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Donnerstag, 21. März 2019

Hochschule

„Miserable“ Kooperation

Von Wolfgang Schmitz | 14. März 2019 | Ausgabe 11

Das duale Studium gilt als ideale Kombination praktischer und akademischer Bildung. Maschinenbauprofessor Wilfried Hesser stieß aber auf erhebliche Defizite.

Dual BU
Foto: panthermedia.net/Monkeybusiness Images

Im praktischen Teil des dualen Studiums kann der Auszubildende dem Meister über die Schulter schauen. Bei der Verquickung von Praxis und Theorie hapert es aber bisweilen gewaltig, so eine Studie.

Wer dual studiert, wird akademisch und betrieblich ausgebildet. Das zahlt sich mit dem Abschied von der Hochschule aus: Der Berufseinstieg fällt dual Studierten leichter als Bewerbern mit „normalem“ Bachelorabschluss. Das zeigt eine aktuelle Studie, die das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen für die Hans-Böckler-Stiftung erstellte.

Laut der Umfrage unter fast 10 000 dual Studierenden und Absolventen gelingt den meisten der direkte Einstieg; zwei Drittel der Befragten blieben in ihrem Ausbildungsbetrieb, knapp 10 % absolvierten neben dem Beruf noch ein Masterstudium. Lediglich 3 % der Befragten sind erwerbslos.

Hinter den Erwartungen zurück bleibt das Niveau der angestrebten Position zum Berufseinstieg. Das, so die Forscher, sei auch auf die irreführenden Signale aus den Hochschulen zurückzuführen. Die Bereitschaft der Unternehmen, den dual studierten Nachwuchs an sich zu binden, sei groß. Das äußere sich jedoch in einer fachlich zu sehr auf die Belange des Unternehmens ausgerichteten Ausbildung. Insgesamt sei das duale Studium vielfältig, flexibel, aber auch unübersichtlich hinsichtlich der Formen, Übergangsmodelle und Vertragsstrukturen.

Obwohl Wilfried Hesser bekennender Anhänger des dualen Studiums ist, stellt der emeritierte Professor für Normenwesen und Maschinenzeichnen/CAD der akademisch-beruflichen Bildung kein gutes Zeugnis aus. Zumindest nicht unter den aktuellen Umständen. In einem mit der Kasseler Sozialwissenschaftlerin Bettina Langfeldt erstellten Forschungsbericht hebt Hesser einen wunden Punkt hervor: „Meine Hauptkritik ist, dass insgesamt rund 100 000 dual Studierende in Deutschland ohne gesetzlichen Rahmenplan arbeiten.“

So geben mehr als 50 % der von Langfeldt und Hesser befragten 4200 Studierenden der Ingenieurwissenschaften an, dass es bei ihren Arbeitgebern keinen Qualifizierungsplan gibt. Hesser: „Die Qualifikationsprozesse werden zudem in den jeweiligen Abteilungen nicht dokumentiert.“ Ideal wäre, wenn die Firmen Pläne vorlegten, die mit den Lehrinhalten in den Fakultäten korrelierten.

Einem befristeten Vertrag folge bei über 80 % der Absolventen eines dualen Studiums nach rund zwei Jahren ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Was Hesser erstaunt: „Nach drei bis vier Jahren verlassen 30 % von ihnen die Firma. Als Hauptgrund geben sie an, dass die Unternehmen mehr versprachen, als sie letztlich halten konnten.“ Die Unternehmen machten den großen Fehler, mit den studierenden Mitarbeitern keinen Karriereplan zu erarbeiten.

Auch die Aussicht auf eine international orientierte Ausbildung entpuppe sich häufig als leeres Versprechen. Nur 6 % der dual Studierenden in den Ingenieurwissenschaften können auf ein Auslandssemester verweisen, bei den Betriebswirten sind es 13 %.

Überhaupt zeigten die Unternehmen wenig Interesse an ihren Studenten. Hesser nennt ein Beispiel. „Eine Fachhochschule lädt kooperierende Firmen mindestens einmal jährlich zum Erfahrungsaustausch ein. Von 200 Partnern kommen 30.“ Hessers Bilanz: „Die Kooperation zwischen Hochschulen und Unternehmen ist meist miserabel.“

Beide teilten sich den Schwarzen Peter, meint der Ingenieurprofessor, schließlich seien die Hochschulen für den gesamten Ausbildungsprozess der dual Studierenden zuständig. Die Realität sei ernüchternd: 90 % der dual Studierenden hätten noch nie einen Professor in den Unternehmen gesehen, was an mangelnden Ressourcen der Hochschulen liegen könnte, aber auch an vielen wissenschaftlichen Betreuern, die den Mehraufwand als lästig empfänden.

Die Bezahlung erweitert die Liste der Unzulänglichkeiten. Auch hier mangele es an gesetzlichen Grundlagen, die Studierenden hätten keinen Anspruch auf eine bestimmte finanzielle Vergütung. „Ein weiterer massiver Kritikpunkt ist die Akkreditierung dualer Studiengänge“, fügt Hesser an. „Sie erfolgt einzig und allein aufgrund von Vorlagen und Kooperationsverträgen zwischen Hochschulen und Firmen. Die Akkreditierer gehen nicht in die Betriebe, um die Arbeitsbedingungen zu begutachten.“

Ziel der Bologna-Reform war es, den Übergang zwischen Studiengängen zu erleichtern. Wenn die Absolventen dualer Bachelorstudiengänge aber an Universitäten nach einem Master fragen, ernten sie oft Kopfschütteln. „Die Skepsis an den Universitäten gegenüber dual Studierenden ist groß. Die erworbenen Creditpoints entsprächen nicht universitären Maßstäben. Das ist insbesondere in den Grundlagenfächern Mathematik und Mechanik so, im Hauptstudium vor allem bei der Thermodynamik.“

Hesser erkennt aber nicht nur Schattenseiten. Die dual Studierenden hätten eine sehr gute Meinung von Personen, die sie im Unternehmen betreuen. Meist bestehe sogar ein Vertrauensverhältnis.