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Donnerstag, 21. Februar 2019

Drohnen

Nette Geste

Von Rudolf Stumberger | 6. September 2018 | Ausgabe 36

Wie lassen sich Drohnen mit der Handfläche steuern? – Ein Selbstversuch in fünf Phasen.

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Foto: Münchner Pressebüro

Auf Distanz: Über den Abstand der beiden Hände lässt sich steuern, in welcher Entfernung die Drohne fliegt.

Es war Aristoteles (384–322 v. Chr.), der die Unterscheidung zwischen Theoretikern und Praktikern einführte. Bisher habe ich mich als Journalist eher theoretisch beziehungsweise mehr auf dem Gebiet der Episteme, also des Wissens, mit der Anwendung von Drohnen auseinandergesetzt. Jetzt aber läutet der Paketdienst an der Tür und bringt mir einen Karton voll mit neuester Technik. Es handelt sich um eine Drohne des chinesischen Herstellers DJI, um die Mavic Air, einen faltbaren Quadrocopter mit 4K-Kamera. Allerdings geht es nicht um einen Markentest, sondern um einen generellen Selbstversuch, um sich neuesten technischen Features wie etwa der Gestensteuerung zu nähern.

DJI Mavic-Air-Drohne

Phase 1: Indoor – „unboxing“

Donnerstag, 16.25 Uhr. Ich packe das Paket auf meinen Schreibtisch und dann geht es an das, was auf Internetvideokanälen „unboxing“ heißt, also an das Auspacken der Drohne. Schnipp-schnapp, die Klebestreifen entfernt und die Einzelteile aus dem Karton geholt: Es wird eine relativ kleine Drohne – ich werde sie ab jetzt das „Gerät“ nennen – mit zusammengeklappten vier Rotoren, einem Gewicht von 430 g und einer Länge von fast 17 cm. Gut untergebracht in einem transportfreundlichen, gepolsterten Täschchen. Weiter kommt ans Tageslicht: eine Fernsteuerung, diverse Kabel, ein Ladegerät, ein Akku, Kleinteile.

Nachdem alles vor mir auf dem Tisch liegt, geht es um die logische Durchdringung der Funktionen, ums Kennenlernen der Einzelteile, um das Wissen – Episteme –, wie denn nun das Ganze zusammengehört und wie das Gerät zum Leben erweckt werden kann. Klar, es folgt der Griff zur Bedienungsanleitung, gepaart von Streifzügen durchs Internet mit Info- und Einweisungsvideos.

Die erste Erkenntnis: Zur Fernsteuerung, die eigentlich so aussieht wie früher bei ferngelenkten Modellflugzeugen, gehören ein Smartphone und eine App, ohne die es augenscheinlich nicht geht. Das Smartphone lässt sich mithilfe zweier ausklappbarer Klammern in die Fernsteuerung integrieren und über ein kurzes Kabel verbinden. Was mit meinem Smartphone allerdings etwas problematisch ist. Denn ich muss den hinteren Stecker des Kabels wenden, um ihn an mein Smartphone anzuschließen. Allerdings ist dafür das Kabel zu kurz, deshalb bleiben Smartphone und Fernsteuerung zwei unterschiedliche lose Teile.

Aber egal, zunächst geht es ums Prinzip. App installiert, Akkus aufgeladen, los gehts. Und wirklich: Das Gerät erwacht zum Leben, die Rotoren zucken, Lichter blinken, Töne erklingen, auf meinem Smartphone erscheinen das Livebild der Drohnenkamera und die Steuerungselemente. „Aber bitte nicht hier!“ erschallt es jetzt mahnend vom Tisch meiner Bürokollegin und sie verweist mich mit meiner Drohne nach draußen ins Freie.

Phase 2: Outdoor – die erste Erfahrung

Foto: Münchner Pressebüro

„Die Macht ist mit mir“: Unser Autor hat sich beim Gestensteuerungsselbstversuch mit Drohne wie ein Yedi-Ritter aus der Star-Wars-Saga gefühlt.

Freitag, 15:10 Uhr. Als ersten Ort des Praxistests erwähle ich die naheliegende Theresienwiese, eine große brachliegende Fläche mitten in der Großstadt München. Allerdings bauen sie derzeit gerade das Oktoberfest auf, was bedeutet, dass ich auf dem Weg ins Büro mit dem Rad außen herum fahren muss. Das hat zwar für den Praxistest des Geräts keine Bedeutung, noch ist genügend freie Fläche vorhanden. Aber es weht ein spürbarer Wind und ich entscheide, den Test außerhalb der Innenstadt auf einer Wiese hinter dem Schloss Nymphenburg durchzuführen.

Gesagt, getan. Das Gerät eine halbe Stunde später in die Wiese gesetzt. Was es aber gar nicht mag. Denn die Drohne hat kurze Beine und ihre Sensoren stören sich an den umgebenden Grashalmen. Jetzt weiß ich, warum in den Videos immer von Asphaltflächen aus gestartet wird. Versuch der Abhilfe: Ich setzte das „Gerät“ auf den mitgebrachten Karton. Und, wunderbar, es klappt.

Kaum auf den Startknopf des Smartphones gedrückt, hebt sich die Drohne summend in die Höhe und bleibt bei 1,20 m schwebend stehen. Jetzt ist es bei Smartphones wie bei den Displays der Digitalkameras: Im hellen Sonnenlicht sieht man sehr wenig. Ich versuche, mit Wischbewegungen auf Gestensteuerung umzustellen, was aber nur dazu führt, dass das Gerät plötzlich ziemlich schnell gen Westen düst. Kontrolle ist anders.

Glücklicherweise gibt es den „Rückkehrknopf“. Zunächst steigt das Gerät freilich in furchterregende Höhen, kehrt aber dann doch zu mir zurück und lässt sich – tiefer Seufzer meinerseits – schließlich wieder herabsinken. Allerdings gefällt den Sensoren das Landegebiet – die Wiese mit ihren Gräsern – ganz und gar nicht, das Gerät schweift suchend umher. Bis es – so glaube ich jedenfalls im Nachhinein – durch meinen Druck auf einen Notlandeknopf schließlich landet und sich ein klein wenig überschlägt (aber nichts passiert). Ich benötige erstmal eine kleine Auszeit.

Phase 3: Indoor – Das Studium

Samstag 12:00 bis 15:30 Uhr. Manchmal kann einen das Gefühl beschleichen, dass die menschliche Lebenszeit nicht mit der Entwicklung von neuen technischen Geräten und Applikationen Schritt hält, was die Durchdringung aller möglichen Funktionen anbelangt. So bleibt von den scheinbar unendlichen Möglichkeiten der neu gekauften Mikrowelle (Grillen mit Spieß, Grillen mit vertikalem Multispieß, Dampfgaren, Heißluftmodus, Zubereiten von Teig) schließlich nur die Aufwärmfunktion für Nudeln im Gedächtnis.

Auch bei der Drohne geht die Bedienungsanleitung in die Tiefe (SmartCapture, Tracking, TapFly, Point of Interest, Asteroid-Flug) und auch hier keimt das Gefühl, dass es für die wirkliche Beherrschung von Mikrowelle oder Drohne eines anhaltenden Studiums und steter Übung bedarf. Doch es zeigen sich anhand der Bedienungsanleitung und der Tutorialvideos im Netz neue Erkenntnisgewinne: wo welches Kabel anschließen, wie Propeller und dann Drohne starten, wie das Gerät wieder landen lassen.

Phase 4 – Erneute Outdoorerfahrung

Montag, 9:30 Uhr. Wieder im Schlosspark. Diesmal übernehme ich das Kommando. Anders als bei der ersten Outdoorerfahrung steuere ich das Gerät jetzt mit den beiden kleinen Steuerknüppelchen der Fernbedienung und verzichte auf das automatische Starten und Landen. Und siehe da, ich bin Herr im Haus. Summend und sirrend hebt sich die Drohne in die Luft und folgt meinen Steuerbefehlen, nach links, nach rechts, nach oben oder unten.

Das Ganze funktioniert verblüffend gut, zuvor musste ich allerdings den Kompass kalibrieren: Jeweils einmal um die horizontale und vertikale Achse gedreht. Und die Sensoren der Drohne zeigen, wie autonomes „Fahren“ geht: Die eingebaute Hinderniserkennung bewirkt, dass mir das Fluggerät nicht zu nahe kommt.

Foto: Münchner Pressebüro

Runter! Mit der Handfläche lässt sich die Flughöhe regulieren. Handfläche nach oben bedeutet: Steigen. Nach unten: Sinken.

10:30 Uhr. Die Sonne überm Park ist ein Stückchen weitergewandert. Nun ist die Kür im Selbsttest dran – Steuerung der Drohne mit Gesten, also mit Handzeichen. Der entsprechende Modus lässt sich über die App einstellen – und wirklich: nachdem das Gerät meine ausgestreckte Handfläche erkannt hat („PalmControl“), lässt es sich damit steuern. Handfläche nach oben: Sie startet und steigt. Handfläche nach links oder rechts – sie gehorcht. Mit zwei Fingern ein V-Zeichen gemacht: Die Kamera fotografiert. Mit parallel gehaltenen Handflächen kann ich den Abstand regulieren. Lasse ich die Handflächen zu Boden sinken, tritt der Folgemodus in Kraft, dann folgt mir die Drohne auf dem Fuße, wohin ich mich auch wende.

Auch hier gibt es verschiedene Modi: Folgen, Folgen von der Seite und Folgen mit Positionierung. Früher, unter analogen Bedingungen, wären derartige Luftaufnahmen extrem teuer gewesen. Kurz nach Mittag ist mir klar: Drohnen sind wahrhaftig kleine technische Wunderwerke. Und mit der Gestensteuerung fühlt man sich wie ein Yedi-Ritter aus der Star-Wars-Saga („Die Macht ist mit mir“).

Phase 5 – Indoor – Fazit

Dienstag, 10:00 Uhr, im Büro. Der Selbsttest in Sachen Drohnenflug hat mir gezeigt: Es ist möglich, sich innerhalb von zwei oder drei Tagen mit einem derartigen Fluggerät soweit vertraut zu machen, dass ein relativ kontrolliertes Fliegen möglich ist. Der Weg hin zu einer kundigen Anwendung aller Features und zu einer elaborierten Nutzung von Foto- und Videotechnik dauert allerdings etwas länger. Was in Sichtnähe gut funktioniert, kann bei großem Abstand problematisch werden – kleine Drohnen sind dann kaum mehr zu erkennen. Und wer größere Film- oder Fotoprojekte anstrebt, sollte genügend Ersatzakkus mitführen. Denn die Energiequellen der Fluggeräte erlahmen rasch.

So liegen jetzt die Einzelteile alle wieder auf meinem Schreibtisch. Noch einmal probeweise den Akku an der Mavic Air eingeschaltet und die Drohne gibt ein letztes Piepen und Zucken der Rotoren von sich. Dann packe ich alles wieder ein und sende es an den Hersteller zurück. Schade eigentlich. Die Macht ist mit mir – gewesen.