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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Umwelt

Rechtsunsicherheit beim Pflanzenschutz

Von Ralph H. Ahrens | 12. Oktober 2017 | Ausgabe 41

Das EU-Parlament lehnt Kriterien der EU-Kommission ab, mit denen Chemikalien als hormonell schädlich klassifiziert werden sollen.

BU Endokrine
Foto: panthermedia.net/Günter Fischer

Im Agrarbereich werden zum Teil Substanzen eingesetzt, die hormonell wirksam sein können.

Die EU-Kommission einigte sich im Juli mit den EU-Staaten auf Kriterien, um hormonell wirksame Chemikalien in Pflanzenschutzmitteln zu identifizieren. Dies war eine lange erwartete Definition für endokrine Disruptoren (EDC = endocrine disrupting chemicals). „Diese Kriterien würden ein weltweit noch nie dagewesenes System schaffen, die menschliche Gesundheit vor solchen Substanzen zu schützen“, betonte Susanne Melior, SPD-Abgeordnete im EU-Parlament.

Der lange Weg zur EDC-Definition

Doch das EU-Parlament legte Anfang Oktober sein Veto ein. Die Kommission habe ihre Kompetenzen überschritten, erklärt Melior. Sie sollte nur Kriterien aufstellen, um EDC in Pestiziden zu identifizieren. Zusätzlich aber habe sie gemeinsam mit den EU-Staaten vorgeschlagen, dass diese Kriterien nicht für alle Stoffe gelten sollen – nicht für jene, die aufgrund ihrer hormonellen Wirkung in Pestiziden Einsatz finden.

Keine Frage: EDC sind zu regulieren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet diese Substanzen seit 2012 als globale Bedrohung. Sie verursachen Diabetes, Übergewicht, Fortpflanzungsstörungen bei Frau und Mann, Brust-, Hoden- und Schilddrüsenkrebs, neurologische Störungen und andere Erkrankungen. Neben manchen Wirkstoffen in Pestiziden zählen u. a. polychlorierte Biphenyle (PCB), Bisphenol A und einige Phthalatweichmacher hierzu.

Drei Bedingungen muss eine Chemikalie erfüllen, um als EDC eingestuft zu werden. So steht es in der EU-Verordnung zur Zulassung von Pflanzenschutzmitteln von 2009. Sie schädigt menschliche Gesundheit oder Umwelt; sie wirkt konkret auf den Hormonhaushalt von Mensch, Pflanze oder Tier; und zwischen Schädigung und Wirkung besteht ein kausaler Zusammenhang. Im Kriterienkatalog von Juli hatten Kommission und EU-Staaten festgelegt, auf welche Weise die schädigende Wirkung nachgewiesen werden muss.

Doch es sollte eine Ausnahme geben: die Wachstumsinhibitoren. Diese Wirkstoffe greifen ins Hormonsystem von Insekten ein und blockieren so deren Häutung, die Synthese des Chitins oder die Umwandlung der Larve. Solche Inhibitoren werden etwa gegen Kartoffelkäfer oder Maiszünsler eingesetzt. „Der Druck einiger EU-Staaten und Chemiekonzerne war offenbar so groß, dass die Kommission diese Kompetenzüberschreitung riskiert hat“, vermutet SPD-Frau Melior als Grund für die Ausnahme.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) verteidigt die Ausnahme. Es gehe um die sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln und den Schutz der Menschen vor Krankheitserregern. „Der VCI befürchtet, dass viele bewährte Wirkstoffe wie Fungizide oder Insektizide verloren gehen werden“, erklärt Gerd Romanowski. Der VCI-Geschäftsführer für Wissenschaft, Technik und Umwelt weist darauf hin, dass eine breite Wirkstoffpalette mit unterschiedlichen Mechanismen notwendig ist, um Resistenzbildungen zu vermeiden.

Der Industrieverband Agrar (IVA) hat errechnet, dass 35 von 50 Getreidefungiziden und 12 von 24 Fungiziden, die gegen die Krautfäule bei Kartoffeln eingesetzt werden, wegen hormonell schädigender Wirkstoffe vom Markt verschwinden könnten.

Die Kriterien für EDC betreffen auch Hersteller anderer Substanzen. Denn die EU regelt EDC auch in der Kosmetikverordnung oder der Chemikalienverordnung Reach. Lange Zeit geschah dies ohne Festlegung, was genau ein hormonell schädlicher Stoff ist. Eine klare Definition würde Rechtssicherheit geben. „Aber die derzeit in Brüssel diskutierten Kriterien ermöglichen in der Praxis keine verlässliche Unterscheidung in regulierungsbedürftige und harmlose Stoffe“, erklärt Romanowski.

4-Nonylphenol und seine Ethoxylate stehen inzwischen auf der Zulassungsliste von Reach und sind von 2021 an nur noch mit Genehmigung zu verwenden.

Wie geht es weiter? Die EU-Kommission muss neue Kriterien entwickeln und nennt auch noch keinen Zeitplan. SPD-Frau Melior wäre zufrieden, wenn die Ausnahme etwa für Wachstumsinhibitoren gestrichen würde. Doch langwierige Verhandlungen sind möglich, da die Kriterien von Juli wieder grundsätzlich infrage gestellt werden.

Der VCI hofft, dass die Kommission die Kriterien überdenkt. Hormonell aktive Substanzen seien nicht per se gefährlich, so Romanowski. Er verweist auf Vitamin D sowie auf Inhaltsstoffe der Soja- und Kaffeebohnen. Und: „Die Kriterien sollten nur Stoffe erfassen, die bereits in niedrigen Mengen oder Dosierungen eine schädliche Wirkung beim Menschen oder in der Umwelt verursachen.“

Auch Umweltschützer werden grundsätzlich: Sie vermissen das Vorsorgeprinzip. „Denn Chemikalien, die in Laborstudien als EDC identifiziert wurden, wären erlaubt – solange, bis Krankheiten zweifelsfrei auf diese Schadstoffe zurückzuführen sind“, meint Manuel Fernandez vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

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