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Donnerstag, 21. Februar 2019

Telekommunikation

Mehr Glasfaser braucht das Land

Von Gerhard Kafka | 7. Juni 2018 | Ausgabe 23

Auf der Netzwerk- und Medienmesse Anga Com und dem Breitbandgipfel zur Cebit wird nächste Woche der deutsche Netzausbau diskutiert. Fest steht: Die hehren Glasfaserziele der Politik sind nicht realistisch.

BU Glasfaser
Foto: Deutsche Glasfaser

Gigabit-Netze sollen nach den Plänen der Bundesregierung bis 2025 flächendeckend ausgebaut sein. Doch der Ausbau mit Glasfasern gestaltet sich zäh – erst recht auf dem Land.

Noch liegt Deutschland im europäischen Vergleich bei den Glasfaseranschlüssen weit abgeschlagen hinter den fortschrittlichen nordischen Ländern. Das FTTH Council Europe (FTTH = Fibre to the Home) veröffentlichte im Rahmen seiner diesjährigen Konferenz in Valencia die aktuellen Ranglisten der Haushaltspenetration mit Glasfaser für die ganze Welt und Europa.

Weltweit nehmen die Vereinigten Arabischen Emirate mit 94,3 % den Spitzenplatz ein. In Europa führen Lettland (50,6 %), Schweden (43,4 %) und Litauen (42,6 %) die Rangliste an. Deutschland liegt mit 2,3 % nur noch knapp vor Irland (1,7 %), Serbien (1,4 %) und Österreich (1,1 %).

Geht es nach der aktuellen Regierung und deren Koalitionsvertrag, dann soll sich das ändern. „Wir gestalten den Weg in die Gigabit-Gesellschaft mit höchster Priorität“, heißt es da. „Deshalb wollen wir den flächendeckenden Ausbau mit Gigabit-Netzen bis 2025 erreichen.“ Schulen, Gewerbegebiete, soziale Einrichtungen in der Trägerschaft der öffentlichen Hand und Krankenhäuser sollen noch in dieser Legislaturperiode direkt an das Glasfasernetz angebunden werden.

„Die Gigabit-Ziele der Regierung sind vollkommen unrealistisch“, das kann Ralf Pütz, Vertriebsleiter Deutschland des Hardwareanbieters Hexatronic, vorrechnen. Von den rund 44 Mio. Haushalten sind heute 4 Mio. mit Glasfaser erschlossen. Selbst wenn davon nur 90 % erreicht werden sollten und man eine Mindestanzahl von 1 Mio. 5G-Antennenstandorten berücksichtige, verblieben, so Pütz, für die restlichen siebeneinhalb Jahre noch 37 Mio. zu erstellende Anschlüsse. „Bei 250 Arbeitstagen im Jahr errechnen sich somit rund 19 600 Glasfaseranschlüsse pro Tag, die gebaut werden müssen.“ Hinzu komme, dass die erforderlichen Tiefbaukapazitäten sowie das qualifizierte Fachpersonal fehlen. Mit diesen Voraussetzungen sei, so urteilt Glasfaserpionier Pütz, die geplante flächendeckende Gigabit-Infrastruktur selbst bis zum Jahr 2030 nicht erreichbar.

Im Oktober 2017 hatte eine Marktanalyse des Branchenverbands VATM die Gesamtzahl der Glasfaseranschlüsse in Deutschland mit 3,11 Mio beziffert. Diese teilen sich auf in 2,23 Mio. (71,7 %) anschließbare Haushalte und 880 000 (28,3 %) tatsächlich aktive Haushalte. Somit liegt die Bestellrate (take-up rate) deutlich unter 30 %. Von den 3,11 Mio. Anschlüssen wurden 747 000 von der Deutschen Telekom und 2,36 Mio. von deren Wettbewerbern gebaut.

Der Bedarf an immer höheren Datenraten steigt stetig. In einer von WIK-Consult bereits im Dezember 2016 veröffentlichten Studie „Gigabit-Netze für Deutschland“ wird vorausgesagt, dass 2025 rund 75 % der deutschen Haushalte Internetzugänge mit Datenraten zwischen 500 Mbit/s und 1 Gbit/s für den Downstream sowie 300 Mbit/s bis 600 Mbit/s für den Upstream nachfragen werden.

Diese Studie beantwortet auch die Frage, wofür solch hohe Datenraten benötigt werden: 250 Mbit/s für Homeoffice/VPN, 250 Mbit/s für Cloud-Computing, bis zu 300 Mbit/s für hochauflösendes Fernsehen (Ultra-HD mit 8K) und bis zu 300 Mbit/s für Gaming. Gigabit-Geschwindigkeiten können nur die Glasfaser, Koaxialkabel (Docsis 3.1) und die künftige fünfte Mobilfunkgeneration liefern. Bei den Eigenschaften stehen Symmetriefähigkeit, geringe Latenzzeiten, geringe Paketverlustraten und Skalierbarkeit an vorderster Stelle.

Aber es tut sich was in Sachen Ausbau. Auch die Branchenriesen engagieren sich. So will die Deutsche Telekom künftig gemeinsam mit dem Oldenburger Versorger EWE ausbauen – vorrangig in ländlichen Regionen von Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen. Dafür will das gegründete Gemeinschaftsunternehmen bis zu 2 Mrd. € investieren und über 1 Mio. Privathaushalte direkt anschließen. Der Start ist für Mitte 2018 geplant.

„Zusammen mit einem starken Partner können wir noch mehr Menschen in unserer Region mit zukunftssicheren Internetanschlüssen ausstatten“, so Michael Heidkamp, Vorstand Markt der EWE AG.

Ende März hat die Telekom mit dem Ausbau von schnellen Internetanschlüssen auf dem Festlandteil des Landkreises Vorpommern-Rügen begonnen. Es ist zurzeit das größte FTTH-Projekt in Deutschland. Dort werden rund 1700 km Glasfaser verlegt und über 1000 Glasfaser-Netzverteiler aufgestellt. Von dem Glasfaserausbau profitieren 40 000 Haushalte und Unternehmen. Ende 2018 werden bereits erste Kunden Anschlüsse mit 1 Gbit/s nutzen können. Auch Vodafone hat angekündigt, den Breitbandausbau gemeinsam mit Landkreisen, Städten und Gemeinden voranzutreiben.

Der Investor Deutsche Glasfaser sieht sich als unabhängiger Partner der Kommunen. Mit seinen Investitionen wird ein deutlicher Beitrag für die schnelle Verbesserung der digitalen Infrastruktur geleistet – ohne Kosten für die Kommunen. Das Unternehmen bezeichnet sich als Glasfaserspezialist für den ländlichen Raum mit dem Ziel, für eine schnelle Anbindung von Haushalten, Schulen und Firmen zu sorgen. Von der Investmentgesellschaft Reggeborgh gegründet, agiert die Unternehmensgruppe seit Mitte 2015 unter mehrheitlicher Beteiligung des Investors KKR. Für den Ausbauplan von 1 Mio. Anschlüssen stehen rund 1,5 Mrd. € Kapital bereit.

Im ersten Quartal soll die „Schallmauer“ von 200 000 Vertragskunden mit Glasfaseranschluss durchbrochen worden sein, meldet die Deutsche Glasfaser. Damit ist das Unternehmen mit den meisten FTTH-Vertragskunden heute marktführend in Deutschland.

Auch Hersteller von Netzwerkkomponenten engagieren sich. So haben die Kooperationspartner ZTE Deutschland, Primevest Capital Partners und Breitbandversorgung Deutschland (BBV) das Ziel, Versorgungslücken in ländlichen Regionen zu schließen.

Schon im März verkündeten die Projektpartner die Fertigstellung eines ersten Glasfaser-Teilnetzes in Bretten in Baden-Württemberg. Dort wurden in nur sechs Monaten 110 km Glasfaserkabel verlegt und 780 Highspeed-Anschlüsse in Betrieb genommen.  

Foto: VDI nachrichten