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Samstag, 20. Januar 2018

TV

TV-Sender unter Konkurrenzdruck

Von Wilfried Urbe | 9. November 2017 | Ausgabe 45

Internetdienste wie Netflix und Telekommunikationskonzerne produzieren vermehrt eigene Serien.

Telco BU
Foto: Deutsche Telekom AG

Fernsehen bietet die Deutsche Telekom schon lange über ihre Netze an. Jetzt will das Unternehmen auch eigene Inhalte produzieren.

Klassische TV-Sender geraten zunehmend unter Druck. Player wie Netflix oder Amazon zeigen immer mehr eigene attraktive Inhalte und entziehen ARD, ZDF, RTL, SAT.1 & Co. Publikum. Auch auf der weltgrößten TV-Messe der Welt, der Mipcom in Cannes, waren sie so präsent wie nie. Über 500 Einkäufer solcher Internetplattformen waren Mitte Oktober an der Cote D‘Azur unterwegs. Und sie kaufen nicht nur ein, sie suchen auch Partner, um selbst zu produzieren.

Auch die Deutsche Telekom war in Südfrankreich vertreten. Bereits in den letzten Monaten zeichnete sich ab, dass die Bonner ebenfalls in das lukrative Geschäft mit Bewegtbildinhalten einsteigen möchten. Gerade haben sie ein eigenes Serienangebot für die Kunden ihrer Plattform „Entertain“ gestartet. „Die nächsten logischen Schritte sind für uns auch Eigenproduktionen oder Koproduktionen“, bestätigte Telekom-Sprecher Malte Reinhard. Im Frühjahr 2018 beginnen die Dreharbeiten zur deutsch-französischen Serie „Germanized“ mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle. Koproduzent: die Deutsche Telekom.

Insgesamt will der Konzern einen dreistelligen Millioneneurobetrag für die Produktion eigener Bewegtbildinhalte investieren. Damit liegt der Bonner Riese im Trend. Denn weltweit sind Telekommunikationsunternehmen auf Einkaufstour, um sich im Film- und TV-Geschäft zu etablieren. Erst Ende letzten Jahres übernahm die US-Gesellschaft AT & T für 78 Mrd. € einen der größten Medienkonzerne der Welt: Time Warner. Der Internet- und Kabelbetreiber Comcast hatte bereits zuvor NBC Universal gekauft. Und im Frühjahr konnte die British Telecom den englischen Sender Sky beim Wettbewerb um die Übertragung der Champions League erneut überbieten.

Geld dafür ist bei den Telekommunikationsunternehmen mehr als ausreichend vorhanden. Allein die Telekom verzeichnet für das Jahr 2016 einen Umsatz von 73 Mrd. €. Zum Vergleich: Alle Privatsender in Deutschland zusammengenommen, bringen es auf Einnahmen von etwas über 4 Mrd. €.

Sollten die Telekommunikationsanbieter tatsächlich stärker als Inhalteanbieter auftreten, wären sie für das klassische Fernsehen eine weitaus größere Bedrohung als Netflix, Amazon & Co. Denn sie sind nicht nur wirtschaftliche Giganten mit gut gefüllten Kassen, sondern sie verfügen über direkte Beziehungen zu ihren einzelnen Kunden, können deren Konsumgewohnheiten besser erkennen als etwa RTL, wo Redakteure mittlerweile in ausgewählten Haushalten für eine Weile zu Gast sein müssen, um die „Zielgruppe“ kennenzulernen.

Das klassische Fernsehsendermodell mit fest gefügter Programmstruktur, das zurzeit sowieso schon wackelt, könnte durch weitere Wettbewerber vollends zum Auslaufmodell werden. In der Branche wird bereits darüber spekuliert, ob nicht große Telekommunikationskonzerne mittelfristig Sender übernehmen werden.

Für die Film- und Fernsehproduzenten dagegen ist die Situation ideal. „Wer überleben wird, ist nicht abzusehen, darüber wird die Attraktivität der Inhalte entscheiden“, mutmaßte etwa der Geschäftsführer der Kölner MMC-Studios, Philip Borbély, „aber die neuen Player, die eigentlich andere Geschäftsfelder haben, kommen immer mehr ins Spiel und verstärken den enormen wirtschaftlichen Erfolg anspruchsvoller Serien.“

Zurzeit, so brancheninterne Schätzungen, werden weltweit pro Jahr bis zu 1000 Serien neu hergestellt. Das Budget dafür soll bis zu 30 Mrd. € betragen. Das war auch auf der Mipcom zu sehen. Vor allem eine deutsche Serie, die dort dem internationalen Publikum vorgestellt wurde, erregte Aufsehen: „Babylon Berlin“. Bereits im Vorfeld zur Messe kauften Sender und Videoportale aus über 60 Ländern die Reihe. „‚Babylon Berlin‘ wird als Meilenstein in die deutsche Fernsehgeschichte eingehen“, so die Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW Petra Müller zur dpa. Sie und andere öffentliche Einrichtungen haben die Produktion gefördert.

„Programmmarken sind das, was zählt“, resümierte schließlich Warner-Bros.-TV-Deutschland-Chef René Jamm. Für ihn sind es gute Zeiten, denn sein Produktionsunternehmen („Friesland“, „Der Bachelor“ „Wilsberg“, „Marie Brand“ u. a.) ist inzwischen sowohl für klassische TV-Sender als auch für Internetportale ein gefragter Ansprechpartner.

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