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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

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Gas

Mehr Erdgas für Europa

Von Christoph Böckmann | 3. November 2016 | Ausgabe 44

Die europäische Gasproduktion sinkt, das Flüssiggasangebot und Importe steigen, so eine Studie zum Gasmarkt in der EU.

BU_Nord Stream
Foto: Nord Stream AG

Die Ostsee-Pipeline Nord Stream wurde 2011 fertiggestellt. Über die zweite Röhre Nord Stream 2 wird aktuell noch diskutiert.

Die Europäische Union wird auch in Zukunft über eine Vielzahl von Optionen für die Lieferung von Erdgas verfügen. Trotz eines zu erwartenden Rückgangs bei der europäischen Gasproduktion befinde sich die EU in einer starken Position, um ihre Gasimporte zu diversifizieren und die Gasversorgung zu sichern, so die Ergebnisse einer gerade in Berlin vorgestellten Studie von den Forschungsinstituten Ewi Energy Research & Scenarios aus Köln sowie dem European Centre for Energy and Resource Security (Eucers) aus London.

Auch eine Versorgung Europas über die geplante Pipeline Nord Stream 2, die von Russland durch die Ostsee nach Deutschland führt, wird immer wahrscheinlicher. Vergangenen Freitag erlaubte die EU-Kommission dem russischen Energiekonzern Gazprom, die deutsche Pipeline Opal, die die Nord-Stream-Leitung mit Tschechien verbindet, stärker als bisher zu nutzen.

Ohne diese Zustimmung wäre eine zweite Nord-Stream-Pipeline sehr unwahrscheinlich gewesen. Zuvor hatte Gazprom nur begrenzten Zugang zu den Transportkapazitäten von Opal, weil die EU eine zu starke Kontrolle der Infrastruktur durch außereuropäische Energieversorger generell verhindern will. Jetzt dürfen die Russen bis zu 90 % nutzen. Bei großer Nachfrage müssen sie jedoch 20 % für Konkurrenten freihalten.

Die Zukunft der Ostseepipeline Nord Stream 2 wird darüber hinaus von der künftigen Preispolitik Russlands sowie den ukrainischen Transitgebühren abhängen, erklärt die Studie von Ewi und Eucers, die die Lieferoptionen der EU der nächsten 20 Jahre aus ökonomischer und geopolitischer Sicht betrachtet.

Eine große Abhängigkeit vom staatlichen russischen Erdgaskonzern Gazprom sehen die Ewi- und Eucers-Wissenschaftler nicht. Europa sei künftig, was die Versorgung betrifft, gut aufgestellt. Dafür identifizieren beide Forschungsinstitute zwei wesentliche Treiber: Erstens erwarten sie einen starken Anbieterwettbewerb um den europäischen Markt, da Europa über eine Vielzahl von Lieferoptionen verfügt, wie ein großes LNG-Angebot (LNG: liquefied natural gas, zu Deutsch Flüssiggas). Zweitens beflügelt der fortgeschrittene Ausbau der Gasinfrastruktur – wie LNG-Importanlagen, Pipelines und Speicher – den EU-Binnenmarkt für Gas. Dies gilt insbesondere für Nordwesteuropa und könnte durch weiteren Infrastrukturausbau auch für Südosteuropa erreicht werden.

Die rückgängige europäische Gasproduktion wird im Wesentlichen durch eine Zunahme der Erdgasimporte aus Russland sowie von LNG-Importen kompensiert. Letztere könnten sich bis 2035 gegenüber heute mehr als verdoppeln.

Entscheidend für die Preisentwicklung und damit auch für den Versorgungsmix der EU ist die künftige Preisstrategie des russischen Exportmonopolisten Gazprom. Aufgrund des großen Wettbewerbs an Lieferoptionen werde Gazprom nur mit wettbewerblichen Preisen seinen Marktanteil vergrößern können, so die Energiewirtschaftler. Dagegen würde eine Oligopolstrategie Gazproms zu höheren Gaspreisen führen. Das aber würde LNG-Importe und neue Lieferquellen – etwa mit der geplanten Pipeline „Südlicher Gaskorridor“, die Gas aus Aserbaidschan nach Europa bringen soll – in den Markt locken und damit die Importe aus Russland verringern. In diesem Kontext ist auch die Wirtschaftlichkeit des Pipelineprojekts Nord Stream 2 zu betrachten, die ebenfalls Untersuchungsgegenstand der Studie war. Die Pipeline, die heute mit einer Kapazität von 55 Mrd. m3 geplant ist, würde nur bei einer wettbewerblichen Preisstrategie im vollen Umfang benötigt werden, so das Resultat der Untersuchung. Bei einer oligopolistischen Strategie wären die russischen Exportrouten vergleichsweise schwach ausgelastet, so dass ein Investment in Nord Stream 2 für Gazprom nicht wirtschaftlich wäre.

Die Transitgebühren für den Gastransport durch die Ukraine, die heute wichtigste Exportroute für russisches Gas, sind ein weiterer wichtiger Treiber für die Wirtschaftlichkeit von Nord Stream 2. Je stärker die Ukraine ihre Transitgebühren gegenüber heute senkt, umso weniger wirtschaftlich wäre ein Bau der Nord Stream 2. Sowohl der Ausbau der Pipeline als auch die Zukunft der Gastransite durch die Ukraine seien aber zusätzlich von politischen Faktoren abhängig, so die Autoren der Studie.

Deutschland würde durch den Ausbau der Nord-Stream-Route zum wichtigsten Transitland für russisches Gas werden und zur Drehscheibe für Gas in Europa. Eine weitere Folge des Nord-Stream-2-Baus wäre ein Ausbau der Gasinfrastruktur in Richtung Tschechien oder der Slowakei. Dies würde den Wettbewerb in diesen Regionen verstärken, da die zusätzliche Gasinfrastruktur auch anderen Lieferanten – zum Beispiel denen aus Norwegen oder LNG-Importeuren – zur Verfügung stehen würde.

Neben wirtschaftlichen Faktoren identifizieren die Autoren der Studie auch zahlreiche politische Faktoren als entscheidend für die zukünftige Gasmarktentwicklung in Europa. Hierzu zählen sie insbesondere die künftige Rolle Russlands oder der Türkei als mögliches Transitland. Diese Faktoren unterlägen allerdings häufig nicht allein der Entscheidungsgewalt der europäischen Politik.

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