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Samstag, 16. Februar 2019

Raumfahrt

Qualmen unter Palmen

Von Rudolf Stumberger | 28. Juni 2018 | Ausgabe 26

Von der Insel Tanegashima aus starten Trägerraketen ins All. Zu Besuch in Japans Weltraumbahnhof.

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Foto: Rudolf Stumberger

Spärlich besiedelt: Die Japaner wählten Tanegashima als Standort für ihren Weltraumbahnhof auch deshalb aus, weil es weit weg von den Ballungsräumen liegt.

Weit ausholend dreht die zweimotorige Propellermaschine eine große Runde über dem Flughafen der Insel, um dann unter heftigen Turbulenzen in den Landeanflug überzugehen. Noch einige Male wackelt die Maschine, dann setzt sie sicher auf der kurzen Rollbahn auf.

Geführte Touren

Wir sind auf Tanegashima, einer lang gezogenen Insel im Süden Japans. 1945 flogen vom Festland die Kamikazeflugzeuge hier her in Richtung Okinawa, um sich auf feindliche Schiffe zu stürzen. Heute sind im Luftraum über Tanegashima andere Vehikel unterwegs. Denn an der Südspitze der Insel liegt der größte Weltraumbahnhof Japans. Von hier aus bringen die Trägerraketen der Jaxa, der japanischen Weltraumbehörde, die Satelliten in ihre Umlaufbahnen.

Foto: Rudolf Stumberger

Eigener Zugang zum All: Das japanische Raumfahrtprogramm verfügt über zwei eigene Trägerraketen. Beide sind auf dem kommerziellen Markt in der Regel chancenlos.

Die Hafenstadt Kagoshima, rund 1200 km südlich von Tokio, liegt auf Kyushu, der drittgrößten Hauptinsel von Japan. Von hier aus gehen die Fähren zu den südlichen Inseln und von hier aus wird auch das 115 km entfernte Tanegashima viermal pro Tag angeflogen. Die Insel selbst ist knapp 60 km lang und gerade mal 12 km breit, an die 35 000 Menschen wohnen auf dem Eiland. Wer aus dem Flugzeug steigt und das kleine Flughafengebäude betritt, ahnt gleich, dass hier das Leben etwas ruhiger verläuft. Jedenfalls, wenn unten an der Südspitze gerade kein Raketenstart angesagt ist. Denn dann herrscht Hochbetrieb auf der Insel, wird doch jeder Abschuss von Journalisten und von Zuschauern aus sicherer Distanz verfolgt.

Heute zeigt sich Tanegashima von seiner ruhigen Seite: Schwach befahrene Straßen ziehen sich durch spärlich bevölkerte Dörfer. Auf der Insel gibt es zwei Tankstellen, lange, menschenleere Sandstrände, an denen die Wellen des Pazifiks heranrollen, und Palmen. Die Menschen leben von der Landwirtschaft und vom Weltraumbahnhof.

Foto: Rudolf Stumberger

Zugangskontrolle: Der japanische Weltraumbahnhof ist hinter Zäunen und Feldern voller Überwachungskameras verschanzt.

Das Tanegashima Space Center liegt verschanzt am Meer. Als erstes Bollwerk dienen mit Stacheldraht versehene Zäune, übersäht mit Überwachungskameras. Dann zieht sich die Straße durch die Dünen und nach einer letzten Kurve öffnet sich der Blick auf eine exotisch anmutende Szene. Links heben sich die Startrampe und das große Gebäude, in dem die Raketen zusammengebaut werden, in die Höhe. Rechts ist das tiefblaue Meer mit seiner weißen Gischt und den Palmen am Strand zu sehen. Man wähnt sich in der Karibik.

Diesen Blick gibt es auch von der Takesaki-Plattform aus, auf der 1968 mit dem Abschuss von kleineren Raketen begonnen wurde. Zum Beispiel einer SB-IIA, einer von einer Lafette abgeschossenen 2,8 m langen Feststoffrakete mit einer Reichweite von 65 km. Heute steht hier noch die etwas angerostete Abschussrampe für eine TR-1A, die von 1991 bis 1998 für die Weiterentwicklung der Raketentechnik und der Weltraumexperimente genutzt wurde. Die Takesaki Range dient nicht mehr für Starts, wohl aber für stationäre Tests der Feststoffbooster, die die großen H-IIA-Flüssigkeitsraketen beim Start unterstützen. Das Testgelände besteht aus dem abgeschirmten Teststand, einem Messraum und einem Kameraraum. Hier ist es ruhig und einsam, von dem Streife fahrenden Polizeiauto mal abgesehen.

Foto: Rudolf Stumberger

Blick ins Triebwerk: Im Raumfahrtmuseum auf Tanegashima kommen Techniknerds auf ihre Kosten.

Die Geschichte der japanischen Raumfahrt kann man nicht weit von der Takesaki-Plattform im Weltraummuseum besichtigen. Es wurde 1979 eröffnet und dort finden sich die Modelle der diversen japanischen Trägerraketen, einige Beispiele für Weltraumnahrung und natürlich auch die Ehrengalerie der japanischen Astronauten. Sie reicht von Toyohiro Akiyama, der 1990 mit einer Sojus-Rakete zur russischen Raumstation MIR flog, bis zu Norishige Kanai, einem 41-jährigen Arzt, dem gerade zurückgekehrten Bordingenieur der ISS.

Foto: Rudolf Stumberger

Berühmter Arzt: Norishige Kanai ist gerade erst von seiner ersten Langzeitmission auf der ISS zurückgekehrt. Dort war er Bordingenieur.

Vor dem Museum kann man auf grüner Wiese und unter blauem Himmel ein Modell der aktuellen japanischen Trägerrakete, einer 50 m langen beziehungsweise hohen H-II, besichtigen. Sie sei das Ergebnis von langwierigen und verzweifelten Bemühungen japanischer Ingenieure, eine derartige Trägerrakete zu entwickeln, heißt es dazu in der Museumsbroschüre.

Geschichte und Gegenwart des japanischen Raumfahrtprogramms lässt sich am besten drüben am Yoshinobu-Startgelände direkt vor Ort erkunden. Dazu muss man allerdings erst die diversen Absperrungen und Umzäunungen überwinden, mit denen das Startzentrum geschützt wird. Dann aber steht man in einer mächtigen Halle aus Beton vor den Bestandteilen der H-II-Rakete Nr. 7. Sie ist nie geflogen, sondern wurde noch vor dem geplanten Start 1998 von einer Neuentwicklung, der verbesserten H-IIA, ersetzt. Deshalb lagern jetzt die Teile in dieser Halle; Besucher können die Konstruktion im Detail bewundern.

Da ist zum Beispiel das Triebwerk LE-7 der ersten Stufe, das mit einem Eigengewicht von 1,7 t die Rakete in einer Minute 400 km vorantreibt. Das Triebwerk der zweiten Stufe (LE-5A) lässt sich mehrmals zünden, sodass ein Satellit ziemlich exakt im All platziert werden kann.

Die H-II hatte mit ihren zwei Stufen eine Länge von 50 m und einen Durchmesser von 4 m, das Gewicht (ohne Ladegut) betrug 260 t. Das H im Namen steht übrigens für Hydrogen, also für den flüssigen Treibstoff Wasserstoff. Neben den beiden Raketenstufen und den Triebwerken findet sich in einer Ecke der Halle auch eines von 56 Rädern, auf denen zwei 25 m lange Transporter die Raketenstartrampe bewegen.

Das Herzstück des Yoshinobu-Startgeländes besteht aus der großen Halle, in der die einzelnen Raketenteile zusammengebaut werden, und der eigentlichen Startrampe. Das Vehicle Assembly Building ist ein großer, weißer Klotz mit einer Höhe von 81 m und der größten Schiebetür der Welt mit einem Gewicht von 400 t. Hier werden die einzelnen Raketenkomponenten mit Tiefladern vom Hafen an der Westküste Tanegashimas angeliefert.

Zunächst wird die erste Stufe der H-IIA-Rakete auf der beweglichen Startrampe aufgebaut, anschließend die zweite Stufe aufgesetzt. Beide stellt Mitsubishi Heavy Industries her. Dann werden die beiden seitlichen Hilfsraketen montiert (IHI Aerospace). Zum Schluss bringen die Techniker die Nutzlast mit der Verkleidung (Kawasaki Heavy Industries) an.

Foto: Rudolf Stumberger

Inselparadies: Tanegashima hätte das Zeug zum Ferienidyll – Palmen, Strände und Klippen gibt es genug. Wenn da nur nicht der Weltraumbahnhof wäre. Bei Raketenstarts wird es hier laut.

Zwölf Stunden vor dem Start werden Rakete und Startrampe mit den beiden Transportmonstern („Dolly“, Höchstgeschwindigkeit: 2 km/h) zum 500 m entfernten Startplatz verschoben. Auf Yoshinobu gibt es zwei Startplätze, die an den rot-weißen Stahlgerüsten erkennbar sind. Der eine Startplatz ist für die H-IIA (53 m Höhe, 289 t Gewicht) vorgesehen, sie gilt das Arbeitspferd des japanischen Weltraumprogramms und bringt Satelliten in die Umlaufbahn.

Der zweite Startplatz ist für die größte japanische Trägerrakete, die moderne H-IIB (57 m Höhe, 531 t Gewicht), reserviert. Mit ihr wurde zum Beispiel am 3. August 2013 die „Kounotori 4“, ein unbemanntes Frachtraumschiff, in die erdnahe Umlaufbahn zur Internationalen Weltraumstation ISS gebracht. Mit dem Transfer Vehicle können bis zu 6 t Fracht an die Astronauten im All angeliefert werden.

Tanegashima rühmt sich nicht der größte Weltraumbahnhof zu sein, aber sicherlich ist er der schönste. Und in der Tat ist die gesamte Anlage in eine tropisch anmutende Landschaft mit grünen Wiesen, Sanddünen und Meer eingebettet. Kurz vor dem Eingang zum Weltraummuseum grüßt den Besucher sogar an einem Hügel ein Bild aus Blumen, es zeigt eine startende Rakete.

Doch warum wurde Tanegashima eigentlich als Standort für die japanische Weltraumfahrt auserkoren? Da ist zunächst die Tatsache, dass es sinnvoll ist, Weltraumflüge in Äquatornähe zu starten. Denn durch die Erdrotation dreht sich die Erde gewissermaßen in die Flugbahn der Rakete hinein. In den 1960er-Jahren, als das Tanegashima Space Center geplant wurde, war die Insel noch der äquatornächste Punkt auf japanischem Boden (Okinawa wurde erst 1972 von den US-Amerikanern an Japan zurückgegeben).

Die vollständige Liste der Kriterien ist lang: Der Standort sollte möglichst weit entfernt von den dicht besiedelten Regionen, aber trotzdem durch Schiffs- und Flugverkehr erreichbar sein. Zudem ging es um die Versorgung mit Energie und Wasser und auch die Nutzbarkeit des Geländes. So fiel die Wahl schließlich auf Tanegashima.

Von der Insel wurden in den vergangenen Jahren etliche geostationäre Satelliten und Cargo-Transporter gestartet, etwa der Erdbeobachtungssatellit Aqua, der Daten zum Wasserkreislauf der Atmosphäre liefert. Oder Arasa: Das Aggregat beobachtet den Van-Allen-Strahlengürtel der Erde.

Der bislang letzte Start erfolgte am 12. Juni diesen Jahres. Um 13:20 Uhr Ortszeit wurde mit dem 39. Start einer H-IIA-Rakete ein japanischer Allwetter-Aufklärungssatellit ins All gebracht. Japan begann sein Aufklärungsprogramm 1998, nachdem eine nordkoreanische Rakete sein Territorium überflogen hatte.