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Mittwoch, 17. Januar 2018

Windenergie

Stürmische Zeiten

Von Ralf Köpke | 21. September 2017 | Ausgabe 38

Alle zwei Jahre ist Husum für eine Woche das Zuhause der Windbranche. Doch kuschelig war es in diesem Jahr nicht – im Gegenteil. Die Industrie kämpft mit der Politik.

BU Husum
Foto: dpa picture Alliance/Rolf Poetsch/chromorange

Eine neue Generation von Windkraftanlagen steht bereits in den Startlöchern: Onshore-Modelle bringen demnächst 4 MW Generatorleistung und mehr und einen Rotordurchmesser von etwa 150 m.

So manch ein Besucher der diesjährigen Messe „Husum Wind“ sprach von einem Menetekel: Das heftige Sturmtief Sebastian drohte letzte Woche die auf dem Gelände aufgebauten Leichtbauzelte umzublasen. Die Organisatoren sahen sich gezwungen, die Messe am zweiten Tag vorzeitig abzubrechen – erstmals in der 28-jährigen Geschichte des Branchentreffs.

Die Windbranche hierzulande droht ähnlich durchgewirbelt zu werden: „Gemessen an der für dieses Jahr erwarteten Aufbauleistung von annähernd 5000 MW an Land, steuern wir 2019 auf ein Minus von 60 % zu“, schwant Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE).

Die sich abzeichnende Baisse hat die Politik verursacht. Um die Kosten für den Windstrom zu senken und gleichzeitig die Errichtung weiterer Windenergieanlagen mit dem Netzausbau zu synchronisieren, deckelte der Bundestag bei der letztjährigen Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes den Zubau auf jährlich 2800 MW brutto für die nächste Zeit.

Mit dem gleichzeitig beschlossenen Wechsel für die Förderung von den garantierten Einspeisepreisen zu einem Ausschreibungsmodell legten sich die Regierungsfraktionen auf erleichterte Zugangsbedingungen für sogenannte Bürgerenergiegesellschaften bei den Auktionen fest.

Dass diese Gruppierungen bei den ersten beiden Ausschreibungsrunden jeweils weit über 90 % der Zuschläge erhalten haben, wäre eigentlich kein Problem: Nur für den Bau ihrer Windparks können sich diese Initiativen bis zu 54 Monate Zeit lassen. Zu viel Zeit für die Windindustrie, die ab Mitte 2018 bei dem ohnehin reduzierten Ausbau nicht weiß, wie sie ihre Produktionskapazitäten auslasten soll. Erste Unternehmen haben darauf bereits reagiert. Der Windturbinenhersteller Nordex hat die Streichung von bis zu 500 Stellen angekündigt. Die Firmengruppe Max Bögl, größter Anbieter von Windkrafttürmen hierzulande, schickt 200 Beschäftigte in Kurzarbeit.

„Die Situation in der Windindustrie spitzt sich zu, schneller und deutlicher, als wir es befürchtet haben“, zeigte sich Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste, besorgt. In Husum präsentierte er die Ergebnisse einer Umfrage unter Betriebsräten der Windbranche, wonach mehr als 40 % der Arbeitnehmervertreter von einer negativen Marktentwicklung ausgehen. Geiken erinnerte daran, dass bei der gleichen Umfrage im Vorjahr weder von Entlassungen noch von Standortschließungen die Rede gewesen war.

Nicht nur die produzierenden Unternehmen treffen Rückgänge an Aufträgen und Umsatz, sondern auch die Projektentwickler. „Ich muss kurzfristig 16 meiner 20 Leute entlassen“, erklärte Ingo Struckmann, Geschäftsführer der Wind Works Development GmbH aus Mülheim an der Ruhr. Die Ursache ist für ihn offensichtlich: „Wir haben ein fehlerhaftes Ausschreibungsmodell, in dem heute genehmigte Windparkprojekte keinen Zuschlag mehr erhalten können, da sie mit noch nicht genehmigten Projekten der bereits nächsten, weitaus günstigeren Windkraftanlagengeneration konkurrieren müssen.“

Dass diese neue Generation in den Startlöchern steht, zeigte die Husumer Windmesse: Jeder Windturbinenhersteller präsentierte mindestens ein neues Onshore-Modell mit annähernd 4 MW Generatorleistung und mehr und einem Rotordurchmesser von etwa 150 m. Den Vogel schießt dabei GE Wind Energy ab, deren neue Anlage eine Nennleistung von 4,8 MW und einen Rotordurchmesser von 158 m haben wird. Ende 2019 will GE den Prototypen seiner bislang größten Onshore-Windturbine in Deutschland am Netz haben, was auch den Planungen der bei den Auktionen erfolgreichen Bürgerenergiegesellschaften entgegenkommt.

Wesentlich früher will die Windbranche Klarheit haben, wie es mit dem Windkraftausbau hierzulande weitergeht. Bis eine neue Bundesregierung nach dem 24. September steht und eine erneute EEG-Reform verabschiedet, könnte der Windbranche eine monatelange Hängepartie bevorstehen. Erfahrungen mit der neuen schwarz-gelben Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, die einen Anti-Windkraftkurs verfolgt, stimmen Industrievertreter da nicht optimistischer.

Windexperten wie BWE-Präsident Albers setzen darauf, dass Angela Merkel wieder einen Fokus auf den Klimaschutz legt: „Im Moment ist die Bundeskanzlerin mit ihrer Klimapolitik nicht glaubwürdig. Ich weiß aber, dass sie im Herzen das Ziel hat, den Klimaschutz wirklich umzusetzen.“ Bei der nach der Bundestagswahl anstehenden Diskussion um neue Regeln für die Ausschreibungsrunde und die regionale Verteilung neuer Windparks hält Reiner Priggen, Vorsitzender des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW, noch eine andere, grundsätzlichere Debatte für unverzichtbar: „Der aktuelle Gebotspreis von unter 4,3 Cent/kWh zeigt, dass die Windenergie ein Preisniveau erreicht hat, das eine weitere Begrenzung des Ausbaus nicht rechtfertigt.“ Er weiß: „Wir brauchen jetzt mehr erneuerbare Energien, um den Herausforderungen von morgen wie der E-Mobilität zu begegnen!“

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