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Samstag, 17. Februar 2018

Weihnachten

„Oh Tannenbaum“ im Kraftwerk

Von Wolfgang Schmitz | 15. Dezember 2016 | Ausgabe 50

Auch Ingenieure sind über die Festtage im Dienst. Die VDI nachrichten haben sich mit fünf von ihnen unterhalten. Allgemeiner Tenor: Die Feiertagsarbeit hat auch Vorteile.

Weihnachten BU
Foto: Trianel/Goldstein

Uwe Brecht teilt sein Gebäck gerne mit den Kollegen. Einen Hauch Weihnachten lassen sich die Ingenieure im Trianel-Kohlekraftwerk in Lünen trotz aller Arbeit nicht nehmen.

Weihnachten bedeutet Tannenbaum, Duft nach Lebkuchen, Kerzen und Glühwein sowie Muße zur inneren Einkehr im Kreis der Lieben. Für viele heißt es dann aber auch, ihren Familien einen schönen Weihnachtsabend zu wünschen und den Dienst anzutreten. In Krankenhäusern, auf Polizeistationen und im öffentlichen Nahverkehr erledigt sich die Arbeit nicht von allein.

Und Ingenieure? Werden die während des heiligen Festes gebraucht? Die meisten können sich ganz auf den Festtagsbraten, die Bescherung und ein Gläschen Wein konzentrieren, während sich Facharbeiter um Wartungs- und Kontrollarbeiten kümmern. Die VDI nachrichten haben dennoch Ingenieure ausfindig gemacht, auf deren Wissen auch während der Festtage nicht verzichtet werden kann. Sie halten im Unternehmen die Stellung, was nicht heißen soll, dass die festliche Besinnlichkeit engelsgleich an ihnen vorbeirauscht.

Foto: Vodafone

„Während der Woche sind die Geschäfte leerer und die Verkäufer um ein Vielfaches entspannter als an den Wochenenden.“ Gregor Grezel, Vodafone.

Gregor Grezel ist turnusgemäß an der Reihe. 2015 genoss der Vodafone-Ingenieur das Weihnachtsfest mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, am kommenden Heiligabend wird die Bescherung auf den Mittag verlegt, weil Papa ab 14 Uhr Dienst schiebt. „Meine Familie kann damit leben. Die drei wissen aus früheren Jahren, dass ich in bestimmten Zyklen an Weihnachten und Silvester arbeiten muss.“ Das habe auch Vorteile, findet der 50-Jährige. Den Einkaufsstress an den verkaufsoffenen Wochenenden umgeht der Ingenieur mit zwei freien Tagen während der Woche. „Dann sind die Geschäfte leerer und die Verkäufer um ein Vielfaches entspannter.“

Grezel zieht bei Vodafone im Service-Management-Center die Fäden. In der zentralen Einheit des technischen Betriebs hat er die Übersicht über das gesamte Netz. Im Fall einer Störung ermittelt der Ingenieur, wo die Quelle allen Übels liegt und wie viele Kunden betroffen sind. Die zuständigen Fachbereiche werden von Düsseldorf aus ebenso informiert wie die Geschäftsführung und die Presseabteilung. Gregor Grezel ist guter Dinge, dass „Worst Cases“ über die Feiertage ausbleiben. Wenn es doch zu größeren Störungen kommen sollte, müssen die Kollegen aus der Weihnachtsstimmung und der Bereitschaft in die Schaltzentralen gerufen werden.

Uwe Brecht (57) und Martin Fricke (58) wissen, dass sie Weihnachten im Trianel-Kohlekraftwerk Lünen arbeiten; was sie genau zu tun haben werden, ist noch offen. Denn ob das Kraftwerk volle Fahrt aufnimmt oder stillliegt, entscheidet sich erst wenige Tage vor dem Fest. Sollte die Anlage in Betrieb bleiben, werden vor allem Büroarbeiten erledigt, die liegen geblieben sind. „Ich nutze Zeit und Gelegenheit auch, ohne Hektik durch die Anlage zu gehen. Dabei komme ich auf Ideen, die man im Alltag aufgrund von Zeitnot oder zu starker Fokussierung auf eine Sache schnell übersieht“, erzählt Uwe Brecht, Elektrotechnikingenieur und Leiter Betrieb im Kohlekraftwerk des Energieversorgers Trianel.

An Weihnachten sei Muße, sich mit den Schichtkollegen „in ungezwungener Atmosphäre und mit klarem Kopf“ zu unterhalten. „Da erfährt man Details, die im Arbeitsalltag oft untergehen. Der Austausch schweißt das Team zusammen.“ Ist die Anlage außer Betrieb, stehen Inspektionen an. Dann werden auch Teile untersucht, die sonst nicht oder unter Gefährdung zugänglich wären.

Uwe Brecht schätzt ebenso wie Martin Fricke die Ruhe und das ungestörte Arbeiten während der Feiertage. Keine Mails, keine Telefonanrufe. Maschinenbauingenieur Fricke, im Kraftwerk für Instandhaltung und Optimierung verantwortlich, steigert den Entspannungsgrad mit weihnachtlicher Hintergrundmusik. Ansonsten unterscheide sich die Arbeit nicht wesentlich vom Alltag. „Man schaltet schnell auf Normalarbeitsmodus; sich ablenken zu lassen, wäre zu gefährlich.“

Natürlich lässt sich das Weihnachtsgefühl nicht abschalten wie ein Kraftwerk. Ab und an sind die Gedanken des vierfachen Familienvaters bei seinen Lieben. „Weihnachten bedeutet mir viel. Für mich ist es aber kein Problem, einige Stunden der Arbeit zu widmen.“ Das ist für Fricke inzwischen Routine. „Winterurlaub über Weihnachten hatte ich das letzte Mal vor gefühlten 15 Jahren. Das gehört nun einmal zu meinem Beruf, und den liebe ich so, wie er ist.“

Am 20. Dezember 2014 wähnte sich Erik Holzhauser schon im Weihnachtsurlaub. Schnell noch die letzten Mails prüfen und dann ab nach Hause. Der Rechner war bereits ausgeschaltet, da klingelte das Telefon. „Hast du wirklich alle deine Mails gecheckt?“, fragte ein Kollege eindringlich und deutete an, dass da noch etwas Unerwartetes auf den Fachgebietsleiter Gefahrgut beim TÜV Rheinland zukommen könnte. Und tatsächlich: Aus Jordanien kam die Anfrage, die im Ton eher einer Vorladung entsprach, dass der Verfasser eines Gutachtens zur Qualität von Propangasflaschen sich doch bitte innerhalb der kommenden zwei Tage auf den Weg in das arabische Königreich machen solle. Der zuständige Minister wollte mehr über das Projekt und das Gutachten wissen, das Holzhauser bereits unter „abgehakt“ eingeordnet hatte.

Der 39-jährige Verfahrensingenieur war nach dem Besuch heilfroh, am 23. Dezember wieder bei der Familie zu sein. „So etwas kann jedem TÜV-Kollegen, der noch nicht im Urlaub ist, auch über Weihnachten passieren.“ Eine Havarie, der Stillstand einer Anlage oder ein Unfall, für den ein Bericht geschrieben werden muss, könnten der Weihnachtsstimmung von jetzt auf gleich den Garaus machen. Über die Jordaniengeschichte kann Holzhauser heute lachen. „Ich sehe Weihnachten völlig gelassen entgegen.“ Und wenn das Telefon klingelt, wird der Ingenieur auch diesmal nicht zögern. Dann geht der Job eben vor.

Auf Jörg Weinholt warten vergleichsweise arbeitsintensive Tage. Der Leiter Instandhaltung bei Vallourec, einem französischen Hersteller von nahtlosen Stahlrohren mit einem Werk in Düsseldorf, kümmert sich darum, dass auch während der Feiertage die zentrale Energieversorgung reibungslos läuft. Hinzu kommt in diesem Jahr der Bau eines neuen Schrägwalzwerkes im Stadtteil Rath. „Wir bemühen uns, dass möglichst viele Mitarbeiter Weihnachten zu Hause feiern können. Dieses Mal müssen aber einige Kollegen mehr als üblich ran, weil es sich um terminkritische Arbeiten handelt.“

Trotz des zusätzlichen Aufwands durch das neue Schrägwalzwerk wird es voraussichtlich entspannter zugehen als an anderen Tagen. Jörg Weinholt und seine Mannschaft können sich auf die „Hotspots“ konzentrieren; falls es die Arbeit erlaubt, bleibt bei einer Tasse Kaffee Zeit für Persönliches. Der Maschinenbauingenieur wird an allen drei Tagen von morgens bis mittags am Ort des Geschehens sein. „Ich werde die Baustellen begehen und meine Leute technisch und moralisch unterstützen.“

Damit kann die Familie leben, schließlich war er in den Jahren zuvor häufig weltweit unterwegs. „Insofern ist das nun das kleinere Übel“, findet Weinholt. Sobald er das Werkstor hinter sich lässt, ist Durchatmen angesagt. Der 50-Jährige genießt die Tage mit seiner Frau und seinem 17-jährigen Sohn. Daran ändern auch Hotspots und Sonderprojekte nichts.

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