer halten die Daten für „besonders sensibel“, da sie Auskunft über Interessen der Lernenden, ihre Merkfähigkeit, ihre Schnelligkeit bei der Aufgabenbearbeitung und ihre Lernbereitschaft umfassen. Darauf basierende Datenanalysen können Prognosen für die berufliche Zukunft treffen. Singapur etwa entwickelt eine „Total Online Learning Solution“, die ab dem Kindergarten jedem Lernenden einen „Learning Record Store“ zuweist, der alle Lerndaten erfasst. Dort werden Lerndaten auch mit Aus- und Weiterbildungsdaten kombiniert. In einigen US-Staaten werden bereits Daten aus dem Kindergarten und der Schule mit Arbeitnehmerdaten verknüpft. Über die Lernplattformen werden viele personenbezogene Daten erhoben: Etwa wer welche Materialien wann und wie oft nutzt. Bestimmte Plattformen prognostizieren aus den Daten zum Beispiel eine mögliche Legasthenie.

Auch die Interaktion der Lernenden untereinander sowie mit den Lehrern kann ausgewertet werden. Manche Systeme reichern diese Daten mit Interaktionsdaten aus Online-Spielen oder Social Media an, wie die New York Times berichtete. Ausgewertet werden diese Daten nach Bewertungskriterien, über die Bildungseinrichtungen keine Kontrolle mehr haben.

Den Empfehlungen der Berlin Group folgten in der Vergangenheit mehrere europäische Regulierungen. Die Lektüre des Papiers der Gruppe zeigt, dass kaum ein Einsatz von Online-Lernplattformen juristisch einwandfrei sein dürfte. Fraglich ist beispielsweise, ob die Einwilligung der Lernenden als gültige Rechtsgrundlage gesehen werden könne. Diese muss freiwillig erfolgen. Schulen müssten bei Minderjährigen die Einwilligung der Eltern einholen. Und: Bei Arbeitnehmern kann es diese Freiwilligkeit gar nicht geben, da sie vertraglich gebunden sind.

Stellt sich die Frage: In welche Art von Datenverarbeitung wird eingewilligt? Daten sollten nur für genau definierte Bildungszwecke erhoben werden, wobei „Privacy Enhancing Technologies“ (PETs), also datenschutzfördernde Techniken, zum Einsatz kommen sollten. Letztere sollten auch das „Recht auf Vergessenwerden“ effektiv umsetzen können. Die Nutzungsrechte in den AGB der Anbieter sprechen eine andere Sprache.

Weiterer Knackpunkt: Unter Umständen könnten auf Basis von Interaktionsdaten eher subjektive, diskriminierende Bewertungen etwa zur „Geselligkeit“ oder über den „Enthusiasmus“ von Teilnehmern vorgenommen werden, die nichts mit akademischer Leistung zu tun haben. Die Lerndaten können überdies die Nachfrage nach einer verstärkten Datennutzung im Bildungsbereich in Form von „Learning Analytics“ ankurbeln. Bestimmte Analysetools nutzen Informationen aus sozialen Netzwerken, Protokolle von Online-Spielen, Online-Communitys sowie von Sensoren erfasste Daten, wie etwa Eye-Tracking- oder Motion-Capture-Daten.

Lernenden, Eltern oder Lehrkräften sei meist nicht bekannt, wer die Daten verarbeitet. Bildungseinrichtungen hätten darüber, wie die Daten ausgewertet werden, oftmals keine Kontrolle. Die Schlussfolgerungen der Online-Portale beruhten auf proprietären Algorithmen, „deren Methodik undurchschaubar ist“. Bei selbstlernenden Systemen können selbst die Entwickler möglicherweise nicht mehr nachvollziehen, wie bestimmte Beurteilungen zustande kommen. Auch die Frage nach der Sicherheit der sensiblen Lerndaten stellt sich: So werden die Daten meist nicht bei der Schulverwaltung, sondern bei einem externen Cloudanbieter oder der Cloud-gestützten Plattform gespeichert. Daten von Schülern und Studierenden sind immer wieder von Datenlecks betroffen, etwa aufgrund unsicherer Anmeldeverfahren.  cer

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