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Mittwoch, 20. Februar 2019

Ernährung

Proteinquelle mit sechs Beinen

Von Renate Ell | 21. Dezember 2017 | Ausgabe 51

Insekten sind eine ideale Proteinquelle – und belasten die Umwelt weit weniger als Fisch oder die üblichen Fleischlieferanten. Das könnte auch helfen den Welthunger zu bekämpfen.

Proteinquellen
Foto: panthermedia.net/ConnyFuchs

Frittierte Insekten auf einem Marktstand in Kambodscha: In Asien stehen die proteinreichen Krabbler regelmäßig auf dem Speiseplan.

Kühe sind ineffizient: Um 1 kg Fleisch zu erzeugen, brauchen sie 8 kg Getreide; Schweine immerhin noch 4 kg. Entsprechend groß ist der Flächenbedarf für den Anbau von Eiweißfuttermitteln wie Soja und Mais. Hinzu kommt noch der CO2-Ausstoß der Landwirtschaft. Um 1 kg Insektenbiomasse zu erzeugen, braucht man hingegen nur 2 kg Futter. Und das muss nicht mal auf dem Acker angebaut werden – die Krabbler sind auch mit Reststoffen der Lebensmittelproduktion oder dem Inhalt der Biotonne zufrieden.

Diese Effizienz könnte immer wichtiger werden. Zum einen, weil sich von den heute 7 Mrd. Menschen immer mehr Fleisch leisten – etwa in aufstrebenden Schwellenländern wie China und Indien. Und zum anderen, weil laut Schätzungen der UN bis 2050 rund 3 Mrd. Menschen mehr ernährt werden müssen. Das geht nur mit einer effizienteren, nachhaltigeren Landwirtschaft – weil Ackerfläche knapp wird. Und um die 2015 in Paris beschlossenen Klimaschutzziele einzuhalten.

Rund 2 Mrd. Menschen haben Insekten regelmäßig auf dem Speiseplan, vor allem in Afrika und Asien. Nicht aus Not, sondern weil sie Käfer, Heuschrecken, Raupen oder Maden als nahrhaft und wohlschmeckend schätzen. Einige innovative Unternehmer in Entwicklungsländern widmen sich inzwischen der Zucht und Vermarktung von getrockneten Insekten oder von Insektenmehl.

Ob auch Deutsche Appetit auf Insekten entwickeln könnten, hat die Lebensmitteltechnologin Birgit Rumpold von der TU Berlin bei der „Langen Nacht der Wissenschaften“ getestet. Die Besucher – sicher kein repräsentativer Querschnitt durch die Bevölkerung – konnten zwischen getrockneten Mehlwürmern und Grashüpfern wählen.

63 % griffen gleich zu; durch Information über Insekten als nachhaltige und gesunde Ernährung ließ sich der Anteil auf 75 % steigern. Gut die Hälfte der Tester bezeichnete sich als Vegetarier oder Veganer; ihre Argumente gegen Fleisch, etwa Kritik an der Massentierhaltung oder hohe Treibhausgasemissionen, spielten bei Insekten keine Rolle. Noch leichter dürfte es fallen, Insektenprotein zu essen, das nicht als solches erkennbar ist. Etwa in einem Proteinriegel für Sportler, den Jungunternehmer aus Köln in Zusammenarbeit mit vietnamesischen Insektenzüchtern kürzlich auf den Markt brachten.

Die größere Zukunft dürften Insekten hierzulande aber eher als Tierfutter haben. Versuche an der Uni Göttingen zeigten, dass Soldatenfliegenlarven Soja ersetzen können. Ferkel entwickelten sich sogar etwas besser als mit klassischem Futter. In Aquakulturen ersetzt man im Idealfall Fischmehl durch Insektenlarven, die mit Seetang ernährt werden. Denn der enthält wertvolle Omega-3-Fettsäuren – die dann mit den Insekten ins Futter statt mit dem Fischmehl in den Lachs gelangen. Experimente in Schottland und Norwegen haben gezeigt, dass das gut funktioniert.

Außerdem sind Insektenlarven in der Lage, sich wirksam gegen Krankheitserreger zu schützen. Dabei spielt ihr Mikrobiom im Darm eine wichtige Rolle. Versuche an der Uni Gießen ergaben, dass sich das Insektenimmunsystem durch eine gezielte Ernährung stärken lässt. Dies kann sogar generationenübergreifend wirken.

Allerdings sollen die Insekten ja möglichst Pflanzenreste fressen, die sich nicht verwerten lassen – sonst wäre ihre Aufzucht weder nachhaltig noch effizient. Doch solche Überbleibsel können Schadstoffe oder Pilzgifte enthalten. Untersuchungen an der Universität für Bodenkultur Wien zeigen, worauf man achten muss: Pilzgifte aus dem Futter waren in Mehlwürmern nicht mehr zu finden, Pestizide nur in Spuren; Schwermetalle hingegen reichern sich an.

In der EU dürfen Insekten zwar bisher nur in Aquakulturen verfüttert werden, die Zulassung für weitere Tierarten dürfte aber folgen. Insektenzucht für Futterzwecke ist eine aufstrebende Branche.