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Dienstag, 19. März 2019

Notfallübung

Katastrophenalarm in Dresden

Von Manfred Schulze | 10. Januar 2019 | Ausgabe 01

Deutschland ist bislang von wirklich großen Ausfällen bei der Energieversorgung verschont geblieben. Dennoch wurde zu Winterbeginn der Ernstfall geprobt.

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Foto: imago/Robert Michael

Eiseskälte in Deutschland: Flüsse und Seen sind zugefroren, die Vorräte aufgebraucht, die Gaslieferungen stocken. Glücklicherweise nur in der Simulation.

Foto: Norbert Millauer/dapd/ddp images

Stillstand: Das Drehbuch für den drohenden großflächigen Ausfall der Energieversorgung haben die Verantwortlichen minutiös geplant.

Das muss man sich mal vorstellen: Es ist seit Wochen eisig kalt in Deutschland. Flüsse und Seen sind dick zugefroren, der Nachschub gerät – nach dem Niedrigwasser vom Herbst – erneut ins Stocken, Vorräte sind aufgebraucht. Und dann bleiben auch noch Gaslieferungen aus, weil in den Nachbarländern ebenfalls Notstand herrscht. Ein wohlkalkuliertes Szenario für die bundesweite Notfallübung Lükex 18. In der sächsischen Landeshauptstadt gab es die Gelegenheit, einem regionalen Krisenstab zuzuschauen.

Die Lükex 18

In Dresden herrscht noch kein Chaos an diesem Tag Ende November, aber die Polizei warnt vor Plünderungen und beobachtet die Lage. „Es ist momentan ruhig auf den Straßen“, schätzt Polizeioberrat Bernhard Müller ein, der von einer kleinen Gruppe Beamter laufend auf dem aktuellen Stand gehalten wird.

Foto: Manfred Schulze

Der Krisenstab: Im regionalen Lagezentrum des Krisenstabs herrscht konzentrierte Hektik. 30 Vertreter von Ämtern sind dabei, ebenso wie Stadtwerke, THW u. a.

Sie sitzen in der sechsten Etage des Innenministeriums im eilends für den Krisenstab frei geräumten Lagezentrum. Hier erstreckt sich ein gut 10 m langer Besprechungstisch. Rund um die massive, hölzerne Platte, auf der die Krisenbewältigung stattfindet, sitzen gut 30 aus den Behörden und Ämtern zusammengeholte Mitarbeiter, aber auch zahlreiche Uniformträger. Einige tragen sogar Feldmontur, als müssten sie gleich los an die Kältefront. Der Tisch ist mit Laptops vollgestellt, an den Wänden zeigen große Monitore die eingehenden Meldungen im Minutentakt an.

Um 8:30 Uhr, da herrscht eigentlich der morgendliche Berufsverkehr in der Stadt, wurde offiziell der Katastrophenfall ausgerufen. Denn die Stadtwerke meldeten einen Teilausfall im zentralen Heizwerk, die Fernwärme funktionierte nur noch eingeschränkt. 20 min später trifft der Krisenstab die Entscheidung: Eine Evakuierung von zunächst 10 000 Haushalten wird eingeleitet. Dabei sollen die Bundeswehr und das THW Hilfe leisten.

Es herrscht erstaunliche Ruhe im Raum, Gespräche allenfalls im Flüsterton, kaum, dass mal ein Telefon klingelt. Das fördert die Konzentration auf die Lage und auf das, was zu tun ist. Der oberste Polizist im Stab, der gerade spricht und andeutet, dass man auch damit rechnen müsse, dass die Situation eskalieren könne, ist der Erste, der in der Runde seinen kurzen Rapport gibt. Auch die anderen Bereiche, mit Nummern von 01 bis 07 benannt, kommen der Reihe nach dran und drücken den Sprechschalter ihres Tischmikros.

Die Luft ist nicht gerade frisch, aber es ist zumindest warm. Die großen Bildschirme an den Wänden zeigen bereits wieder neue bedrohlich klingende Lageinformationen an: Auch in Südwestsachsen, in Plauen, wird über einen ähnlichen Wärmeausfall berichtet. Einige beginnen, nach den Kontaktdaten der örtlichen Helfer zu suchen.

Krisenchef ist in Dresden der Staatssekretär im Innenministerium, Günther Schneider. Ein kleiner, älterer Herr, der nicht viel Worte macht, aber klare Ansagen: „Wenn in Dresden das Fernwärmenetz ausfällt, dann müssen wir beheizte Notunterkünfte bereitstellen. Der Bereich 06 klärt das. Sofort. Und klären Sie, woher wir für die betroffenen Kliniken und Altenheime Unterstützung mit Fahrzeugen bekommen können!“

Danach geben die einzelnen Sachgebietsverantwortlichen die nächsten Lageberichte ab. Die Versorgungssituation werde zunehmend kritisch, weil inzwischen nur noch einzelne Läden geöffnet haben und zudem Hamsterkäufe schnell die Regale leeren, berichtet eine Frau. Der nächste Bereich, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, stellt eine wachsende Beunruhigung unter der Bewohnerschaft fest. Es gebe zwar keine Tumulte, aber in den sozialen Medien kochten – trotz klirrender Kälte – die Gerüchte.

„Herr Staatssekretär, Sie sollten bei der gleich stattfindenden Pressekonferenz deutlich sagen, dass wir handlungsfähig sind“, bekommt Günther Schneider noch mit auf den Weg, als er sich in den Presseraum begibt, in dem zwei Kamerateams und ein paar Journalisten warten. Diese sind ganz real, obwohl zugleich Teil der Übung. Die Einladung zum Pressetermin lautete, dass der Staatssekretär über den Verlauf der Lükex in Sachsen berichten werde.

Foto: Manfred Schulze

Das Einspielerteam: Fünf Menschen, darunter Thomas Kapol (re.), sorgten mit 30 verschiedenen Einspielern für eine erlebbare Katastrophe, auf die der Stab reagieren musste.

Die Ansagen für den Krisenstab klingen dramatisch. Das ist genau so kalkuliert und wird perfekt von einem anderen Raum aus gesteuert. Verantwortlich dafür ist Thomas Kapol, der gemeinsam mit fünf Mitarbeitern dafür sorgt, dass die Krise tatsächlich vom Stab so erlebt werden kann, wie es sein soll – während draußen natürlich die Stadtwerke überhaupt kein Problem mit der Wärmeversorgung haben. „Wir platzieren in den zwei Tagen rund 30 wichtige Einspieler, auf die der Stab mit Entscheidungen reagieren muss“, sagt Kapol. Die Reaktionen sind im Nachgang die Basis für die Auswertung, für die Suche nach Schwachstellen.

Die Schockwellen sind zeitlich und inhaltlich nach einem klaren Muster der Eskalation ausgewählt. Im Krisenstab dürfen Stress und Probleme nicht ausgehen, um ständig den psychischen Druck zu halten und den Übungsgedanken zumindest ein wenig in den Hintergrund zu drängen. Natürlich waren die Mitarbeiter darauf vorbereitet, dass an den beiden Übungstagen die üblichen Aktenordner im Schrank bleiben werden. Und jeder „Einspieler“ am Telefon wird mit einem Hinweis auf den Übungscharakter versehen.

Dennoch: Als Kapol den Katastrophenfall für die Landeshauptstadt ausrief, da richtete sich schon so manches Härchen auf. Er schmunzelt ein wenig, als er erzählt, dass die nächsten Entwicklungen auch nicht besser klingen werden: Die Wasserwerke melden gleich, dass sie nur noch geringe Mengen liefern können, große Industriebetriebe, dass die Abschaltung der Gasversorgung die Anlagen zerstören werde.

Das Drehbuch dafür haben die Verantwortlichen über Monate hinweg genau geplant, auch nach Hinweisen von Experten aus der Gas- und Versorgungswirtschaft, welche Folgen die Gasmangellage haben könne. Nur von einem großflächigen Stromausfall, der im Szenario natürlich auch denkbar wäre, bleibt der Krisenstab diesmal verschont. Kein „Blackout“ also, auch wenn es scheint, als habe der vor zehn Jahren erschienene gleichnamige Bestseller als Vorlage gedient. Das Buch, das die brutalen Folgen eines durch Hacker ausgelösten europaweiten Stromausfalls drastisch ausmalt, kennen hier die meisten – und wissen auch, dass das alles so weit gar nicht abwegig ist.

Wenn die Bundesnetzagentur zur Erkenntnis kommt, dass die Versorgung mit Energie so kritisch wird, kann und muss sie das Energiewirtschafts-Gesetz außer Kraft setzen – und damit wichtige Regelungen des freien Markts. Dann agiert die Bundesnetzagentur rigoros: Die Speicher- und Leitungsbetreiber würden angewiesen, Gas oder Strom nicht mehr nach Preissignalen auf den Markt zu werfen. Auch notwendige Lastabschaltungen bis hinein in den Bereich der „geschützten Kunden“ werden dann mithilfe der Netzbetreiber möglich.

Im Normalfall werden zum Beispiel die Gasspeicher, die ja eigentlich für weit über 100 Tage den Bedarf mit Erdgas absichern, allein nach den wirtschaftlichen Interessen der Gashändler befüllt oder geleert. Das kann, bestätigt Kapol, durchaus dazu führen, dass am Ende eines langen Winters bei einem letzten großen Kälteeinbruch kaum noch Vorräte in den Speichern sind. „Unser Szenario für die Lükex ist daher nicht aus der Luft gegriffen“, sagt er und fügt hinzu, dass erst in den letzten Jahren das Bewusstsein für solche und andere Systemfehler im Katastrophenschutz gewachsen sei.

So sind viele Tanklager, in denen sich auch strategische Energiereserven befinden, bei einem großflächigen Energieausfall nicht mit Notfallentleerungen versehen, die Zahl der Notstromaggregate reicht nicht aus und auch deren Bevorratung mit Treibstoff ist nicht in allen Fällen ausreichend.

Dass ein flächendeckender Ausfall von Gas oder Strom enorme wirtschaftliche Schäden nach sich ziehen kann, ist hier jedem bewusst, ebenso, dass man den Mangel an Gas nicht „dem Markt“ überlassen kann. In Dresden ist eine der ersten Erkenntnisse aus der Übung, dass solche Entscheidungen nicht allein zwischen den Bundesbehörden und den Ferngas-Netzgesellschaften, sondern auch mit den Landesstäben abgestimmt werden sollten. Auch der jeweilige Landesbeauftragte könne im zentralen Krisenstab nicht alles abfangen. „Wir laufen sonst Gefahr, dass einzelne Knotenpunkte, die für das Krisenmanagement vor Ort unerlässlich sind, mit ausfallen und wir Handlungsoptionen verlieren“, sagt Kapol.

Die Spannung im Krisenzentrum des Innenministeriums müsste jetzt eigentlich auf ihrem Höhepunkt sein – schließlich brechen im Umfeld laut dem auf den Monitoren angezeigten Status immer wieder zwei oder drei neue Katastrophen aus, sobald die Stabsmitarbeiter ziemlich routiniert ihre „Maßnahmen“ beschlossen haben. Natürlich rufen sie dann nicht wirklich bei der Bundeswehr, den Verkehrsbetrieben oder den Stadtwerken an. Dort wissen zwar an den wichtigen Schaltstellen Mitarbeiter von der Übung, aber die Gefahr einer Panik wäre schon erheblich, wenn zufällig Unbeteiligte einen Anruf wegen der unaufschiebbaren Massenevakuierung bekämen. Und so sind die Telefone des Krisenstabs auch nicht mit der Außenwelt, sondern mit dem Einspielerteam verbunden, zudem sind alle Akteure verpflichtet, bei allen Kontaktaufnahmen immer den Hinweis auf die Übung voranzustellen. Und so rollen draußen vor den Dresdner Amtsstuben die Straßenbahnen, als wäre nichts passiert, es gibt keine Fake News in den sozialen Medien, und die Thermometer zeigen Plusgrade.

Ganz entspannt – mit dem üblichen Alltagsstress – hat auch Frank Brinkmann diesen Tag über die Runden gebracht. Natürlich liefen seine Kraft- und Heizwerke, sorgten störungsfrei für Wärme und Strom. Brinkmann war, ebenso wie die Betreiber von Gasnetzen wie der Leipziger Ontras, von Anbeginn mit in die Lükex eingebunden, beobachtete dann den Ablauf und hatte hier und da auch einmal einen leichten Ansatz zum Kopfschütteln. „Solche Übungen haben natürlich nicht die Möglichkeit, einen realen Krisenmodus mit allen psychologischen Herausforderungen abzubilden“, räumt Brinkmann ein. Er fügt aber hinzu, dass man dennoch zahlreiche Hinweise auf Mechanismen herausfiltern könne. Und wenn die dann tatsächlich abgestellt werden, könnte das System im Ernstfall durchaus auch besser funktionieren. „Wir sind ja Kriseneinsätze im kleineren Maßstab durchaus gewohnt“, berichtet auch der Polizeioberrat.

Das Szenario sei „nah dran“ an realen Situationen, wenngleich jeder der hier im Krisenstab Sitzenden seit Wochen weiß, dass er heute hier ist und welche Aufgaben er hat. Aber welche Einspieler kommen, welche Entscheidungen die anderen treffen, das ist natürlich offen. Ganz so ruhig, wie sich bei der Übung die Mitwirkenden zeigen, würde es freilich wohl nicht sein, wenn draußen wirklich beißende Kälte herrschte und Menschen zu erfrieren drohten, räumt Bernhard Müller schließlich doch ein.

Und weil eigentlich alles doch ein bisschen entspannt ist, schließt Staatssekretär Schneider die mittägliche Lagebesprechung mit einem Satz ab, der im realen Fall kaum denkbar wäre: „Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für die Arbeit. Wir treffen uns dann nach der Mittagspause pünktlich um 13 Uhr wieder hier im Lageraum!“