Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Mittwoch, 24. Januar 2018

Bergbau

Künstliche Haut gegen giftigen Schlammteich

Von Manfred Schulze | 22. September 2016 | Ausgabe 38

Seit 25 Jahren saniert das Bundesunternehmen Wismut GmbH die Hinterlassenschaften des Uranabbaus.

Reportage BUs (1)
Foto: Wismut GmbH

Aus Vlies verlegen die Arbeiter in Culmitzsch ein gigantisches Kunststoffgeflecht, das die uranhaltigen Schlämme vom guten Oberboden trennt.

Eine gigantische Geheimniskrämerei lag jahrzehntelang über dem Firmennamen der Wismut AG. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann die sowjetische Besatzungsmacht, im Erzgebirge die größten Uranerzlagerstätten Europas zu erschließen. Die Gruben und Tagebaue inmitten des dicht besiedelten Gebiets galten als „Staat im Staate“, in dem eigene Regeln galten. Arbeits- oder Umweltschutz waren zweitrangig. Entsprechend aufwendig ist die Sanierung, die seit der Wiedervereinigung rund 6 Mrd. € verschlang.

Bergbau im Erzgebirge

Die in dicke Gummistiefel eingepackten Füße von Gerd Denzau federn eigenartig bei jedem Schritt auf dem Boden. Der nicht sonderlich große Mann mit wettergegerbten Gesicht leitet die Bohrtrupps, die in ein paar Wochen auch in diesem noch sehr schwankenden Bereich der Ablagerungsstätte Culmitzsch bis zu 32 m tiefe Dränagekanäle einbringen werden. Der erfahrene Spezialist, der das Areal noch als große azurblaue Wasserfläche kennt, steht inmitten eines mehrere Hunderte Meter breiten, kahlen Kraters. Seine Ränder steigen sanft an, auf der Krone wachsen bereits Bäume, während sich am Boden in der riesigen Schüssel nur an einigen Stellen spärliches Grün zeigt, das von geschotterten Baustraßen durchzogen wird. In der Mitte hat sich trotz der spätsommerlichen Trockenheit ein kleines Sumpfloch gebildet. Ganz in der Nähe rollen Arbeiter 4 m breite weiße Vliesbahnen aus und bedecken sie mit einem Gitter aus schwarzem Kunststoffgeflecht. Das soll Stabilität bringen.

Foto: Wismut GmbH

Mit Rohrleitungen wurde der Schlamm einst aus den Aufbereitungsanlagen raus- und in die industrielle Absetzanlage eingespült.

Auf dem Kunststoffgeflecht stapft Denzau prüfend voran. „Das ist wie ein Gang über Pudding, man darf auf keinen Fall über den Rand der Abdeckung treten, sonst ist – mindestens – der Stiefel futsch.“ Der schwarzbraune Modder kann es locker mit jedem Sumpf aufnehmen, er ist allerdings um ein Vielfaches mächtiger. In der, wie es im offiziellen Sprachgebrauch heißt, Industriellen Absetzanlage (IAA) Culmitzsch wurde ab 1967 Schlamm aus den Resten der Erzaufbereitung in einen zuvor als Tagebau betriebenen Abbauort eingespült. Die sogenannten Tailings lagern bis zu 70 m dick. Mit alkalischen Laugen und Schwefelsäure wurde dem Erz damals das Uran in Form einer Oxidmischung entzogen und als Yellow Cake mit der Bahn in Richtung Moskau abtransportiert. Die alten Gleise liegen hier noch heute, von Buschwerk überwuchert, während die Gebäude der größten Uran-Erzaufbereitungsanlage Europas längst verschwunden ist.

Foto: Manfred Schulze

Mittels Dränagen versuchen die Sanierer dem Wasser beizukommen. Sie sollen die Feuchtigkeit an die Oberfläche befördern, damit der Schlamm über die Zeit austrocknet.

Gerd Denzaus Bohrwagen steht gut 200 m weiter auf einer zusätzlich aufgebrachten meterdicken Dämm- und Dichtungsschicht aus Kies und Lehm, die die natürliche Strahlung so weit reduziert, dass das Gelände nicht dauerhaft gesperrt werden muss. Gleichmäßig wie ein Uhrwerk dreht sich der Bohrkopf ein Stück in die Tiefe. Dann wird das Gestänge einfach nach unten gedrückt. Denn unter der aufgeschütteten dünnen Haut des Schlammkraters reicht ein mäßiger Druck aus, um ein saugfähiges Spezialtextil in die Tiefe zu befördern. Lange Zeit wird es die eingeschlossene Feuchtigkeit wie ein Kerzendocht aus dem schlammigen Untergrund nach oben befördern. Mit einem Raster von 4 m x 4 m werden so die oberen Schichten des gesamten Schlammteichs allmählich trockengelegt – so zumindest der Plan der Bergbausanierer.

„Die Arbeiten mit schwerer Technik an der Absetzanlage in Culmitzsch sind inzwischen fast schon eine Ausnahme bei unseren Sanierungen. Die Großprojekte, bei denen wir ganze Flotten aus Hunderten schwerer Lkw eingesetzt haben, sind wie die Flutung alter Stollen schon sehr weit fortgeschritten“, sagt Stefan Mann, Technischer Geschäftsführer der Wismut GmbH. Er blickt von seinem Fenster aus auf das pompöse, inzwischen denkmalgerecht sanierte Gebäude am Westrand von Chemnitz, wo bis 1990 das Uranimperium verwaltet wurde. Doch auch der heutige Sitz der im Bundesauftrag agierenden Sanierungsgesellschaft Wismut GmbH protzt architektonisch mit dem Stil der Stalin-Ära. Früher, als die Wismut noch eine eigene Schutztruppe, Krankenhäuser und Läden für die zeitweilig 45 000 Beschäftigten hatte, residierte hier die SED.

Stefan Mann, der diese Zeit auch nur aus den Archiven und Erzählungen kennt, jongliert mit Zahlen, die man sich kaum vorstellen kann: 231 000 t Uran holten die Bergleute aus Schächten und Gruben, 311 Mio. m3 schwach radioaktives Haldenmaterial wurden in die Landschaft gekippt. „Wenn man das zusammenholen würde, ergäbe das einen Kegel mit 1 km Durchmesser, der höher als der Brocken im Harz aufragen würde“, verdeutlicht Mann diese Menge. Dazu kommen die Schlämme aus der Erzlaugung: Ein Volumen von 160 Mio. m3 haben die Wismut-Ingenieure errechnet. Das eigentliche Problem dabei: Die Hinterlassenschaften sind radioaktiv.

Foto: Manfred Schulze

Gunter Merkel verantwortet die Sanierung des einstigen Erzbergbaus an der Industriellen Absetzanlage (IAA) Culmitzsch.

Gunter Merkel sieht das gelassen. Er hat an der TU Chemnitz Energie- und Umwelttechnik studiert und blieb nach dem Abschluss trotz anderer Angebote im Osten. „An der Wismut-Sanierung mitzuarbeiten, hatte wegen der Komplexität dieser Aufgabe einen besonderen Reiz. Zudem stamme ich aus der Region, der Uranbergbau war für mich immer allgegenwärtig“, sagt er. Gut 20 Jahre ist es her, dass er zum ersten Mal auf dem Rand des Trichters der IAA Culmitzsch stand, in dem rund die Hälfte des gesamten Uran-Schlammaufkommens verklappt wurde. Damals war man gerade dabei, den ursprünglich 13 m hohen Wasserspiegel abzusenken, der darunter befindliche Schlamm mit seinen Schwermetallen und den radioaktiven Resten musste vor der Winderosion geschützt werden. Heute ist Merkel für die Sanierung der IAA verantwortlich und sagt: „Das Material, mit dem wir hier umgehen, muss sicher verwahrt werden, eine Aufbereitung wäre angesichts der schieren Masse unrealistisch.“

Deshalb sei es auch vertretbar, die riesige Schlammmasse einfach an Ort und Stelle zu belassen. „Wir müssen auf Basis der Vernunft entscheiden, welche Sanierung für welches Problem optimal ist“, argumentiert Wismut-Geschäftsführer Mann. Zwar habe man vom Bund viele Freiheiten, zuverlässige Sanierungsstrategien für jede Altlast zu wählen, doch die Mittel sind nicht grenzenlos. So wird man in Culmitzsch einen großen Teil der Flächen zwar nicht bebauen, aber wieder öffentlich nutzen können. Absolut gefahrlos, wie der Manager versichert.

Denn letztlich handelt es sich hier um Strahlungsquellen aus natürlicher Radioaktivität, wie sie seit Jahrhunderten im sächsischen Bergbau anzutreffen sind. „Wir richten uns beim Arbeitsschutz streng nach den zugelassenen Grenzwerten, und wir liegen aufgrund des erreichten Sanierungsfortschritts so weit darunter, dass ich das für mich ganz persönlich für unbedenklich halte“, ergänzt Chefsanierer Merkel.

„Wir sichern die Stabilität durch das Vlies sowie die Matten und sorgen dafür, dass der Schlamm im Untergrund allmählich austrocknen kann“, so Merkel. Dafür sorgen nicht nur die Tiefendränagen mit den Dochten, sondern auch die Abdeckungsschichten. Auf dem Trichtergrund rattern noch kleine Planierraupen über den wabbeligen Grund. Es sind modifizierte Pistenbullis, die über ihre Ketten nur einen geringen Druck auf den Untergrund ausüben. Sie verteilen die von Vierachskippern angelieferten Massen über dem Vlies. Zuunterst kommen die schwach strahlenden Reste von den Halden, darüber einfaches Gestein. Obenauf wird unbelastetes Bodenmaterial geschüttet, das die Strahlenwerte von der künftigen Bodenoberfläche fernhalten soll.

Foto: Manfred Schulze

Durch Gräben soll das Oberflächenwasser abfließen – so sieht es die Endmodellierung vor.

Das Restwasser, das in der Mitte des Trichters zusammenläuft, wird gesammelt und kommt in eine Behandlungsanlage. „Die Wasserhaltung und das dazugehörige Monitoring, auch was Setzungen der Flächen betrifft, sind die eigentliche Langfristaufgabe. Das dauert nicht nur Jahre, sondern eher Jahrzehnte“, sagt der Sanierungsleiter. Es sind die Ewigkeitslasten des Uranbergbaus. Immerhin: Die obenauf liegende künstliche Schutzdecke der IAA wird im Herbst dieses Jahres weitgehend fertig sein. Dann folgt noch die Modellierung aufzubringender Schichten – auf rund 260 ha Fläche.

Vorbei an voll beladenen, laut dröhnenden Dreiachskippern fährt Merkel mit seinem Dienstwagen wieder in Richtung Kraterrand, der in den nächsten Jahren so weit abgetragen werden soll, dass das Regenwasser und die aus den Dränagen austretenden Mengen mit natürlichem Gefälle zu den Vorflutern und Behandlungsanlagen fließen können. „Man braucht schon Fantasie, um sich vorstellen zu können, wie es hier in ein paar Jahren mal aussehen wird“, berichtet Merkel.

Etwas abseits, wo die Standsicherheit größer ist, schieben Planierraupen für eine Testfläche größere Hügel auf, zwischen denen Gräben modelliert werden. Durch das Gefälle, so erklärt Merkel, werde das Regenwasser abgeleitet und dringe weniger in den Boden ein. Die Vorgaben für die Fahrer der Raupen sind extrem genau, jede einzelne hat ein GPS an Bord, das über eine eigens errichtete Peilung an fixen Bodenpunkten zentimetergenau bei der Steuerung der tonnenschweren Fahrzeuge hilft. „Wir hatten sogar ein System im Test, mit dem die Raupen praktisch ferngesteuert werden konnten, doch wir greifen lieber auf die Kenntnis unserer Mitarbeiter zurück und nehmen die Technik als Unterstützung“, sagt Merkel. Maximal 5 cm Höhenabweichung von der geplanten Modellierung sind zulässig. Sozusagen die Hohe Schule für jeden Raupenpiloten.

Ob das alles so funktioniert, wie sich das die Sanierer der Wismut erhoffen, muss man abwarten. Ein großes Netzwerk an Sensoren wird kontrollieren, ob sich die Schwermetallkonzentration des Wassers verändert oder einzelne Bereiche der künstlichen Haut über dem Schlammteich absinken. Merkel scheint zuversichtlich, dass das Konzept funktioniert, aber wissen kann er das nicht. Denn was die Wismut in Culmitzsch seit Jahren baut, hat auf der ganzen Welt keine Vorbilder.lis

stellenangebote

mehr