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Samstag, 16. Februar 2019

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Strategien gegen Fake News

Von Christiane Schulzki-Haddouti | 15. November 2018 | Ausgabe 46

Desinformationen setzen auf Emotionen und schnelle Verbreitung. Faktencheck als Gegenstrategie wirkt deshalb nur mittelbar, stellt eine Studie fest.

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Foto: PantherMedia/georgejmclittle

Falschmeldung: In sozialen Medien verbreiten sich Fehlinformationen sehr schnell und sind nur schwer zu korrigieren.

Für US-Präsident Donald Trump ist „Fake News!“ längst zum Kampfruf gegen ungeliebte Nachrichten geworden. Seit seinem Amtsantritt im Januar 2017 verbrachten US-Journalisten viel Zeit damit, verschiedene Aussagen von ihm zu überprüfen und öffentlich zu korrigieren. So viel Zeit sogar, dass andere Journalisten kritisierten, dass damit viel Zeit und Platz für eigentlich wichtigere, dringendere Themen verloren ginge. Der Fake-News-Vorwurf des Präsidenten sei daher eher eine Strategie, um die Journalisten abzulenken.

Erst vor wenigen Tagen war wieder zu beobachten, wie die Aufmerksamkeit der Journalisten und Zuschauer mit dieser Strategie erfolgreich gestört werden kann: Unmittelbar nach den Kongresswahlen feuerte Trump seinen Justizminister. Nach der Pressekonferenz im Weißen Haus beschuldigte dann Trumps Pressesprecherin einen CNN-Reporter, eine Praktikantin berührt zu haben.

Dabei hatte dieser, so die andere Position, lediglich versucht, sich nicht von der Praktikantin während einer Fragerunde mit Trump das Mikrofon aus der Hand nehmen zu lassen. Eine spätere Analyse des vom Weißen Haus veröffentlichten Videos dieses Vorfalls zeigte, dass die Abwehrbewegung des Reporters beschleunigt wurde, um sie aggressiv wirken zu lassen.

Die EU-Kommission lobt das „Fact-Checking“ als Mittel gegen Desinformation und Propaganda. Und viele Verlage und Medienhäuser in Deutschland beschäftigen Fact-Checker, die Falschmeldungen aufspüren und gegenrecherchieren. Lügen oder auch Fehldeutungen kommen ganz schnell in die Welt, oftmals binnen Sekunden mit einem kurzen Tweet. Diese zu korrigieren, ist viel aufwendiger.

Die zentrale Frage ist, was der Faktencheck als Strategie gegen Desinformation bewirken kann. Kann die Gesellschaft damit wirklich besser informiert werden? Eine aktuelle Veröffentlichung der Stiftung Neue Verantwortung untersucht die Grenzen und Chancen von systematischen Faktenüberprüfungen. Der Kommunikationswissenschaftler Alexander Sängerlaub kommt zu dem Schluss, dass die Arbeit oft mühevoll, aber nur begrenzt wirksam ist: „Es behandelt nur die Symptome von Desinformation, nicht jedoch die Gründe, wegen derer Desinformation überhaupt gestreut wird.“

Die eingeschränkte Wirkung des Fact-Checkings lässt sich auf mehrere Faktoren zurückführen: Zum einen erfolgt es in der Regel als Reaktion auf eine veröffentlichte Desinformation. Deshalb erreicht es meist weniger Menschen als die ursprüngliche Falschmeldung. Außerdem lösen falsche Meldungen meist gezielt hohe Emotionen bei den Lesern aus, weshalb sie schnell in großer Zahl in sozialen Netzwerken geteilt werden.

Wahlkämpfer setzen inzwischen genau auf diese Umstände: Im eben zu Ende gegangenen Wahlkampf um die brasilianische Präsidentschaft konnte Wahlsieger Jair Bolsonaro in mehreren Wahlkreisen erst in den letzten 48 Stunden die Wählerzustimmung deutlich steigern. Der Schweizer Historiker Antoine Acker berichtete im Onlinemagazin „Geschichte der Gegenwart“, dass im Bundesstaat Rio de Janeiro der Stimmenanteil von Bolsonaros engem Verbündeten und Gouverneurskandidaten Wilson Witzel innerhalb von 24 Stunden von 14 % auf 41 % gesteigert werden konnte. Eine zentral geplante millionenschwere Propagandakampagne hatte über die sozialen Netzwerke und Whatsapp Kandidaten der Gegenpartei diffamiert.

Für Acker steht fest: Die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der sich Lügen digital verbreiten ließen, sei so effektiv, dass es dafür keine speziellen Organisationsstrukturen mehr brauche. Manchmal dauert es 24 bis 72 Stunden, bis eine Falschmeldung wieder zurückgenommen werden kann.

Vor allem politische Fake News sind wirkungsvoll, weil Menschen jenen Nachrichten misstrauen, die nicht ihrem Weltbild entsprechen. Insbesondere Menschen, die gegenüber Politik und Medien negativ eingestellt sind, ziehen sich in stark abgegrenzte Echokammern zurück. Sie hinterfragen Informationen kaum, die zu ihrem eigenen Weltbild passen. Fact-Checking als Mittel gegen Desinformation reicht daher nicht aus.

Es ist aber auch nicht gänzlich umsonst: So informiert es Journalisten, Bürger und Politiker über laufende Desinformationskampagnen – und dient damit, so Alexander Sängerlaub, als „Rauchmelder gegen Fake-News-Brände“. Wenn die Journalisten berichten, wie sie Falschmeldungen aufgedeckt haben, erhöhen sie damit auch die Medienkompetenz ihrer Leser. Diese werden nämlich nicht nur aufgeklärt, sondern erfahren auch, wie sie selbst solche Nachrichten überprüfen könnten.

Sängerlaub empfiehlt deshalb, die Fact-Checking-Prozesse effizienter zu gestalten und die verschiedenen Fact-Checker besser miteinander zu vernetzen. Derzeit betreiben nämlich die Redaktionen ihre Arbeit unabhängig voneinander mit oft knappen personellen Ressourcen. Nach dem Vorbild des Recherchekollektivs aus NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung ließe sich das noch besser bündeln. Größere Verbünde könnten außerdem bessere Schulungen und Weiterbildungen anbieten.

Schon jetzt gibt es technische Werkzeuge, mit denen Bilder gesucht und Manipulationen von Videos erkannt werden können. Sängerlaub schlägt daher die Errichtung einer gemeinsamen Datenbank für die hilfreichsten Tools vor, die alle Redaktionen beim Fact-Checking unterstützen können. Die Lizenzierung dieser Software-Werkzeuge unter Open-Source-Bedingungen könnte die Weiterentwicklung fördern. Ein transparenter Umgang mit eigenen Fehlern bzw. deren Korrektur seitens der Medien könnte darüber hinaus das Vertrauen der Leser in die Redaktionen stärken.