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Samstag, 23. Februar 2019

Erneuerbare Energien

Wärmewende auf Dänisch

Von Eva Augsten-Alves | 7. September 2017 | Ausgabe 36

Mehr als hundert Solarthermieanlagen speisen in Dänemark Wärme in Netze ein.

w - Solarwärme Dänemark
Foto: Arcon-Sunmark

157 000 m2 an Sonnenkollektoren des einheimischen Herstellers Arcon-Sunmark bilden im dänischen Silkeborg die größte Solarthermieanlage des Landes.

Aus der Luft betrachtet sieht die Gegend rund um die dänische Kleinstadt Silkeborg ziemlich blau aus. Das liegt nicht nur an den vielen Wasserflächen, sondern auch an fast 157 000 m2 an Sonnenkollektoren. Sie erzeugen etwa ein Fünftel der Wärme, die der Fernwärmeversorger Silkeborg Forsyning an seine Kunden liefert.

Silkeborg besitzt somit die größte von mittlerweile mehr als hundert Solarwärmeanlagen in Dänemark, die Wärme in Netze einspeisen. In der Summe nannten die dänischen Fernwärmefirmen Ende 2016 rund 1,3 Mio. m2 Sonnenkollektoren ihr Eigen. Das auf erneuerbare Energien und Wärmenetze spezialisierte dänische Beratungsunternehmen PlanEnergi zählte im vorigen Jahr 31 neue Anlagen und fünf Erweiterungen.

Dass die Kollektorfelder im vorigen Jahr schneller als je zuvor aus den dänischen Wiesen wuchsen, lag an einem Stichtag zum Jahresende: Fernwärmeunternehmen und Regierung hatten 2012 vereinbart, dass die Wärmenetze jährlich um einige Prozent effizienter werden sollten.

Wärmeerzeugung aus Solarenergie durften die Netzbetreiber auf diese Ziele anrechnen, sofern die Anlagen bis Ende 2016 ihren Betrieb aufnahmen. Wer mehr sparte, als er musste, konnte Überschüsse in einer Art Zertifikatehandel verkaufen – und erzielte dafür zuletzt rund 7 Cent/kWh. Da sich die Solarwärme in den dänischen Riesenanlagen für 3 Cent/kWh bis 4 Cent/kWh erzeugen lässt, war das ein gutes Geschäft.

Im Dezember 2016 beschlossen Energieministerium und Fernwärmefirmen eine Nachfolgeregelung, die bis 2019 gilt. „Momentan sind die Unternehmen mit dem Planen beschäftigt, sodass 2017 weniger Anlagen gebaut werden. Dann wird die Zahl aber wieder steigen“, sagt Per Alex Sørensen von PlanEnergi.

Dass Solarwärme in Dänemark so preiswert ist, hat viele Gründe. Ein guter Teil ist mit Skaleneffekten zu erklären. Vor zwei Jahren fusionierten die beiden größten Unternehmen auf dem Gebiet, Arcon-Solar und Sunmark Solutions, zu Arcon-Sunmark. Seitdem baut Arcon-Sunmark fast alle der dänischen Anlagen im Megawattformat – quasi am Fließband. Die eigens dafür entwickelten Großflächenkollektoren fertigt das Unternehmen in Dänemark und Vietnam. Nur wenige Projekte gingen 2016 an andere Unternehmen – namentlich an Savo-Solar aus Finnland und Aalborg CSP aus Dänemark.

Wäre es nur die Größe, die zählt, ließe sich das System auch auf Deutschland übertragen. Doch es kommt mehr zusammen. Die Dänen bauen ihre Anlagen auf Weideland, das für 2 €/m2 bis 4 €/m2 zu haben ist. In einigen Regionen Deutschlands gibt es zwar auch solche Landpreise – dort verlaufen aber meist keine Fernwärmetrassen, denn Fernwärme ist in Deutschland zumeist ein städtisches Phänomen.

„Die passenden Flächen zu finden, ist in Deutschland definitiv ein Hindernis für den Markt“, sagt Thomas Pauschinger vom Stuttgarter Forschungsinstitut Solites, das sich mit klimafreundlicher Wärmeerzeugung befasst. Eine Anlage mit dänischen Dimensionen auf Weiden oder Äckern würde in Deutschland zudem Naturschützer und Landwirte gegen die Solarwärme aufbringen. Sinnvoller wäre es daher, vorbelastete Gebiete zu nutzen, wie zum Beispiel ehemalige Deponieflächen, findet Pauschinger.

Dänische Fernwärmegesellschaften sind zudem meist kleine Genossenschaften. Sie haben kurze Entscheidungswege, dürfen keine Gewinne einfahren und bekommen billige Kredite, da die Kommunen für sie bürgen. Ganz anders in Deutschland. Dort sind die Gewinne der Stadtwerke von den Kommunen für ihre klammen Kassen fest eingeplant. Bevor groß investiert wird, wird mit spitzem Bleistift gerechnet und mehrfach geprüft.

Die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen des Netzbetriebs sind ebenfalls verschieden: In Dänemark erhielten Blockheizkraftwerke schon in den 1990er-Jahren, als viele der Wärmenetze entstanden, eine nach Tageszeit gestaffelte Vergütung für ihren Strom. Mit dem Ausbau der Windkraft in Dänemark wurde die flexible Fahrweise noch wichtiger.

An Sommerwochenenden, wenn der Stromverbrauch gering ist, lohnt es sich schon lange nicht mehr, Blockheizkraftwerke zu betreiben. Die Alternative, um die Grundlast in den Wärmenetzen zu decken, sind Schwachlastkessel, die mit hoch besteuertem Erdgas befeuert werden – oder eben Solarthermie. So entstanden immer mehr und immer größere Solarwärmeanlagen.

Eine direkte Förderung gibt in es in Dänemark nur für Pilotprojekte, denn die Anlagen rechnen sich dank der guten Rahmenbedingungen auch ohne Zuschuss.

Ganz anders in Deutschland: Hier können Wärmenetzbetreiber über das KfW-Programm „Erneuerbare Energien – Premium“ Zuschüsse erhalten – kleine Unternehmen sogar bis zu 65 % der Investition. Doch die Randbedingungen sind oft ungünstig. Viele Wärmenetze nutzen Abwärme aus Großkraftwerken oder aus Müllverbrennungen. Im Sommer gibt es daher Wärme im Überfluss.

Auch in Deutschland gibt es in letzter Zeit vermehrtes Interesse daran, erneuerbare Energien auch in Wärmenetze einzubinden. Viele Netzbetreiber wollen vor allem den sogenannten Primärenergiefaktor ihrer Wärme senken, der für die Einhaltung der Energieeinsparverordnung maßgeblich ist. So müssen die Fernwärmekunden bei Neubauten und Sanierungen weniger Geld in Energiesparmaßnahmen stecken – ein gutes Verkaufsargument für die Fernwärme.

Das bisher größte deutsche Projekt ist mit 8300 m2 die Solaranlage der Stadtwerke Senftenberg in Brandenburg. Im Gegensatz zu den typischen Anlagen in Dänemark nutzt sie Vakuumröhrenkollektoren, die bei den in Deutschland üblichen hohen Netztemperaturen bessere Erträge liefern. Einen Speicher gibt es nicht – die Anlage ist so ausgelegt, dass sie die Sommerlast gerade so abdeckt und ihre Wärme immer direkt ins Netz speist.

Auch etliche kleine Kommunen und „Bioenergie-Dörfer“ legen sich mittlerweile Solarwärmeanlagen zu. Speziell der Betrieb von Biomassefeuerungen ist bei der geringen Auslastung im Sommer nämlich wenig effizient.

Beispiele sind das Bioenergie-Dorf Randegg bei Konstanz oder das Projekt „Solarenergiedorf Liggeringen“ der Stadtwerke Radolfzell. Pauschinger bilanziert: „Dänemark eignet sich nur bedingt als Vorbild für deutsche Projekte. Aber auch hier bekommt Solarenergie für Wärmenetze gerade Drive.“