Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Mittwoch, 20. Februar 2019

Brexit

Scheidung mit Hindernissen

Von Christoph Böckmann | 22. November 2018 | Ausgabe 47

Ein Austrittsabkommen ist erarbeitet, doch weiterhin droht das harte Ende.

6-Wirtschaft (2)
Foto: mauritius images/theodore liasi/Alamy

Spielverderber: Boris Johnson macht gegen das Brexit-Abkommen mobil.

Der Inhalt des Abkommens war Boris Johnson noch nicht bekannt, da verlautbarte der Brexit-Initiator und Politiker der Conservative Party schon vor den TV-Kameras, dass er auf jeden Fall dagegen stimmen würde. „Wir werden dazu verdammt sein, in der Zollunion zu bleiben und unter der Aufsicht von Brüssel zu stehen. Die Menschen stimmten nicht dafür, in einen Koloniestatus zu kommen“, schob er auf Twitter nach.

Dass sich die Unterhändler der EU und Großbritanniens auf den Entwurf eines Austrittsabkommens geeinigt haben, löste bei deutschen Wirtschaftsvertretern hingegen freudige Reaktionen aus: Es gäbe neue Hoffnung, dass der europäischen Wirtschaft ein chaotischer Brexit erspart bleibt, freut sich Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Mit Blick auf die politische Lage in Großbritannien sei es aber zu früh, um jetzt schon Entwarnung zu geben. „Unternehmen sollten weiter mit der Gefahr eines harten Brexits rechnen und überprüfen, wie beispielsweise Kunden und Zulieferer von möglichen Zollkontrollen betroffen wären“, so Brodtmann. Einige Unternehmen haben sich auf dieses Szenario bereits vorbereitet und neue Lager angemietet, um Lieferverzögerungen zu überbrücken. Andere legen ihre Werksferien auf die heiße Brexit-Phase, um nicht im laufenden Betrieb das Brexit-Chaos stemmen zu müssen.

Allerdings ist das eine Minderheit, wie eine Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) unter 1100 deutschen Unternehmen aus der Industrie zeigt: Von den Firmen, die ins Vereinigte Königreich exportieren, geben knapp 30 % an, keine Vorkehrungen für ein No-Deal-Szenario getroffen zu haben, weitere 44 % haben nur geringe Vorkehrungen getroffen. Dabei sind einige von ihnen auch indirekt über ihre Lieferkette betroffen.

Das Ergebnis ist besorgniserregend, warnt IW-Ökonom und Studienautor Jürgen Matthes: „Wer glaubt, immer weiter abwarten zu können, um einen Notfallplan zu erstellen, irrt sich.“ Denn es sind zahlreiche Detailfragen zu prüfen, die jedes Unternehmen spezifisch für sich klären muss. Dabei können Unternehmensberatungen helfen, doch diese werden um den Brexit herum kurzfristig nicht genug Kapazitäten haben.

Für einen geordneten Austritt muss das Abkommen ratifiziert werden. An diesem Sonntag will die EU das auf einem Sondergipfel tun – sofern bis dahin „nichts Außergewöhnliches passiert“, ergänzt EU-Ratspräsident Donald Tusk und schaut nach London. Bisher hält dort die britische Premierministerin Theresa May trotz mehrerer Rücktritte aus ihrem Kabinett am Austrittsabkommen fest. Für eine Mehrheit im Parlament hofft sie auf Unterstützung aus der Opposition. Jeder einzelne Abgeordnete werde entscheiden müssen, wie er abstimme, egal von welcher Partei er sei, sagte May in einem Interview des Radiosenders LBC.

Einen Strich durch die Rechnung könnte ihr außerdem ein Misstrauensvotum machen. Die nötigen 48 Stimmen hierfür waren zum Redaktionsschluss dieser Zeitung aber noch in weiter Ferne.