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Mittwoch, 20. Februar 2019

Porträt der Woche

Optimist mit Blick fürs große Ganze

Von Ralph H. Ahrens | 20. Dezember 2018 | Ausgabe 51

Der Schwede Johan Rockström ist neuer Ko-Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung.

S4 Portrait der Woche (2)
Foto: dpa Picture-Alliance/Karin Törnblom/IBL Schweden

Mann mit Einfluss: Der Schwede Johan Rockström gilt als einer der weltweit wichtigsten Ökologen und Nachhaltigkeitsforscher.

Konzentriert, locker, verständlich – so erzählt Johan Rockström über die Risiken einer wärmer werdenden Welt. Immer mehr Politiker und Wirtschaftsvertreter hören dem energiegeladenen 53-Jährigen aufmerksam zu – wie letzte Woche auf dem Klimagipfel in Katowice.

Doch hinter Klimaschutz verbirgt sich für ihn weit mehr als die globale Energiewende. Die gesamte Wirtschaft müsse sich umstellen. So setzt er auf Land- und Forstwirte: Sie müssten Äcker, Felder und Wälder so bewirtschaften, dass Böden zu einer CO2-Senke werden, dass also Humus entsteht. Klappe dies, brauche es weniger Dünger und Chemiefirmen müssten weniger Ammoniak energieaufwendig aus Stick- und Wasserstoff herstellen.

Johan Rockström

Bei diesen umfassenden globalen Themen bleibt Rockström bodenständig – oder besser: Er wurde es. Seine Eltern waren in der Industrie tätig; scherzend betont er gerne, er habe dies mit seiner Fächerwahl an der Uni ausgleichen wollen. In Uppsala studierte er Landwirtschaft. In Stockholm promovierte er über das Management natürlicher Ressourcen. Danach forschte er zu stabilen Wasserversorgungen in trockenen und tropischen Regionen.

Diese Erfahrungen außerhalb Schwedens prägten Rockström: Er traf Menschen, die unter dem Klimawandel leiden und kaum etwas selbst zum Treibhauseffekt beigetragen haben. Diese Ungerechtigkeit entsetzt ihn und treibt ihn heute noch an. Er will die Transformation der Wirtschaft erreichen, ohne die Schwachen zusätzlich zu belasten.

Sowohl die natürlichen Ressourcen als auch die Industrie im Blick, begann er interdisziplinär zu arbeiten und zu denken. Vor allem von 2004 an brachte er als Direktor des „Stockholm Resilience Centre“ gezielt Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen zusammen. Sie untersuchen dort, wie widerstandsfähig – resilient – unser Planet gegenüber Veränderungen ist.

Diese Arbeit war fruchtbar: 2009 stellte er zusammen mit anderen einen Ansatz vor, die Belastbarkeit des Planeten zu beschreiben. Der Grundgedanke: In den 10 000 Jahren nach der letzten Eiszeit befand sich die Erde in einem recht stabilen Zustand; Temperaturschwankungen waren gering, frisches Wasser verfügbar, Stoffkreisläufe stabil. Dies alles habe den Übergang vom Jäger zum Sammler und auch unsere aktuelle Lebensweise begünstigt, so Rockström.

Doch spätestens von 1850 an begann die Menschheit, die Erde massiv zu beeinflussen. Die Forscher um Rockström definierten Veränderungen wie Klimawandel, Luftverschmutzung, Ozonabbau und Ozeanversauerung, die das Gleichgewicht zum Kippen bringen können.

Das Wissen ist also da. Einige hören zu, manche handeln – aus Rockströms Sicht zu wenige. Er fragt sich, wie er und andere Forschende Politiker und Unternehmer überzeugen können. Vielleicht bringt der Blick auf die Gesundheit neuen Schwung: Denn überall – auch in Europa und den USA – leiden Menschen unter Dürren, Hitzewellen und Hochwasser. Als neuer Ko-Direktor am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung – neben Ottmar Edenhofer –, will er dazu beizutragen, hierzu mehr harte Fakten zu erarbeiten.

Bei alldem ist Rockström Optimist geblieben – auch im Rückblick auf den aktuellen Klimagipfel: „Die Staaten der Welt erkennen an, dass sie zusammenarbeiten müssen, um die Klimakrise anzupacken“, sagte er kurz danach. Selbst das 1,5-Grad-Ziel sei erreichbar, werde schnell gehandelt. Würden erneuerbare Energien weiterhin exponentiell steigend ausgebaut, könnten diese 2030 die Hälfte des Energiebedarfs decken. Er hätte sich gewünscht, dass die Staaten genau dies in Katowice vereinbaren. Doch ihn treibt die Sorge um, ob die Staaten jetzt tatsächlich die aufgezeigten Risiken wirkungsvoll begrenzen.

Und er selbst? Er hält Klimawissenschaftler für keine besseren oder schlechteren Menschen. Er weiß, sein eigener CO2-Verbrauch ist sehr hoch, da er oft zu internationalen Treffen fliegen muss. Ein wenig gleicht er dies durch einen klimafreundlichen Lebensstil aus: Er fährt Fahrrad und isst selten Fleisch.