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Mittwoch, 20. Februar 2019

Informationstechnik

Softwarequalität muss zur Chefsache werden

Von Ptolomeo C. Ebstein | 27. September 2018 | Ausgabe 39

Mangelnde Qualität ihrer Software kann Unternehmen in ihrer Existenz gefährden, meint Manfred Broy, Geschäftsführer des Zentrums Digitalisierung.Bayern.

BU Broy
Foto: Fortiss

Manfred Broy: „Digitalisierung wird man ohne Software nicht hinbekommen.“

VDI nachrichten: Sie appellieren seit Langem an Manager und Geschäftsführer von Industrieunternehmen, sich verstärkt um das Thema Softwarequalität zu kümmern. Warum ist das so wichtig?

Manfred Broy: In den vergangenen Jahren haben wir gesehen, dass es eine ganz große Herausforderung für Unternehmen ist, den Code, also den Programmtext für Maschinen, so zu pflegen, dass er leicht änderbar ist, anpassbar und wartungsfreundlich ist. Verstärkt wird dies dadurch, dass heute oft Software entwickelt wird, bei der der Code von Anfang an nicht diesen Ansprüchen genügt. Das führt dazu, dass Unternehmen in vielerlei Hinsicht den Herausforderungen der Digitalisierung nicht gewachsen sind.

Manfred Broy

Wie wirkt sich das konkret aus?

Die Firmen sind nicht in der Lage, schnell genug zu reagieren und ihre Softwaresysteme zu ändern. Überhaupt haben sie keine genaue Vorstellung davon, welchen Qualitätsstand ihr Code hat – und welche Möglichkeit sie überhaupt haben, mit dem Code umzugehen. Das reicht bis zu dem Punkt Kosten. Wenn sie diesen Zusammenhang nicht begreifen, können sie die Softwarekosten nicht einschätzen und damit nicht vernünftig umgehen.

Was ist der Grund für diese Unkenntnis?

In vielen Unternehmen fehlt gerade auf Führungsebene teilweise das Bewusstsein dafür. Und teilweise ist auch die technische Kompetenz nicht vorhanden.

Von welchen Unternehmen sprechen wir?

Von Unternehmen, die von der Historie stärker von Disziplinen wie Maschinenbau oder Elektrotechnik geprägt sind. Die Geschwindigkeit, mit der sich der Umfang der Softwaresysteme entwickelt hat, ist von den Verantwortlichen nicht ernst genommen worden.

Wo sehen Sie die größten Anforderungen an Unternehmen in Zusammenhang mit der Digitalisierung?

Digitalisierung wird man ohne Software nicht hinbekommen. Und Software heißt eigentlich Code-Evolution. Es ist entscheidend, dass man Code hat, der den klassischen Qualitätsvorstellungen entspricht: dass er strukturiert und zuverlässig ist, dass er eine hohe Verfügbarkeitsgarantie hat. Besonders wichtig ist, dass wir in der Lage sind, diesen Code mit geringem Kostenaufwand anzupassen, weiterzuentwickeln und auch in eine bessere Qualität zu überführen.

Vielleicht liegt das Problem darin, dass wir Software nicht sehen können ...

Nicht nur das. Die Problematik liegt darin, dass Software dynamische Vorgänge beschreibt. Es ist diese große Diskrepanz zwischen den dynamischen Vorgängen und dem Werkzeug, das man benutzt, um diese dynamischen Vorgänge technisch hervorzurufen. Und damit sind wir wieder beim Programmcode. Es erfordert sehr viel Expertise, um das alles nachvollziehen zu können.

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Wenn Sie ein Automobil anschauen, dann können Sie die Dynamik des Autos nicht sofort erfassen. Wir können aus der Form des Automobils herauslesen, ob es eher sportlich oder komfortabel ist. Wenn man es aber ein paar Stunden gefahren hat, weiß man ungefähr, was es leisten kann. Und wenn es gut ausgelegt ist, dann erlebt der Fahrer auch keine Überraschungen damit.

Das ist bei Software in keiner Weise gegeben. Wir haben heute unglaublich komplexe Software. Einige Menschen arbeiten über Jahre mit Software, und trotzdem können sie nicht annähernd die gesamte Funktionalität der Software ausschöpfen. Und selbst wenn jemand große Erfahrung damit hat, kann er nicht wirklich einschätzen, wie gut die Software die Aufgabe wahrnimmt. Das hat damit zu tun, dass der Design Space, also der Raum, in dem wir Entscheidungen treffen können, wenn wir Software „bauen“, riesengroß ist. Es gibt kaum Beschränkungen, wie das bei materiellen Gütern der Fall ist, wo die Physik enge Grenzen setzt.

Sie haben nicht nur Fortiss, das Softwaretechnik-Institut des Freistaats Bayern, gegründet, sondern dort kürzlich ein bayerisches Center for Code Excellence initiiert. Was sind dessen Ziele?

Wir möchten die Industrie verstärkt dazu bringen, sich mit Code zu beschäftigen. Meine Vorstellung ist, dass dort eine lebendige Community entsteht und sich Manager und Softwareentwickler mit dem Thema auseinandersetzen. Sie sollen ein Forum erhalten, in dem sie sich austauschen können – auch mit Wissenschaftlern. Wenn sie erkennen, dass Code einer rationalen, vernünftigen Überlegung zugänglich ist, haben wir viel erreicht. Gleichzeitig sollen die Firmen auch wissenschaftliche Erkenntnisse erhalten, also die neuesten Trends und Methoden, um ihre Softwarequalität zu verbessern. Und es kommt noch etwas Wichtiges hinzu: Unsere Wissenschaftler bekommen auf diese Art und Weise ein genaues Verständnis davon, wo der Schuh in der Praxis drückt.

Warum hat Software einen so großen Stellenwert für Bayern?

Bayern hängt an vielen Stellen von einer Industrie ab, die in den letzten Jahrzehnten unter großem Druck mit hoher Geschwindigkeit immer stärker in Softwaresysteme hineingegangen ist, vor allem die Automobil-, Luft- und Raumfahrtindustrie. Das gilt natürlich auch für das Thema Produktion. Ein wunderbares Stichwort ist Industrie 4.0. Der Code bestimmt, wie das System abläuft. Wir vom Zentrum Digitalisierung.Bayern sind mit vielen Themen unterwegs und staunen selber immer wieder, in wie vielen Domänen Code und Software eine entscheidende Rolle spielen.

Das gilt doch aber für das Industrieland Deutschland generell.

Natürlich sind diese Themen nicht auf Bayern beschränkt. Meine Hoffnung wäre, dass dieses Center for Code Excellence deutschlandweit und auch international einen Austausch ermöglicht. Zunächst gilt es aber, das Bewusstsein für das Thema zu wecken.

Und wenn das nicht funktioniert?

Für die Manager, die inhaltlich eine gewisse Distanz dazu haben, sind Kosten wahrscheinlich das einzige Argument, das sticht. Ich behaupte, die wirklichen Kosten für die Unternehmen liegen nicht nur bei den Entwicklungskosten, sondern vor allem bei den operativen Kosten. Also beim Einsatz von Software. Wenn die Software nicht den Anforderungen entspricht, kann das dazu führen, dass Unternehmen unter Umständen Marktanteile verlieren, weil sie mit ihren Geschäftsprozessen nicht schnell genug reagieren können. Das hat mit Software-Governance zu tun. Die muss zur Chefsache werden.

Ein Thema, dem sich die Unternehmen stellen müssten?

Nicht müssten, sondern müssen. Wenn sie das Thema Softwarequalität nicht in den Griff bekommen, dann geht es an die Existenz.

Keine leichte Aufgabe.

Klar ist das eine schwierige Aufgabe, weil wir eben in der Bundesrepublik Deutschland in der Situation sind, dass wir eine glorreiche Vergangenheit im Maschinenbau und in der Elektrotechnik haben. Das führt zwangsläufig dazu, dass man sich schwerer tut bei so starken Veränderungen, wie sie die Digitalisierung hervorruft.