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Freitag, 22. Februar 2019

Verkehr

Rheinische Drehmomente

Von Regine Bönsch | 20. September 2018 | Ausgabe 38

In Düsseldorf startet ab Montag einer der komplexesten Mobilitätstests in Deutschland. Die Stadt, das Land NRW, Unternehmen und Wissenschaft wollen das vernetzte und demnächst auch das automatisierte Fahren unter die Lupe nehmen.

BU VLZ
Foto: Regine Bönsch

Verkehrsleitzentrale: Auf einer Wand aus 81 Bildschirmen verfolgen die Operatoren des Verkehrsamts die Aktivitäten in Tunneln und auf wichtigen Kreuzungen. Von hier aus können sie auf Unfälle und Staus reagieren.

Foto: Foto [M]: Stadt Düsseldorf/VDI nachrichten

Die Strecke für das Düsseldorfer Projekt Komod ist 20 km lang. In der Stadt, über Brücken und Autobahnen, in Parkhäusern und einem Tunnel soll vernetzter und automatisierter Verkehr getestet werden.

Behäbig streckt sich die Hebebühne des orangefarbenen Kleinlasters gen Himmel. Oben hält ein Arbeiter ein Stück Elektronik in einem grauen quadratischen Gehäuse in der Hand und montiert es mit wenigen Griffen an den Hals einer Verkehrsampel. Knapp über 4 kg schwer ist der Kasten, dessen eigentlichen Zweck vier kleine Antennen verraten: Die sogenannte Road-Site-Unit kann funken, über WLAN soll sie mit unterschiedlichen Verkehrsteilnehmern kommunizieren. Die Ampel redet mit Bussen und Autos und umgekehrt. Die Fahrzeuge können sich bei der Lichtsignalanlage anmelden, ihr mitteilen, dass sie sich nähern.

Foto: Dawid Gryndzieluk

Die Kreuzung: An der Friedrichstraße/Ecke Herzogstraße wurden WLAN-Router an Ampeln montiert. Hier reden u. a. Busse mit Signalanlagen.

„Kommen Sie näher ran“, schreit auf der anderen Seite der Straße die Düsseldorfer Verkehrsdezernentin. Ein dicker Lkw braust vorbei. Die Stimme von Cornelia Zuschke kämpft dagegen an: „Ich bin sehr stolz ....“ Der Rest verschwindet im Rauschen des Verkehrs an dieser belebten Kreuzung. Doch die versammelten Mitarbeiter der Stadt und der Firma Siemens wissen: Zuschke ist stolz auf Düsseldorf als Teststadt.

Der Name ist sperrig: „Kooperative Mobilität im digitalen Testfeld der Stadt Düsseldorf“, so nennt sich das Projekt, doch jeder hier spricht nur vom Kürzel „Komod“. Auf einer Strecke von 20 km soll vernetztes und automatisiertes Fahren erforscht werden. Neun Städte in ganz Deutschland testen zurzeit künftige Verkehrsszenarien, doch Komod ist besonders, davon ist man hier am Rhein überzeugt.

Komod beginnt am Autobahnkreuz Meerbusch, führt über die A57 und die A52, den Vodafone Campus, den Rheinalleetunnel und über die Rheinkniebrücken, bevor sie hier an der Kreuzung – mitten im tobenden Stadtverkehr – endet. „Mit diesem Mix ist Düsseldorf ist eine der, wenn nicht die komplexeste Strecke in Sachen vernetztes Fahren in Deutschland“, betont Heiko Böhme vom Amt für Verkehrsmanagement. Er hält als Projektkoordinator die Fäden in der Hand.

Vor Jahren habe man noch über das digitale Fahren gelächelt, sagt die Verkehrsdezernentin. Jetzt sei das eine ganz reale Kulisse geworden. Doch nicht die vorhandene Technik motivierte die Stadt, sich zu engagieren. Für Zuschke steht fest: „Eine Stadt, die im Verkehr erstickt, muss sich mit Dingen beschäftigen, die Staus vermeiden, Luft verbessern, Sicherheit und Komfort erhöhen.“

Grund genug, Geld in die Hand zu nehmen. 15 Mio. € werden in Komod fließen. Rund 9 Mio. € davon kommen vom Bundesverkehrsministerium, das deutschlandweit 100 Mio. € für die Erforschung des automatisierten Fahrens spendiert. Den Rest trägt die Industrie, die mit vielen Unternehmen am Projekt beteiligt ist. Siemens, Swarco, ZF, Ford, Mobileeye, Gevas Software und viele mehr engagieren sich. Aber auch Forschungsinstitute sind dabei – vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) bis hin zum Institut für Kraftfahrzeuge der RWTH Aachen.

Drei Monate später: Einträchtig stehen NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) und Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) zusammen. Sie strahlen ... Halt! Vielleicht strahlen sie, denn das wird erst nächsten Montag, am 24. September, geschehen. Dann nämlich geben die beiden feierlich gemeinsam den offiziellen Startschuss für Komod.

Zurück also in den Sommer, zurück zu den ersten Tests. Wir fahren mit Kai Strehl, Projektleiter von Vodafone, auf der A52. Strehl zeigt auf das Tablet: „Der blaue Punkt sind wir, der rote Punkt ist Marco – im vorausfahrenden weißen Fahrzeug.“ Und dann wird er lauter: „Marco, kannst du mich hören?“ Er kann und er löst über Mobilfunk einen sogenannten eCall aus. Einen automatischen Notruf, den mittlerweile alle Neuwagen senden müssen, sobald beispielsweise der Airbag ausgelöst wird. Die Simulation klappt. Prompt – innerhalb von nur wenigen Sekunden – erscheint auf dem Display des iPads das passende eCall-Symbol. Wir überholen. Unser kleiner Nissan nimmt ordentlich Fahrt auf. Jetzt spielt Marcos Wagen ein Feuerwehrfahrzeug und initialisiert einen Rettungsgassenruf. Zack, das Tablet weiß Bescheid. In Serienfahrzeugen wird die Anzeige ins Cockpit wandern.

Vernetzung von Fahrzeug zu Fahrzeug über Mobilfunk, auch das ist ein Teil des Komod-Projekts. Vodafone hat dafür das Netz noch ein wenig aufgerüstet. Vier LTE-Antennen im 1800-MHz-Band und drei Richtfunkantennen sollen die Kommunikation sichern.

In seinem Büro auf dem Vodafone Campus sitzt derweil Eric Kuisch und lächelt, wenn er an einige Parkhäuser in Düsseldorf denkt. Der Technikchef des Mobilfunkunternehmens hat mit seinem Team in den letzten Wochen hart gearbeitet, um der breiten Öffentlichkeit einen Hauch von mobiler Zukunft zu präsentieren.

Auf Smartphone-Displays lässt sich die Auslastung von Parkhäusern erkennen. In den Gebäuden selbst hat der Mobilfunker Infrastruktur aufgebaut, die zeigt, wo es freie Parkplätze gibt. Mehr noch: „Wir können bei der Eröffnung sogar das Valet-Parking zeigen“, eine Art pilotiertes Parken, bei dem das Fahrzeug selbstständig – wie von Geisterhand bewegt – in die Parklücke fährt. Eine Kooperation mit Ford und der RWTH Aachen, die Vodafone den Besuchern am kommenden Montag präsentieren will.

Doch Kuisch weiß auch, dass der Weg hin zum vollautonomen Fahren noch ein weiter ist. „Autonomes Fahren ist erst mal vernetztes Fahren“, so beschreibt es der CTO Deutschland mit leiser Stimme. In Sachen Vernetzung ringen die verschiedenen Techniken miteinander – Sensorik, WLAN, Mobilfunk. Kuisch ist von einem Zusammenspiel überzeugt. „Wir schauen, welche Technik sich für welchen Zweck wie gut eignet.“ Und dann wird seine Stimme doch etwas lauter: „Wenn es jedoch um Echtzeit geht, dann brauchen wir Mobilfunk – heute LTE, künftig 5G.“

Von einem Technikmix ist auch Projektkoordinator Böhme überzeugt. „Wir probieren verschiedene Dinge aus.“ Über welche Techniken also künftig Busse im Straßenverkehr sich bei der Ampel anmelden und sagen „Achtung, ich komme“, ist noch nicht ausgemacht. Am Ende geht es nicht nur um die Technik selbst und Latenzzeiten, sondern um Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Robustheit im Betrieb – all das hat Böhme im Blick. Auch an diesem Morgen auf der lauten Kreuzung.

Stadtmitte, Brücke, Tunnel, Autobahn – ähnlich vielfältig wie die Straßensituationen sind auch die Anwendungsszenarien, die in Düsseldorf erprobt werden sollen. Da wird nicht nur das Parkhausmanagement getestet, reden nicht nur Busse der Rheinbahn mit Verkehrsampeln. Da wandern Informationen in noch präzisere Karten. Wissenschaftler des DLR werden an einer Navigationslösung arbeiten, die auf der Teststrecke von den infrastrukturseitigen Vorgaben und Informationen profitiert.

Details zur Verkehrssituation landen in teil- bzw. hochautomatisierten Versuchsfahrzeugen, deren Lenksteuerung darauf reagiert. Vier Fahrzeuge von Ford, eins des DLR, zwei des Zulieferers ZF und ein weiteres der RWTH Aachen sind am Test beteiligt. „Sie werden so einige Fahrzeuge sehen, an denen Komod dran steht“, verspricht Zuschke. „Aber keine Angst – da sitzen immer noch Menschen drin.“ Bis in Düsseldorf Autos vollautonom durch den Stadtverkehr rollen, werden noch einige Jahre ins Land gehen.

Zusätzlich sollen Flottenfahrzeuge von DHL, Getränkelieferanten, Pflegediensten und Vodafone mit Videotechnik von Mobileeye ausgestattet werden und Daten für einen komplexen Verkehrsfluss generieren. Informationen, die dann in der Verkehrsleitzentrale landen. Von „Honigbienen“ spricht die Dezernentin. In einem kleinen Gebäude in der Düsseldorfer Straße laufen alle Fäden zusammen.

Der kleine unscheinbare Flachbau zwängt sich zwischen Straße, Bäume und Litfaßsäule. Wer genau hinschaut, kann das, worum es innen in dem charmelosen Rechteck geht, erkennen. Das Dach des Gebäudes zieren unterschiedlichste Antennen. Schüler haben auf die Außenfassade Graffitis gesprayt – der Burgplatz mit Schlossturm, die Rheinuferpromenade, Brücken und Straßen. Kein Zweifel: Dieses Gebäude gehört zur Stadt Düsseldorf. Es ist die Verkehrsleitzentrale.

Das Innere offenbart einen krassen Kontrast zur spartanischen Hülle. Hier flimmern 100, wahrscheinlich mehr Bildschirme. Allein auf 81 von ihnen sind Tunnel und Straßenkreuzungen zu sehen. Operator Carsten Buhr hat sie gemeinsam mit einer Kollegin ständig im Blick. 24/7 im Dreischichtbetrieb wird hier gearbeitet – allein wegen der Tunnel. Schließlich darf keine der Röhren betrieben werden, die nicht ständig überwacht wird. Buhr, ausgebildeter Elektrotechniker, ist zehn Jahre lang zur See gefahren. Jetzt sitzt er ruhig in seinem Bürostuhl. Er weiß: Da passieren schon mal Unfälle, da schlägt ein Blitz in die Signalanlage vor dem Tunnel ein oder es laufen Menschen nach einer durchzechten Nacht in der Altstadt in den neuen Kö-Bogentunnel hinein. Wer hier arbeitet, muss Nerven haben.

Das große Display zeigt die Verkehrslage in der gesamten Stadt. Die Daten dafür werden vom niederländischen Navigationsspezialisten Tomtom eingekauft. Und natürlich können die Operatoren hier Einfluss auf den Verkehr nehmen. Sie sind es, die die großen Anzeigetafeln, die an den Einfahrten nach Düsseldorf aufgebaut sind, schalten. Am Südring wird es gerade voll. „Stau auf der Merowinger“ – das erkennen hier alle Beteiligten und reichen die Information an die Tafeln und damit die Autofahrer weiter.

Begrenzt lassen sich auch Ampeln beeinflussen. „Wenn beispielsweise die Fortuna spielt oder eine größere Messe ist, dann schalten wir andere Programme auf“, erklärt Verkehrsmanager Heiko Böhme und führt uns hinter die Kulissen. An diesem heißen Sommermorgen ist es kalt in dem kleinen Raum – dort, wo all die Rechner stehen und beständig ihr leises Brummen von sich geben. Böhme zeigt auf einen Tisch: ein Rechnerrack, ein paar Router, Netzteile und Kabel. „Und das ist Komod“, sagt er mit breiten Grinsen. „Sie sehen, hier wird getestet.“

Komod ist letztendlich ein kleines Labor in der Verkehrsleitzentrale, wo sie Informationen sammeln und vieles über die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur lernen wollen. Und Komod ist ein großes Labor – mitten in der Stadt.

Wie lange die Düsseldorfer testen werden?„Komod läuft bis 2019 oder länger.“ Die Verkehrsdezernentin mobilisiert noch einmal an diesem Morgen im Lärm ihre Stimme. Weiter läuft der Versuch, wenn die Stadt und ihre Partner daran beteiligt werden, kompatible Schnittstellen für den Verkehr von morgen zu gestalten. Die Hoffnung aller Beteiligten ist groß: Wenn das Thema autonomes Fahren sich 2030 in Deutschland so richtig etabliert hat, dann möchten die Rheinländer ganz vorne mitfahren.