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Dienstag, 23. Januar 2018

Innovation

Russlands digitale Speerspitze

Von Stefan Krempl | 2. November 2017 | Ausgabe 44

Die Russen wollen bei der Digitalisierung aufholen. Motor soll der Technologiepark Skolkovo am Rand von Moskau sein.

BU Skolkovo
Foto: Skolkovo-Technologiepark

Die Weite der russischen Landschaft lässt sich in Skolkovo erahnen. Noch sind viele Flächen auf dem riesigen 400 ha großen Areal Baugebiet.

Nachts sieht man die beiden gedrungenen Türme des Büro- und Kongresszentrums im „Technopark Skolkovo“ am südwestlichen Stadtrand Moskaus schon von Weitem von der Landstraße aus leuchten. Vergessen ist ab da der unweigerliche Stau auf den Magistralen der Metropole, der die gut 45-minütige Autofahrt aus dem Zentrum der russischen Hauptstadt zu keinem reinen Vergnügen macht. Wie ein Raumschiff liegt das Hauptgebäude des aufstrebenden Innovationszentrums in der hügeligen Landschaft. Das passt, denn Skolkovo soll nicht weniger sein als die russische Startrampe zur Digitalisierung – und zwar gleich auf der Überholspur.

Das Innovationszentrum Skolkovo

Mit dem Silicon Valley wird die auf dem Reißbrett entworfene „Innovationsstadt“ gern verglichen. Wie so häufig hinkt die Parallele. Zwar war es auch in Kalifornien der Staat, der vor allem mit Militärprojekten den Grundstein für die später boomende Chip- und Computerindustrie legte. Inzwischen hat sich die Entwicklung aber verselbstständigt; ein unbändiger Gründergeist, mehrere Universitäten mit Weltrang sowie Unmengen von Wagniskapital feuern die Entwicklung neuer Geschäftsideen rund ums Internet an.


Bei Skolkovo handelt es sich dagegen um ein Prestigeprojekt des russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew, der 2010 den Ort auswählte und den Oligarchen Wiktor Wekselberg zum Präsidenten des Projekts machte. Auf den 400 ha Land, das sich überwiegend in Regierungsbesitz befindet, sollte von 2011 an der Technologiepark mit 1,3 Mio. m2 Gebäudefläche, also rund 182 Fußballfeldern, hochgezogen werden. Viele Milliarden Euro sind bereits aus der Staatskasse in die Initiative geflossen. Noch steht erst die Hälfte der Einrichtungen, teils fühlt man sich wie auf einer Einöde mit Wiesen und Weihern.

Zwischendrin drehen sich die Kräne. Frisch fertig gestellt ist die „Matrix“, ein rundum verglaster Konferenz- und Büroturm – inklusive Hallenbad – in Pyramidenform unweit vom „Hypercube“, dem ersten, als Schaufenster des Zentrums dienenden Gebäude auf dem Komplex. Daneben schrauben Bauarbeiter eifrig an der Hülle der neuen Universität, der Skoltech-Hochschule, die das Gehirn des Campus werden soll. Ein Gymnasium und einen Kindergarten gibt es schon, zudem ein Wohnviertel mit Stadthäusern.

Ein frischer Wind weht häufig übers Gelände, den Unternehmergeist aus dem Silicon Valley scheint die Anlage auf den ersten Blick aber noch nicht zu versprühen. Wer in den Technopark will, muss zunächst einen Militärposten passieren. Ohne offizielle Einladung geht nichts. Unklar bleibt, ob es sich dabei um Relikte aus der Sowjetzeit handelt oder die Sicherheit der Anlage als besonders gefährdet gilt.

Drinnen wirkt die Atmosphäre deutlich offener. Gründer berichten frei von der Leber weg von ihren Erfahrungen. 300 Firmen haben mittlerweile einen Sitz auf dem Gelände, 1700 gehören dem erweiterten „Ökosystem“ mit losen Verbindungen an. „Wir waren die Ersten, die hier ein Büro aufgemacht haben“, erzählt stolz der rotbärtige Unternehmer Wassili Bykow, der den Tretrollerverleih Samocat.net ins Leben gerufen hat. Die mehrere Hundert Meter lange Haupthalle sei ideal, um für die Vorteile der rollenden Fortbewegung zu werben: „Damit spart man hier viel Zeit und Geld“, betont der Russe. „Arbeiten, nicht laufen“, laute das Motto der jungen Firma.

Sieben Mitarbeiter hat Samocat, zwei davon in Helsinki, wo das Start-up ein Roller-Sharing-System an einer Universität betreibt. An Skolkovo schätzt Bykow nicht nur, dass er möglichen Geschäftspartnern die auch mit Elektromotor aufrüstbare Segway-Alternative in Aktion vorstellen kann, sondern auch das dort vertretene Firmennetzwerk mit internationalen Größen. So führe er etwa Gespräche mit der BMW-Mini-Gruppe über eine Kooperation. Einen Prototypen habe er in Berlin der Deutschen Bahn vorgestellt. Die Zertifizierung sei in Deutschland aber schwieriger als etwa in Finnland, so dass mit einem Schnellstart nicht zu rechnen sei.

Dem Google-Ableger Nest und seinem „smarten Thermostat“ will Igor Zolotukhin von Skolkovo aus Konkurrenz machen. Der Chefentwickler der Firma Tion hat eine „smarte Klimaanlage“ produziert, die Kohlendioxid oder Luftfeuchtigkeit misst und algorithmengesteuert Regulierungsvorschläge macht. Parallel betreibt das Unternehmen Messstationen in Skolkovo und der Moskauer Innenstadt, deren Werte mit einfließen. 500 € kostet eine Belüftungsanlage, die kaum größer als ein Boiler ist. Den westeuropäischen Markt will das Start-up nächstes Jahr ins Visier nehmen. Zolotukhin verrät zudem eine weitere Komponente für die Attraktivität des Standorts: ein freizügiges Steuerregime: „Wir zahlen hier 0 % Abgaben auf den Profit.“

Eine Anwendung fürs Internet der Dinge stellt Sergej Ponomarenko, Cheftechnologe der im Technopark vertretenen Firma Revolta Engineering, mit dem „AllGateKeeper“ vor. Die über das Smartphone steuerbare Schranke soll helfen, Parkplatzprobleme etwa im Verkehrsmoloch Moskau zu lösen. Unternehmen oder sonstige Einrichtungen, die das System installieren, können Besuchern einen Code aufs Handy schicken und diese damit „Sesam öffne dich“ spielen. Enthalten ist eine Wegbeschreibung, die bei den teils kryptischen russischen Adressen einfacher zum Ziel führt. Ein Anfang mit etwa einem Dutzend Installationen in der Großstadt ist gemacht.

Techniken für den „smarten Bergbau“ mit autonomen Lkw und Schürfrobotern entwickelt Vist Mining Technology. Damit soll sich die Produktivität von Minen um 10 % bis 30 % erhöhen lassen. Ein LKW-Prototyp soll bald in Marokko durch ein Abbaugebiet rollen.

„3D Smile“ vertreibt aus dem Gelände heraus eine mit 3-D-Druckern fabrizierte Plastikspange, die Zähne über ein spezielles Anpassungsprogramm angeblich deutlich konsequenter an die richtige Stelle rückt.

Weit über Russland hinaus ist die in Skolkovo beheimatete Firma ExoAtlet bekannt, die mit einem Exoskelett gehbehinderte Menschen zur Bewegung ermuntert und ihnen auf die Beine hilft. Die über eine „intelligente Krücke“ kontrollierbare Stützstruktur sei größtenteils eine Eigenentwicklung, erklärt Unternehmenschefin Ekaterina Berezij: „Die elektronische Steuereinheit, die Sensoren und die Software sind patentgeschützt.“ Zum Einsatz kommen spezielle Algorithmen, damit der Träger die Balance halten kann. Der Preis für das System beträgt 65 000 €, wichtigste Abnehmer sind Rehabilitationszentren.

Laut dem jüngsten „Fortschrittsbericht“ vom Juni 2017 generiert der flächenmäßig gesehen „größte Technologiepark in Europa“ mittlerweile Umsätze von etwa 2,5 Mrd. $ und hat 22 100 Arbeitsplätze geschaffen, wovon sich 6300 vor Ort befinden. Die Macher verweisen auf 76 Partner und 18 eingerichtete Forschungszentren. An der Skoltech unterrichten derzeit auf Englisch 86 Professoren 481 Studenten, mehr als 1000 pro Jahr sollen es nicht werden. Skolkovo befinde sich im „Übergang zum selbsttragenden Stadium“. 41 % des überschaubaren russischen Markts für Wagniskapital beziehe sich auf Start-ups, die mit dem Campus verknüpft sind. Zwischen 2012 und 2016 seien 150 entsprechende Beteiligungsdeals im Wert von 230 Mio. $ geschlossen worden.

Einer der „akkreditierten Wagniskapitalgeber“ für Skolkovo ist Petr Lukjanow von der Moskauer Beteiligungsfirma Phystech Ventures. Der junge Mann erläutert in perfektem Englisch, dass es bislang rund 70 vergleichbare Finanziers in Russland gebe und diese Form der Geldspritzen in aufstrebende Firmen mit Option für einen gewinnbringenden Ausstieg noch recht neu sei für das einstige marxistische Imperium. Er selbst sei bereits mehrere Male im Silicon Valley gewesen, da Phystech Ventures dort eine Niederlassung habe. Er könne daher aus eigener Erfahrung sagen, dass Skolkovo „ganz anders ist“.

„Im Valley ist alles marktgetrieben“, weiß Lukjanow. Im Moskauer Technopark stehe dagegen noch das Regierungsgeld mit großzügigen Fördermitteln im Mittelpunkt. Das Zentrum sei aber gut geeignet, um Forscher, Gründer und mögliche Kunden und Partner zusammenzubringen sowie junge Firmen wie in einem Brutkasten geschützt aufzuziehen. Das „größte Problem“ mit diesem Ansatz sieht der Vielflieger darin, dass sich häufig „kein echtes Unternehmertum“ entwickle. Eine entsprechende Motivationskultur könnten Venture-Capital-Firmen besser in Start-ups bringen als der Staat. Das beginne schon damit, dass „wir die richtigen Leute anstellen“.

Generell sieht der Beobachter russische Firmen bei der Digitalisierung fünf Jahre zurück hinter Wettbewerbern in den USA. Der Kreml habe mit einem Programm für die digitale Wirtschaft im Sommer zur Aufholjagd geblasen, manche Branchenvertreter entwickelten sich auch schon schneller als jenseits des Atlantiks. Eine entsprechende Ausnahme stelle etwa der Softwarebereich dar, da in Russland kein Mangel an Programmierern herrsche. Gut mithalten können die Russen laut Lukjanow auch bei Dienstleistungen rund um die verteilte Datenbanktechnik Blockchain: 50 % der Programmierergemeinde seien russisch angehaucht, schätzt er.

Phystech setze aber lieber auf den Energiesektor, wo die Schwerpunkte in Russland nach wie vor bei Öl und Gas lägen. Elektromobilität sei kein großes Thema, im Bereich „saubere Energien“ allenfalls der Wasserstoffantrieb. Seine Firma habe etwa in das Start-up AT Energy investiert, das Drohnen auf dieser Basis entwickle und auf Rotoren verzichten könne. Sonst gehe es bei vielen der Beteiligungen um Firmen, die den Lebenszyklus von Ölquellen verlängerten oder die Kontrolle der Förderstätten aus der Ferne erlaubten.

Die Schnittstelle zur Außenwelt behält mit Alexander Fertman der wissenschaftliche Leiter der Skolkovo-Stiftung im Blick. Der Alumnus der Helmholtz-Forschungsgemeinschaft hat nicht nur die Statur für gewichtige Entscheidungen, er gilt als geschickter Strippenzieher. Das Zentrum könne sich einiges vom Silicon Valley und anderen Hightechregionen abgucken, philosophiert der Physiker. Versuche, solche Erfolgsgeschichten zu kopieren, seien aber fehlgeschlagen.

Der Netzwerker baut darauf, dass Skolkovo seinen eigenen Weg gehen werde: „Wir müssen unseren Firmen hier helfen, einen Platz in der internationalen Landschaft zu finden, was Verbindungen zu großen russischen Konzernen nicht ausschließt.“ Gute Beziehungen auch zu deutschen Größen wie Evonik oder Siemens seien ein Anfang. Ein Traumpartner wäre für Fertman die industrienahe Fraunhofer-Gesellschaft. Hier hätten Skolkovo-Vertreter aber den Fehler gemacht, die Zentrale anzusprechen statt einzelne, stärker kooperationsbereite Institute. Die Gespräche liefen jedoch auf Ebene einzelner Unternehmen aus dem Netzwerk weiter. Locker lassen will der Clusterexperte nicht, um Skolkovo baldmöglichst international als Begriff für Innovationen im Hightechbereich zu etablieren.

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