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Samstag, 17. Februar 2018

Sozialpolitik

Rente mit 70? Jein!

Von Wolfgang Schmitz | 31. August 2017 | Ausgabe 35

Die Zukunft der Rente ist unsicher. So viel ist sicher.

Rente BU
Foto: panthermedia.net/Mary Durden

Müssen die Erfahrenen künftig länger arbeiten? Die Rente ab 70 könnte die Rentenkassen entlasten. Kritiker zweifeln an der Notwendigkeit.

Wohlstand ließe sich nur aufrecht erhalten, wenn angesichts des demografischen Wandels die Alten länger arbeiten und die Rentenkassen entlasten, sagen die einen. Andere entgegnen, man dürfe die soziale Errungenschaft, nicht mehr so lange schuften zu müssen wie unsere Großeltern, nicht ökonomischen Bilanzen opfern.

Die vorhandene Arbeit, das sogenannte gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen, wird laut Statistischem Bundesamt zunehmend auf mehr Schultern aufgeteilt. Im Schnitt arbeitete jeder Erwerbstätige im zweiten Quartal dieses Jahres 321,2 Stunden – der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung. Zudem nehmen uns künftig Maschinen viele lästige Tätigkeiten ab und schließlich steigt die Geburtenrate insbesondere in Akademikerfamilien. Beste Voraussetznungen also, um mit spätestens 65 die weniger werdende Arbeit Robotern und dem (menschlichen) Nachwuchs zu überlassen. Oder wiegen die Argumente für die Rente ab 70 doch schwerer?

Jochen Pimpertz vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln befürwortet den späteren Ausstieg aus dem Arbeitsleben. Der aber werde erst in frühestens zehn bis 15 Jahren akut. „Dabei gilt die Logik des Umlageverfahrens nach 2030 unverändert: Wenn der Beitragssatz nicht über 22 % steigen, das Sicherungsniveau aber nicht ins Bodenlose fallen soll, bleibt nur ein längeres Arbeitsleben, um die Rentenfinanzen zu stabilisieren. Übrigens mit dem Nebeneffekt, dass dies dem einzelnen Arbeitnehmer eine höhere Rente beschert.“

Die Hoffnung, die Renten mit höheren Steuerzuschüssen finanzieren zu können, sei trügerisch, weil der demografische Wandel auch die Staatseinnahmen bedrohe. Von der Theorie, der technologische Wandel werde die Menschen scharenweise aus Werkstätten und Büros vertreiben, hält Pimpertz wenig. „Digitalisierung führt bereits heute zum Strukturwandel, aber sie trägt auch zur Rekordbeschäftigung bei.“

Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) glaubt, dass die Digitalisierung in ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt maßlos überschätzt wird, als ob nicht bereits vor wenigen Jahrzehnten über die komplett computergesteuerte Fabrik diskutiert worden wäre. „Es war immer so, dass durch Erfindungen menschliche Arbeit erleichtert oder ersetzt wurde. Aber geht uns deshalb die Arbeit aus?“

Neben der Zahl der Erwerbstätigen – auch aufgrund zunehmender Teilzeitjobs – steige das Arbeitsvolumen seit zehn Jahren – „und zwar kräftig“. Bis 2012 habe, so Brenke, die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter abgenommen, was die gestiegene Erwerbsneigung der Frauen und älteren Männer mehr als kompensiere. „Jetzt kommen aber die geburtenstarken Jahrgänge immer mehr ins Rentenalter, so dass Deutschland zunehmend auf qualifizierte Zuwanderer angewiesen sein wird.“ Wenn auch in Zukunft weniger Arbeitskräfte für den Bau von Autos benötigt werden sollten, brauche man in solchen Bereichen mehr Leute, in denen schon seit Jahren die Beschäftigung expandiert, etwa im Sozial- und Gesundheitswesen.

Die Quintessenz: Die Arbeit geht nicht aus, sie wird künftig auch von Menschen jenseits der 65 zu leisten sein.

Für den Arbeitsökonomen Heinz-J. Bontrup von der Westfälischen Hochschule ist die Rentenfrage eine reine Verteilungsfrage. Es gelte immer noch der Lehrsatz, dass die Rente nur aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode finanziert werden kann und nicht aus der Vergangenheit.

Daher stelle sich die Frage, wie viel die arbeitende Bevölkerung bereit sei, für Rentner abzugeben. „Von Massenarbeitslosigkeit und dem von der Politik geschaffenen millionenfachen Prekariat“ sei die 1957 eingeführte gesetzliche Rente nicht ausgegangen, sondern von Normalarbeitsverhältnissen und starken Gewerkschaften, die für faire Löhne sorgen. Das aber sei schon lange nicht mehr gewährleistet.

Wer keine Arbeit oder eine schlecht bezahlte habe, werde im Alter nur über eine Mini-Rente verfügen. „Vor diesem Hintergrund auf die Idee zu kommen, die Rente erst ab dem 67. oder sogar ab dem 70. Lebensjahr zu zahlen, führt am Ende unweigerlich in eine absolute Altersarmut für Millionen“, meint Bontrup. Die herrschende Politik setze damit die Demokratie in Deutschland aufs Spiel. „Massenarbeitslosigkeit und Prekariat beseitigen ist die beste Therapie.“

Markus Hertwig, Arbeitssoziologe an der TU Universität Chemnitz, findet keinen Gefallen an starren Regelungen wie der Rente mit 70. Auch er betont das Verteilungsproblem, das mit einer Erhöhung des Renteneintrittsalters zuungunsten der Erwerbstätigen gelöst werden würde. „Ich spiele damit auf die Frage an, wieso es plötzlich nicht mehr möglich sein sollte, Altersbezüge zu finanzieren, obgleich der volkswirtschaftliche Wohlstand stetig ansteigt.“

Die Digitalisierung werde die Anforderungen an Erwerbstätige verändern, sie werde aber nicht automatisch in organisatorischen Zwangsjacken münden, sondern müsse politisch und betrieblich gestaltet werden. Genauso wenig führe die Digitalisierung zur Vernichtung von Arbeitsplätzen. Hertwig: „Geht man davon aus, dass es künftig wichtiger wird, Innovationen wie autonomes Fahren oder Web-Anwendungen anzukurbeln, liegt ein Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg in der Schaffung von Rahmenbedingungen, die diese Innovationen fördern.“ Da sei es nicht ausgeschlossen, dass Mitarbeiter auf eigenen Wunsch länger arbeiten und Arbeitgeber ihnen notfalls helfen, indem sie entsprechende Qualifizierungen anbieten.

Hertwig hält flexible Rentenregelungen, bei der die Beschäftigten Eintrittsalter und Modelle wie Altersteilzeit wählen können, für den sinnvollsten Weg. Das Recht auf einen früheren Renteneintrittstermin dürfe ihnen dabei nicht genommen werden.

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