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Mittwoch, 17. Januar 2018

Luftfahrt

Technikpersonal auf Jobsuche

Von Wolfgang Heumer | 24. August 2017 | Ausgabe 34

Die Insolvenz von Air Berlin ist der Beginn eines Konsolidierungsprozesses.

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Foto: imago/Rüdiger Wölk

Am Boden: Vom wirtschaftlichen Sturzflug der Fluggesellschaft Air Berlin ist auch das technische Personal betroffen, das für die Wartung und Instandsetzung der Maschinen verantwortlich ist.

Nach der Air-Berlin-Insolvenz stehen auch mehrere Hundert Arbeitsplätze aus dem technischen Bereich der Fluggesellschaft auf dem Spiel. Denn Insider rechnen nicht damit, dass das Tochterunternehmen Air Berlin Technik GmbH von einem der Interessenten für den Flugbetrieb weitergeführt wird. Das auf die Flugzeugwartung spezialisierte Unternehmen hat an den Standorten Berlin, Düsseldorf und München aktuell noch etwa 800 Beschäftigte.

Bereits im Oktober 2016 hatte die strauchelnde Fluggesellschaft die Schließung der Standorte Frankfurt, Hamburg, Nürnberg und Stuttgart und damit den Abbau von 500 der damals noch 1300 Stellen angekündigt. Branchenkenner geben den betroffenen Beschäftigten allerdings gute Chancen auf neue Jobs. Die gut ausgebildeten Ingenieure und Techniker aus der Luftfahrt sind in anderen Branchen sehr begehrt, wie zum Beispiel in der Automobilindustrie.

Bereits in der Vergangenheit ist es in den Technikgesellschaften der Fluglinien zu Verschiebungen zwischen Standorten und Geschäftszweigen gekommen. Hintergrund dafür ist ein grundlegender Wandel in der Wartung und Überholung von Verkehrsflugzeugen. Weltmarktführer Lufthansa Technik (LHT) hat gerade in der Luftwerft Hamburg das letzte Dock für die Überholung geschlossen. Diese – zum Teil mehrmonatige – Überprüfung und Instandsetzung wird nach Angaben eines Sprechers künftig nur noch an LHT-Standorten im Ausland vorgenommen, da die Arbeitskosten in Deutschland nicht mehr konkurrenzfähig seien. Rund 700 Beschäftigte waren betroffen; dennoch gab es keine Kündigungen.

Einen deutlichen Wandel hat in der jüngsten Vergangenheit auch die Flugzeugwartung, also kurzfristige Arbeiten zur Sicherstellung des Flugbetriebes, erfahren. Größere Arbeiten, die nicht von den Wartungsteams auf den einzelnen Flughäfen vorgenommen werden können, lässt LHT jetzt schwerpunktmäßig in eigenen Betrieben in Sofia und Budapest, auf Malta und auf dem irischen Flughafen Shannon vornehmen.

Unterdessen mehren sich die Stimmen, die die Insolvenz von Air Berlin nicht nur als das Problem eines einzelnen Unternehmens bezeichnen. „Wir haben in Europa einen starken Wettbewerb wie in kaum einer anderen Region der Welt“, sagt Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). Während es in Nordamerika 172 Gruppen von Fluggesellschaften gibt, sind es in Asien 207 – in Europa aber 237. Der Marktanteil der Low-Cost-Carrier liegt in Europa bei 41 %, in Nordamerika lediglich bei 31 % Prozent und in Asien bei 20 %.

In Europa scheinen es die deutschen Gesellschaften besonders schwer zu haben – nicht nur wegen nationaler Belastungen beispielsweise durch die Luftverkehrsteuer des Bundes. Gemessen an „verkauften Sitzkilometern“ im ersten Halbjahr 2017 wuchs der Luftverkehr laut BDL weltweit im Schnitt um 7,9 % und in Asien sogar um 10,6 %, in Deutschland aber nur um 6,1 %. Auch im Hinblick auf die Flughäfen expandiert der deutsche Markt weniger stark als der Gesamtmarkt, denn während die deutschen Flughäfen lediglich 6,4 % mehr Passagiere zählten, hoben in den Niederlanden 10 % mehr Fluggäste ab.

Und auch der Marktanteil deutscher Gesellschaften bei Flügen von, nach und innerhalb Deutschlands ging zwischen 2011 und 2017 um sechs Prozentpunkte auf 56 % zurück. Ihre operative Marge blieb dem Verband zufolge mit 4,9 % deutlich hinter dem weltweiten Schnitt von 8,8 % zurück. Am meisten finanziellen Spielraum haben nordamerikanische Gesellschaften mit einer Umsatzmarge von 13,2 %.

Der Trend zum billigen Fliegen zeigt sich im Mehrjahresvergleich der Flüge von und nach Deutschland. Ryanair, Easy Jet, Eurowings und Co. verzeichneten seit 2011 ein Plus von 120 %; ausländische Liniengesellschaften wie Air France, British Airlines und KLM wuchsen noch um 8 %; Lufthansa und Air Berlin schrumpften dagegen um 23 %. Dass die Air-Berlin-Flotte jetzt auf mehrere Gesellschaften verteilt werden soll, ist für von Randow deshalb Teil eines „nachvollziehbaren Konsolidierungsprozesses, der in Nordamerika schon sehr viel weiter ist“. rmw

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