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Samstag, 23. Februar 2019

Städtebau

Trügerische Sicherheit

Von Fabian Kurmann | 13. September 2018 | Ausgabe 37

Poller & Co. sollen Terrorangriffe verhindern, doch nicht immer bieten sie mehr Schutz.

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Foto: imago/Horst Rudel

Poller in den Städten vermitteln das Gefühl von mehr Sicherheit. Doch nur, wenn das Gesamtkonzept stimmt, können einzelne Maßnahmen schützen. Andernfalls droht mehr Gefahr.

Seit dem 11. September 2001 haben sich die Waffen der Terroristen stark geändert. Statt Passagierjets reicht den Attentätern heute ein Lkw, wie in Nizza, Berlin und Barcelona. „In Deutschland ist das Thema der urbanen Sicherheit durch die Anschläge am Berliner Breitscheidplatz und in Münster groß geworden“, sagt Norbert Gebbeken, Professor für Baustatik an der Universität der Bundeswehr München. Seitdem sprießen in zahlreichen Kommunen Barrieren aus dem Boden.

Ingrid Hermannsdörfer, Architektin bei der Polizei Berlin, berät die Stadt bei zahlreichen Planungen. Zum Schutz vor sogenannten Überfahrttaten werde vor allem zu Pollern und temporären oder mobilen Sperren geraten, sagt sie. Alternativ sind auch schwere Betonblöcke möglich, oder sogar fest verankerte Hindernisse.

Als Faustregel gilt aber: Je größer der Schutz, umso stärker die Einschränkung für die alltägliche Nutzung. „Man kann eine Stadt nicht mit der gleichen baulichen Sicherheit ausrüsten wie eine Botschaft“, sagt Gebbeken. „Die Gefahr wäre, dass wir unsere Städte verpollern und zubetonieren.“

Kommunen stehen unter Druck, denn nach den Attacken in Deutschland ist das Thema der urbanen Sicherheit hoch aufgehängt – es steht sogar im Koalitionsvertrag. Die Bevölkerung erwartet, dass große Plätze und Veranstaltungen wie das Oktoberfest und Weihnachtsmärkte gegen Anschläge gesichert werden.

Dieser Druck beinhaltet jedoch auch die Gefahr, in Aktionismus zu verfallen. Erfahrungsgemäß versuchen Kommunen laut Gebbeken, möglichst kostengünstige Maßnahmen umzusetzen. Nicht immer sei dabei Wirksamkeit die höchste Priorität. „Wenn es sehr teuer wird, ist die tatsächliche Sicherheit für die Kommunen oft plötzlich kein Thema mehr“, sagt der Professor.

Entscheidend bei der Abwehr von Terroranschlägen mit Fahrzeugen ist es aber, dass das Gesamtkonzept der Maßnahmen gut durchdacht und abgestimmt ist. „Nur irgendwelche Gegenstände hinzustellen, hilft allein nicht“, sagt Gebbeken. Man müsse im Umfeld gleichzeitig dafür sorgen, dass Fahrzeuge nur noch mit weniger als 30 km/h fahren könnten. Bei hohen Aufprallgeschwindigkeiten werden die Poller sonst selbst zum Geschoss. „Deshalb sollte man vorher Ingenieure fragen“, so der Bauingenieur.

Als Alternative zum Schnellschuss könnten Kommunen die urbane Sicherheit auch stadplanerisch anpacken, doch bisher gibt es dazu weder Normen noch Zertifizierungen oder gar Planungsbeispiele. „Die Kommunen sind damit überfordert“, sagt der Professor. Um den Terrorschutz kümmere sich deshalb im Wesentlichen noch die Polizei. „Und die setzt in der Regel nur auf Sicherheit, nicht auf Schönheit.“

Eine Art Kompromiss sind sogenannte intelligente Stadtmöbel. Es ist baulicher Schutz, kombiniert mit einem Mehrwert für den öffentlichen Raum. Die Barriere soll also gleichzeitig Pflanzkübel, Fahrradständer, Kiosk oder Lampe sein. Aufwendig, aber wirkungsvoll sind auch abgestufte Gelände und Straßenführungen, die zum Langsamfahren zwingen.

Jan Abt vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin bezweifelt allerdings den Nutzen endloser städtebaulicher Schutzmaßnahmen. Terroristen könnten leicht auf weniger gut geschützte Ziele ausweichen und ähnliche Aufmerksamkeit erzielen.

Jeden Platz zu sichern, wäre wiederum zu kostspielig – und teils auch nicht erwünscht. Denn es herrscht bei dem Thema eine gewisse Ambivalenz: „Menschen schwanken zwischen dem Gefühl von Sicherheit durch Polizeipräsenz und Poller und einer Angst dadurch, dass all die Vorkehrungen nötig sind“, sagt Norbert Gebbeken.