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Sonntag, 24. Februar 2019

Energie

„Sehr mutige“ Prognose

Von Katharina Otzen | 14. September 2017 | Ausgabe 37

Eine neue Studie macht optimistische Vorhersagen zum Energiewandel bis 2050. Doch etliche Experten zeigen sich skeptisch.

BU energy
Foto: imago/blickwinkel/H. Baesemann

Windenergie soll laut DNV GL ihren Anteil an der globalen Energieerzeugung bis 2050 verdoppeln, die Kosten um 16 % sinken.

Remi Eriksen, CEO und Präsident von DNV GL betont: „Unsere Vorhersage ist nicht nur ein Szenario wie viele andere, die derzeit massenweise daherkommen.” Denn die norwegische Gruppe sei als „unabhängiger Weltmarktführer” bei technischer Beratung und Risikomanagement sowohl der erneuerbaren Energien wie der Öl- und Gasindustrie in der „einzigartigen” Position, eine ausgewogene Prognose des Energiewandels zu geben. Diese Selbsteinschätzung der aus den beiden Klassifizierungsgesellschaften Den Norske Veritas (DNV) und Germanischer Lloyd (GL) entstandenen Gruppe erstaunte manche Teilnehmer der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion bei der Vorstellung der Prognose in London.

Die Kommentare gingen alle in eine ähnliche Richtung: „sehr mutig” bis „heroisch” sei die „globale und regionale” Vorhersage des Energiewandels bis 2050. Denn die fünf Kernpunkte der Prognose benennt DNV GL nicht als wahrscheinliche Annahmen, sondern präsentiert sie schlicht als Fakten:

1. Aufgrund der rapiden Elektrifizierung des weltweiten Energiesystems steigt die Energieeffizienz schneller als global die Wirtschaft wächst.

2. Der Anteil erneuerbarer Energien steigt so, dass sie 2050 fast die Hälfte des globalen Energiebedarfs decken und für eine Halbierung der energiebedingten CO2-Emissionen sorgen.

3. Die Gasausbeute erreicht 2035 ihren Gipfel, aber Erdgas bleibt bis zur Mitte des Jahrhunderts die größte Energiequelle.

4. Das Ölangebot flacht zwischen 2020 bis 2028 ab und fällt dann deutlich, sodass Gas 2034 die führende Rolle übernimmt.

5. Der Welt gelingt der Wechsel zu erneuerbaren Energien ohne dass die jährlichen Energiekosten steigen. Das bedeutet, dass die Energiesysteme der Zukunft einen geringeren Anteil am Bruttosozialprodukt in Anspruch nehmen werden.

Diese als Fakten präsentierte Annahmen, bemühte sich DNV GL mit anderen Vorhersagen zu untermauern: Zum Beispiel, dass bei Solar- und Windenergie die Kosten um 18 % respektive 16 % sinken und sich ihr Anteil verdoppeln soll. Podiumsteilnehmerin Pauline Walsh, Direktorin für Gasdurchleitung beim britischen Netzbetreiber National Grid, verwies dagegen auf eine neue, eigene Studie. Danach sind die wirklichen Kosten der Windenergie zumindest in Großbritannien bisher keineswegs offengelegt. Weder die für die Abschaltung wegen zu viel Wind gezahlten Prämien sind einbezogen (82 Mio. Pfund in 2016), noch die Kosten für die Zuschaltung von konventionellen Kraftwerken in Schwach-Wind-Zeiten. Auch setze die Prognose auf die gar nicht so schnell erreichbare Elektrifizierung des Verkehrs ohne die Möglichkeit zu berücksichtigen, Dieselkraftstoff durch Gas zu ersetzen.

Lord Ron Oxburgh, als emeritierter Professor und früherer Vorsitzender des Shell-Aufsichtsrats eine der namhaftesten Persönlichkeiten in der britischen Energiewissenschaft und lange Zeit auch Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften, hat schon früh den Klimawandel, CO2-Emissionen und erneuerbare Energien thematisiert. Ihm fehlten in dem DNV-GL-Papier ausdrücklich zwei wichtige Themen: die künftige Rolle der Kernenergie und der Kohle, vor allem mit der weiterentwickelten CCS-Technik (Carbon Capture & Storage). Kleinere Kernkraftwerke und Kernkraft als Antrieb für Schiffe sieht Lord Oxburgh als einen gangbaren Weg für eine Renaissance der Kernenergie, die in China ohnehin längst begonnen habe.

An die spektakulären Warnungen des Club of Rome vor der schnellen Erschöpfung der Ölvorräte erinnerte John Knight, beim norwegischen Ölkonzern Statoil für die globale Strategie verantwortlich. Er hält genaue Vorhersagen für gänzlich unmöglich. Auch die Prognose extrem hoher Gaspreise sei nicht eingetroffen. Der Schlüssel zu Fortschritten in der Energiegewinnung wie deren Nutzung bleibe die Innovation – und dazu gehöre auch fossile Energie, einschließlich Kohle mit CCS-Systemen.

Elisabeth Torstad, bei DNV GL für Öl und Gas verantwortlich, betonte zwar die in der Prognose prophezeite Entkoppelung von Energieverbrauch, Wirtschaftswachstum und Umweltverschmutzung, fand dafür aber wenig Interesse. Denn das Thema ist keineswegs neu: In Deutschland veröffentlichten Werner Müller, später Bundeswirtschaftsminister und Bernd Stoy, damals bei RWE, schon 1978 ihr Buch „Entkoppelung”. Doch trotz aller Warnungen hat sich laut Knight von 1990 bis heute die Effektivität der Energienutzung nur um weniger als 1 % verbessert.

Auf Dauer angelegt scheint die „mutige” DNV-GL-Vorhersage ohnehin nicht zu sein. Denn deren CEO Eriksen hat schon angekündigt, die jetzt vorgelegte Studie sei „die erste einer künftig jährlichen Serie”.