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Mittwoch, 20. Februar 2019

Industrie

Maschinenbau am Scheideweg

Von Martin Ciupek | 18. Oktober 2018 | Ausgabe 42

Für den deutschen Maschinenbau steht viel auf dem Spiel. Die Branche ist stark abhängig vom Welthandel und muss gleichzeitig den digitalen Wandel meistern. Das zeigt der Maschinenbaugipfel in Berlin.

Maschinenbaugipfel BU
Foto: mauritius images/Cultura/Monty Rakusen

Exportorientiert: Die meisten Maschinen aus deutscher Produktion gehen ins Ausland. Handelshemmnisse werden zum Risiko.

Drei von vier Maschinen verkaufen die im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) organisierten Unternehmen ins Ausland. Das unterstreicht einerseits die Konkurrenzfähigkeit der Produkte im internationalen Wettbewerb. Andererseits macht es auch die Abhängigkeit der Branche von internationalen Märkten deutlich. Mit China und den USA sorgen gerade die wichtigsten Länder außerhalb der Europäischen Union für Unruhe. Insgesamt stehen die beiden Länder für 21,5 % aller Maschinenexporte aus Deutschland. In absoluten Zahlen wurden von Januar bis Juli 2018 Maschinen und Anlagen im Wert von 10,94 Mrd. € nach China exportiert. Die USA büßten ihre bisherige Spitzenposition in der VDMA-Exportstatistik mit 10,92 Mrd. € knapp ein.

Foto: Uwe Nölke

Carl Martin Welcker, VDMA-Präsident.

„Noch haben wir das Ziel vor Augen, die Produktion im Maschinenbau in diesem Jahr um real 5 % zu steigern, aber es wird schwierig“, stellte VDMA-Präsident Carl Martin Welcker auf dem Maschinenbaugipfel in Berlin diese Woche angesichts der insgesamt steigenden Verunsicherung fest. „Leider geht die Entwicklung sowohl in China, als auch in den USA in die falsche Richtung“, machte er deutlich. Seitens der USA beeinträchtigten Strafzölle und die Drohung von extraterritorialer Rechtsanwendung den freien Handel. Dagegen bleibe Chinas Wirtschaft unverändert von Staatseingriffen geprägt und verweigere sich der für eine Marktwirtschaft nötigen Öffnung. Der VDMA sieht daher die Europäische Union am Zug: Diese müsse sowohl die Verhandlungen mit China über ein Investitionsabkommen als auch mit den USA über ein Freihandelsabkommen vorantreiben.

Damit der Maschinenbau wettbewerbsfähig bleibt, ist die digitale Transformation zu bewältigen. Die VDMA-Studie „Führung und Innovation in Zeiten der Digitalisierung“, die am Dienstag vorgestellt wurde, hat die grundlegenden Anforderungen an erfolgreiche Unternehmens- und Mitarbeiterführung unter diesem Vorzeichen untersucht. Dafür befragten die Wissenschaftler der RWTH Aachen, David Antons und Torsten Olige, sowie Erk Piening von der Johannes Gutenberg Universität in Mainz, 157 Geschäftsführer in VDMA-Mitgliedsunternehmen. Demnach sehen fast Dreiviertel (71,3 %) der befragten Unternehmen die Digitalisierung als eine der zentralen strategischen Prioritäten an, aber nur ein gutes Viertel (27 %) ist mit dem aktuellen Stand der Digitalisierungsaktivitäten im eigenen Unternehmen zufrieden. Ein knappes Viertel (24,8 %) sieht erheblichen Verbesserungsbedarf hinsichtlich der eigenen Digitalisierung.

An der Bereitschaft Technik zu nutzen, liegt es nicht: Informations- und Kommunikationstechnologien werden flächendeckend eingesetzt (85,3 %) und die Firmen beginnen laut Studie damit, ihre Produkte durch digitale Komponenten und Software aufzuwerten (69,4 %). Doch David Antons und seine Kollegen haben fast 20 Barrieren ausgemacht, die der weiteren Digitalisierung in unterschiedlichem Maße im Wege stehen.

Die 157 befragten Mitgliedsunternehmen des VDMA machten eine Reihe von Barrieren aus, die die Digitalisierung behindern. Vor allem der Mangel an IT-Fachkräften wurde als gravierendes Problem genannt.

Vor allem ist der Mangel an IT-Fachkräften zu nennen. Doch an zweiter Stelle die mangelnde Zeit aufgeführt. Dies liegt auch daran, dass die Auftragsbücher gut gefüllt sind und Veränderungen im laufenden Betrieb eine Herausforderung darstellen.

Weiterer Hemmschuh: Die Fähigkeit zur Geschäftsmodellinnovation. In den Unternehmen wird weiterhin eher an bestehenden Produkten gefeilt oder neue Produkte entwickelt. Nur 7 % beschäftigen sich mit einer Neuorientierung hinsichtlich Modellen, Dienstleistungen oder Prozessen. Die Unternehmen schätzen ihre Fähigkeit zur Geschäftsmodellinnovation im internationalen Vergleich daher selbstkritisch eher durchschnittlich ein. Innovationskultur müsse bereits bei der Mitarbeiterführung beginnen, das ist den Unternehmen zwar klar, aber es hapert an der Umsetzung.

Aus den Ergebnissen leiten die Wissenschaftler und der VDMA eine Reihe von Handlungsempfehlungen für mittelständische Maschinenbauer ab. „Unternehmen müssen ihre Fähigkeit zu radikaler Innovation stärken. Kooperationen mit Universitäten, Start-ups oder Firmen aus anderen Branchen können Zugang zu neuen Perspektiven, Ideen und Arbeitsweisen geben“, heißt es in der Studie. Insbesondere das mittlere Management wirke in manchen Unternehmen eher als „Bremser“ der Digitalisierung. Deshalb solle das Topmanagement vorangehen. „Visionäre Führung und klare Vermittlung der Notwendigkeit zu digitalen Innovationen sind entscheidend“, betont Antons. Zudem könne Mitarbeitern mehr Verantwortung in Digitalisierungsprojekten gegeben werden. Ein weiterer Aspekt sei der Umgang mit Misserfolgen. Die Unternehmen bräuchten eine „Fehler- oder Explorationskultur“, steht in der Studie.

Zudem müssten agile Strukturen implementiert werden. Für viele Fragen der Digitalisierung würden flexiblere, iterative Problemlösungsprozesse (z. B. Design Thinking, Scrum) benötigt. Insbesondere für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle müssten die Verantwortlichen sich von den zuweilen unflexiblen Strukturen lösen, mahnen die Studienautoren an.

Darauf wird es künftig im internationalen Wettbewerb verstärkt ankommen. Denn neben der Stärke US-amerikanischer Unternehmen in der Informationstechnologie, drücken auch die Chinesen bei der Digitalisierung auf das Tempo. Sie profitieren dabei unter anderem von einer geringeren Regulierung. Obwohl chinesische Unternehmen ein großes Entwicklungstempo vorlegten, glaubt VDMA-Chef Welcker auch künftig an die Chancen deutscher Hersteller. Der Maschinenbau werde in Bereichen, in denen ein großes verfahrenstechnisches Know-how erforderlich ist, weiterhin die Nase vorne haben.