Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Donnerstag, 21. Februar 2019

Mobilität

Städte im Dauerstau – es fehlt an umfassenden Konzepten

Von Simone Fasse | 25. Oktober 2018 | Ausgabe 43

Eine Gesprächsrunde in München empfahl, bestehende Infrastruktur intelligenter zu nutzen. Denn autonome Fahrzeuge könnten noch mehr Verkehr in die Städte bringen, warnen Experten.

Bildartikel zu 100 pro imago life-2.57927070-HighRes.jpg
Foto: Imago/MiS

Dauerstau: Nicht nur an Baustellen klemmt es in deutschen Städten im täglichen Straßenverkehr häufig.

München steuert dem Verkehrskollaps entgegen. Immer mehr Menschen zieht es in die bayerische Metropole mit dem attraktiven Arbeitsumfeld, so wird bis 2035 ein Bevölkerungswachstum um fast 20 % erwartet. Doch die Infrastruktur hält diesen Entwicklungen nicht stand. „Speziell in München wird zu viel geredet und zu wenig getan“, kritisiert Florian Matthes. Der Professor an der TU München forschte unter anderem im Projekt „Living Lab Connected Mobility“. Es sollte vor allem die Vernetzung von Mobilitäts- und Serviceanbietern, Entwicklern und Nutzern auf persönlicher, organisatorischer und technischer Ebene erreichen. Ziel war, ein funktionierendes Ökosystem zu etablieren.

Matthes schaut nach den Erfahrungen im Projekt ernüchtert auf die Zusammenarbeit der kommunalen Akteure wie Politik, ÖPNV und Automobilhersteller. „Es findet kein Dialog statt und der Fokus liege immer auf den eigenen Systemen“, erklärte der Mobilitätsforscher anlässlich einer Gesprächsrunde in der vergangenen Woche in München, veranstaltet vom Marktforschungsunternehmen Gartner.

„Im Moment wird vor allem auf die neuesten Technologien wie autonomes Fahren geschaut – auf das, was noch nicht geht. Dabei wäre es viel einfacher, die bestehende Infrastruktur besser zu nutzen, beispielsweise für ein intelligentes Parkraummanagement“, führte Matthes aus. Carsten Isert, Analyst bei Gartner für den Bereich Smart Mobility und die technologischen Umbrüche in der Automobilindustrie, skizzierte in diesem Zusammenhang den sogenannten Hypecycle. Mit diesem beschreibt Gartner typischerweise die Akzeptanz von Technologien. Gerade die Mobilitätstechnologien durchlaufen hier derzeit das Tal der Desillusionierung – es sei in vielen Segmenten extrem schwierig, zu einem stabilen, produktiven Einsatz zu kommen.

Zwar sammelt die Automobilbranche laut Isert weltweit „Unmengen an Daten“, doch die Hersteller hätten es bislang nicht geschafft, diese Informationen zu Geld zu machen. Der Marktforscher erwartet, dass die Zahl der vernetzten Fahrzeuge weltweit von derzeit rund 125 Mio. bis 2020 auf 250 Mio. wächst. So steige der Druck, daraus erfolgreiche Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Dies sei grundsätzlich möglich, darin waren sich die Experten einig. Doch dafür sei auch ein Zusammenspiel als Partner samt Offenlegung eigener Daten nötig – so, wie es US-Anbieter wie Google oder Uber vormachen. „Wenn wir den Datenaustausch hier nicht hinbekommen, dann nutzen andere die Daten, die sie haben“, warnte TU-Forscher Matthes.

Alina Steindl vom Projektzentrum für Verkehr, Mobilität und Umwelt des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) appellierte ebenfalls, dass die großen US-Player nicht die Konzepte hierzulande gestalten sollten. Allerdings, so bestätigte auch Steindl, fehlten übergreifende Mobilitätskonzepte – und das nicht nur in München, sondern in fast allen deutschen Ballungsräumen. Hamburg verfolge dabei die klarste Vision und entwickle sich konsequent weiter.

Im Hinblick auf die zahlreichen Herausforderungen, die das autonome Fahren mit sich bringen dürfte, sei das auch dringend notwendig. Beispielsweise werden autonome Fahrzeuge den Individualverkehr deutlich attraktiver machen, da sich die Autos von reinen Transportmitteln wahlweise in ein Wohnzimmer oder sogar in ein Café verwandeln können. Durch diesen Komfortzuwachs werden sie zu einer großen Konkurrenz für den öffentlichen Nahverkehr und dürften die Metropolen zusätzlich verstopfen – selbst wenn sie permanent in Bewegung und so intelligent vernetzt sind, dass sie weitere Fahrgäste aufnehmen können und keinen Parkplatz benötigen. Zwar sei zu erwarten, dass autonom fahrende Autos zunächst eher ein Vergnügen für wohlhabende Städter sein werden, meinte Isert. Doch sei es wahrscheinlich, dass große Robotaxi-Flotten entstehen, die zu bezahlbaren Preisen genutzt werden können.

Die Entwicklung autonomer Fahrzeuge sei jedoch noch ein Hype, betonte Matthes, hier werde es Schritt für Schritt vorangehen. Es gehe jetzt darum, endlich die richtigen Weichen für eine zukunftsfähige Mobilität in deutschen Großstädten wie München zu stellen. „Wenn die Politik nicht die entsprechenden Regeln aufstellt, werden die Städte immer voller“, warnte auch Marktforscher Isert. Zwar sei es nicht die Sache der Politik, eine übergreifende Datenplattform zu betreiben. Die Politik müsse aber die entsprechenden Rahmenbedingungen vorgeben und deutlich zeigen, welche Art von Städten künftig gewollt ist. Es liege jetzt an den Kommunen, eine klare Richtung vorzugeben und für die Einwohner gute Erlebnisse zu schaffen, ergänzte Steindl.